HÄMORRHOIDEN

Foto: istockphoto/ takasuu, Peter Köbke-Freitag

Tabuzone

Hämorrhoiden: Aus Scham schieben viele den Arztbesuch zu lange auf.

Jeder gesunde Mensch besitzt sie: Hämorrhoiden. Es sind Gefäßpolster, die aus einem Geflecht von Arterien und Venen beste- hen und im untersten Bereich des Mastdarms angesiedelt sind. Gemeinsam mit den Schließmuskeln des Afters haben sie eine wichtige Funktion: Sie sorgen für die Abdichtung des Analkanals, damit kein Stuhl austreten kann. Bei der Darmentleerung weicht das Blut aus diesen Gefäßpölsterchen, damit die unverdaulichen Nahrungsbestandteile als Stuhl ausgeschieden werden können. Problematisch wird es erst, wenn sich die Hämorrhoiden krankhaft vergrößern und beim Stuhlgang nicht mehr ab- schwellen. Im fortgeschrittenen Stadium wölben sie sich beim Pressen aus dem After. Abhängig vom Schweregrad der Erkran- kung ziehen sie sich entweder von alleine zurück oder müssen zurückgeschoben werden.


Typische Symptome

Umgangssprachlich wird die Erkrankung meist als „Hämorrhoiden“ bezeichnet. Medizinisch korrekt geht es um den Begriff Hä- morrhoidal-Leiden. Es macht sich durch Juckreiz, Brennen und Nässen in der Analregion oder Schmerzen beim Stuhlgang be- merkbar. Weitere Symptome sind Blutungen, die sich am Stuhl oder als hellrote Blutspuren auf dem Toilettenpapier oder in der Unterwäsche zeigen. Betroffene schämen sich, über die Beschwerden zu sprechen, und schieben der Arztbesuch lieber auf die lange Bank. „In der Regel berichten die Patienten über einen lange andauernden Leidensweg. Meistens versuchen sie zuerst, mit Salben oder Hausmitteln eine Besserung herbeizuführen. Der Weg zum Arzt erfolgt erst sehr spät“, berichtet Dr. Thomas Starkl, Facharzt für Chirurgie und Gefäßchirurgie in St. Pölten.


Volkskrankheit

Dabei handelt es sich um ein weit verbreitetes Leiden. Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass rund die Hälfte der über 30- Jährigen – darunter mehr Männer als Frauen – zeitweilig mit Beschwerden im Analbereich zu kämpfen haben. Zwar ist unge- klärt, warum manche Menschen erkranken und andere nicht, als Risikofaktoren gelten aber ballaststoffarme Kost, sitzende Tä- tigkeiten, Bewegungsmangel, Stress, geringe Flüssigkeitszufuhr, Schwangerschaft, Übergewicht und chronische Verstopfung.

Zu Beginn der Erkrankung komme es zu einem unangenehmen Gefühl im Afterbereich, erklärt Thomas Starkl. Geringere Be- schwerden wie Juckreiz können mit speziellen Salben oder Zäpfchen behandelt werden. In den drei Anfangsstadien der Erkran- kung hilft eine Injektionstherapie (Sklerosierung) oder eine Gummiband-Ligatur, bei der ein Teil des Hämorrhoidal-Schwellkör- pers abgebunden und zum Absterben gebracht wird. „Beide Behandlungsmethoden sind schmerzfrei“, erläutert Starkl. Bei dau- erhaften Beschwerden sowie stark vergrößerten Hämorrhoiden bleibt meist nur deren operative Entfernung im Krankenhaus. Schon bei beginnenden Beschwerden sei ein Arztbesuch anzuraten, will Starkl Betroffenen Mut machen: „Je früher die Behand- lung beginnt, desto schneller und unkomplizierter kann das Hämorrhoidal-Leiden beseitigt werden.“


Jacqueline Kacetl

INTERVIEW


Operative Hilfe

Woran erkennt man Hämorrhoidal-Leiden?

Meistens sind die ersten Anzeichen Nässen und Jucken. Auch das Gefühl, wund zu sein, kann auftreten. Seltener sind Blutspuren und Schmerzen beim Stuhlgang.


Was sind die häufigsten Ursachen?

Unregelmäßiger oder hastiger Stuhlgang,

Pressen beim Stuhlgang, Bewegungsmangel, Kraftanstrengung, Schwangerschaft und

natürlich eine ungesunde, vor allem ballaststoffarme Ernährung sind die häufigsten

Ursachen. Auch eine genetische Veranlagung wird diskutiert.


Was empfehlen Sie, um vorzubeugen?

Da es sich um eine Erkrankung des Bindegewebes handelt, das mit einem Elastizitäts- verlust einhergeht, können die Probleme nach erfolgreicher Behandlung nach einiger Zeit wiederkehren. Um dies zu verhindern oder den Zeitpunkt hinauszuzögern, emp- fehle ich gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, das Vermeiden außergewöhnli- cher Kraftanstrengungen und einen Stuhlgang ohne Hast.

Dr. Thomas Starkl,

Facharzt für Chirurgie

und Gefäßchirurgie in

St. Pölten

Behandlung


-Das Entfernen von Hämorrhoiden des ersten und zweiten Grades erfolgt überwiegend mit Gummiband-Ligaturen. Der Arzt saugt dabei die Hämorrhoiden an und schnürt sie mit Gummibändern ab. Das abgeschnürte Gewebe wird dann nach einigen Tagen vom Körper abgestoßen. Dieses Verfahren bietet sich in manchen Fällen sogar im dritten Stadium an.

-Alternativ kommt die sogenannte Sklerosierungstherapie zum Einsatz, eine Verödung mittels Injektion entsprechender Substanzen. Das Hämorrhoidenpols- ter wird durch das Absterben des behandelten Gewebes kleiner und kann sich wieder in den Enddarm zurückbilden. Bei Schwangeren sowie Patienten mit akut entzündeten Hämorrhoiden, Bluthochdruck oder Neigung zu Thrombosen wird der Arzt in der Regel eine andere Behandlungsform wählen.

-Weitere Behandlungsmethoden sind die Verödung mit Hilfe von Infrarotstrahlung (Infrarotkoagulation) sowie die Vereisung mit Lachgas oder flüssigem Stick- stoff (Kryohämorrhoidektomie).

-Hämorrhoidal-Arterien-Ligatur (HAL): Dabei spürt der Arzt die Hämorrhoidalknoten mit einem Ultraschallgerät auf und umsticht sie, um die Blutzufuhr zu drosseln.

-Rekto-Anale-Pexie (RAR): Wie bei der HAL-Methode werden die zuführenden Gefäße im Mastdarm, der nur wenig schmerzempfindlich ist, mit einer speziel- len Ultraschallsonde exakt aufgesucht und unterbunden. Dann wird die Schleimhaut mit einer Naht weit im Inneren gestrafft.

-Longo-OP: Operation nach der Methode von Professor Longo, bei der die Gefäße mit einem mechanischen Klammernahtgerät unterbunden werden.

Quelle: Dr. Thomas Starkl

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2018