VOLKSKRANKHEITEN I BURNOUT

Neue Wege

gehen

Immer mehr Menschen fühlen sich überfordert, verlieren den Lebensmut und brennen aus. Doch man kann lernen, die Dinge anders zu sehen und anders auf Anforderungen zu reagieren.

Bewegung ist ein wichtiger Teil der Burnout-Therapie.

Prim. Dr. Friedrich Riffer, Leiter des Waldviertler Zen- trums für seelische Gesundheit

Noch in den 70er Jahren galt sie als Krankheit der Manager. Heute sehen die Ärztinnen und Ärzte immer mehr Men- schen aus allen Berufsgruppen mit dem Krankheitsbild Burnout. Und es sind nicht mehr nur die 40- und 50-Jähri- gen, bei immer mehr Menschen  beginnt es bereits im jungen Erwachsenenalter. Nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, was genau sich hinter Dauermüdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit und sozialem Rückzug verbirgt. Der Hausarzt oder ein Facharzt für Psychiatrie kann dem Betroffenen weiterhelfen. Und Hilfe gibt es, beispielsweise in der Rehaklinik Gars am Kamp.

In der Versorgungsregion Waldviertel gibt es ein breites Angebot für Patientinnen und Patienten: Im Landesklinikum Waidhofen/Thaya versorgt die von Prim. Dr. Friedrich Riffer geleitete psychiatrische Abteilung, das Waldviertler Zen- trum für seelische Gesundheit, Menschen in schwersten Krisensituationen. Dort müssen Menschen mit Burnout aber meist nicht versorgt werden. Bei einem Burnout, das ambulant nicht ausreichend behandelbar ist, bietet sich eine sechs- bis achtwöchige Auszeit in Gars am Kamp an, wo das Team auf dieses Krankheitsbild spezialisiert ist. „Bur- nout hängt meist mit Überforderung am Arbeitsplatz zusammen. Und es entsteht über einen längeren Zeitraum.“ Pri- marius Riffer spricht von einem Erschöpfungszustand, der bis zur schweren Depression führen kann. Betroffene zie- hen sich oft stark zurück und erzählen über ihre Überforderung. Dabei sollten Angehörige hellhörig werden und zur Annahme von Hilfe ermutigen. „Jeder Mensch hat eine Schatzkiste an Dingen, mit denen er sich gut erholen kann. Wenn jemand in ein Burnout rutscht, reichen die gewohnten Strategien wie Lesen, Sport oder ein Entspannungswo- chenende jedoch nicht mehr aus.“ Man strengt sich noch mehr an, will sich zusammenreißen, versucht alles Mögli- che – und rutscht doch immer tiefer in das Gefühl hinein, ausgebrannt zu sein. Allein kommt man nicht mehr aus die- ser Abwärts-Spirale, ist immer öfter krank und die Situation verschärft sich zunehmend. Spätestens jetzt sollte man sich Hilfe holen.


Hilfe holen

Gerade besonders engagierte Menschen, die alles richtig machen wollen, können leicht in diesen Strudel geraten. Die Erschöpfung kann dann bis zur schweren Depression führen, und körperliche Erkrankungen häufig dazukom- men. Doch so weit sollte man es nicht kommen lassen. Haus- und Fachärzte überweisen Menschen mit Burnout in Einrichtungen wie die Rehabilitationsklinik Gars am Kamp. „Denn diese Menschen sind krank und brauchen Unter- stützung, um wieder zu ihren gewohnten Kräften zu kommen“, weiß Riffer.

Will man aus einem Burnout aussteigen, muss man alte Lebensmuster hinterfragen: Was hat mich dahin geführt? Reagiere ich angemessen auf Leistungsdruck? Was brauche ich, damit es mir gut geht? Was kann ich tun, um mich zu erholen? Wichtig ist der Faktor Zeit, sagt Riffer: „Viele Patienten halten sechs Wochen zunächst für eine zu lange Zeit, um gesund zu werden. Doch wir sehen, dass meist ab der dritten, vierten Woche nachhaltige Veränderung, die Gesundung, sichtbar wird. Deshalb kann ein Aufenthalt auch bis zu acht Wochen dauern.“ Denn das neu Gelernte soll man auch allein zu Hause und im Arbeitsleben umsetzen können, damit man nicht wieder in die Abwärts-Spirale schlittert.


Selbsterkenntnis

Wie schafft man es im stressigen Berufsleben die Schultern fallen zu lassen – und auch unten zu lassen? Gute Fra- ge! Sich selbst besser kennenzulernen ist die Basis, um das eigene Verhalten zu verändern. Mit Ergotherapie zum Beispiel, wo Patienten selbst etwas herstellen, eine Skulptur aus Ton zum Beispiel. Anfangs fällt ihnen das schwer, weil sie oft zu hohe Anforderungen an sich stellen. Doch durch die fachliche Unterstützung  des Therapeutenteams können sich die Patienten dabei „im Tun“ neue Verhaltensweisen aneignen. Wie sie das im Alltag umsetzen, wird in den Therapiegesprächen erarbeitet.


Selbsttherapie

Ein wesentlicher Faktor für die seelische Gesundheit ist Bewegung, berichtet Psychiater Riffer: Dazu gibt es wunder- bare wissenschaftliche Belege. „Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Und hilft zum Beispiel auch sehr gut bei depressiven Verstimmungen und Depressionen.“ Körperliche Fitness unterstützt das Erlangen psychi- scher Gesundheit. Aber auch den eigenen Körper wieder spüren und die Natur wahrnehmen sind wertvolle Baustei- ne. Aber wie schafft man das, wenn man sich traurig und müde fühlt? „Einmal am Tag 30 Minuten im Freien, und wenn es ‚nur‘ Gehen ist, ist ein Anfang. Langsames Steigern und die Regelmäßigkeit  führen zum Erfolg“, rät Riffer. In Gars am Kamp machen die Patienten mindestens vier Stunden Bewegung pro Woche.

Ist man denn nach einer Rehabilitation wieder gesund? Nachbetreuung sei schon nötig, weiß Riffer. Wie die aus- sieht, ist bei jedem Menschen anders. Wichtig sei die Hinwendung zu sich selbst: Spüren, was man braucht, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wieder- und neu entdecken. „Es geht darum, das Leben gut gestalten zu kön- nen. Dafür bringt man viel mit. Die Menschen wissen meist sehr gut, was sie für sich brauchen, um wieder gut ‚ins Leben zu kommen‘. Wir helfen Ihnen dabei. Ein Burnout ist keine Niederlage, sondern eine Krise, die man als Chance wahrnehmen sollte. Denn sie verhilft zum guten Leben.“


Riki Ritter-Börner

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erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2017