FotoS: Lebens.Med Zentrum Bad Erlach

GESUND WERDEN & BLEIBEN - REHABILITATION

Gut leben lernen nach Krebs

Onkologische Rehabilitation in einem spezialisierten Haus nach der Krebstherapie verbessert die Lebensqualität deutlich und sorgt damit auch für eine bessere Prognose.

36.000 Menschen erkranken pro Jahr in Österreich an Krebs. Tendenz: steigend, weil die Menschen äl- ter werden. „Wir sind bei der Krebsbehandlung in den Akutkliniken weltweit spitze“, weiß der Internist Dr. Alexander Gaiger. Er ist Ärztlicher Leiter der Abteilung Onkologische Rehabilitation im Lebensmed.- Zentrum in Bad Erlach, das sich darauf spezialisiert hat, Menschen nach einer Krebsbehandlung wie- der zurückzubegleiten in ihren Alltag. Denn die Diagnose Krebs sowie die Behandlungen selbst kön- nen für Körper und Seele sehr belastend sein.

In der Akutversorgung fehlt für viele Dinge die Zeit – Zeit, die Patienten brauchen würden, um sich mit allen Aspekten ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und sich von den entsprechenden Therapeu- ten dabei begleiten zu lassen. Doch dafür hat die Pensionsversicherungsanstalt gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium und engagierten Ärztinnen und Ärzten Abhilfe geschaffen: Fast in jedem Bun- desland gibt es bereits eine stationäre onkologische Rehabilitation. In Niederösterreich im Lebensme- d.Zentrum in Bad Erlach bietet das Team um Prim. Gaiger einen wissenschaftlich evaluierten Mix an Therapie und Begleitung an: Hier können Betroffene nach einer abgeschlossenen Krebsbehandlung alle Unterstützung bekommen, die sie für das körperliche und seelische Verarbeiten der Krankheit und für das Wiedererwerben aller nötigen Funktionen des Körpers brauchen. Gaiger selbst hat viel ge- forscht und kann eindrucksvoll belegen, wie wichtig Onko-Reha ist. „Mit Wellness hat das nichts zu tun – hier geht es um eine evidenzbasierte hoch wirksame Behandlung.“ Mit nachhaltiger Wirkung, wie Be- fragungen sechs und zwölf Monate nach der Reha belegen.


Wieder leben lernen

Zum Beispiel Prostata-Krebs: Betroffenen geht es nach der Diagnose und in der Therapie anfangs erst einmal um das Überle- ben – „zu diesem Zeitpunkt wird das Thema Sexualität eher noch keine Rolle spielen“, weiß Gaiger. Vielleicht sind sie nach ei- ner OP und Chemotherapie inkontinent, können also den Harn oder den Stuhl oder beides nicht halten. Also kümmert man sich in der Rehabilitation zuerst um dieses für die Lebensqualität entscheidende Thema: Was kann man tun? Was schafft man durch Training? Wie geht man mit irreparablen Dingen um und wie lebt man so gut wie möglich damit? „Hier arbeitet das Reha-Team eng mit den Urologen zusammen, und vieles lässt sich erreichen“, macht Gaiger Betroffenen Mut. Ist die Konti- nenz gesichert, wird die Sexualität rasch wieder zum Thema. Und auch hier gibt es in der Rehabilitation zahlreiche Möglich- keiten zur Unterstützung – durch Psychologen ebenso wie durch Physiotherapeuten. Das Team hat sehr gute Erfahrungen da- mit, die Partnerin des Betroffenen einzubeziehen und das Paar gemeinsam einen Weg finden zu lassen.


Auf die Seele achten

Gaiger ist auch Psychoonkologe, also spezialisiert auf alle Themen, die mit den Auswirkungen von Krebs auf die Psyche zu- sammenhängen. Er sagt: „In der Rehabilitation geht es uns ganz stark darum,

Prim. Univ.-Prof. Dr.

Alexander Gaiger ist

Ärztlicher Leiter der

Abteilung Onkologische Reha- bilitation sowie

Wissenschaftlicher Leiter des Lebens.Med Zentrums

in Bad Erlach.

alles, was gesund ist, zu stärken.“ Eine große Rolle bei einer Krebserkrankung spielt die Angst, vor allem die vor einem Rückfall. Doch das Risiko, wieder Krebs zu bekommen, ist eigentlich nicht höher als bei einem gesunden Men- schen. Durch das Erlebte wird die Gefahr aber als größer wahrgenommen. Eine gute psychologische Begleitung kann Menschen mit und nach einer Krebserkrankung enorm helfen. Denn Studien zeigen auch, dass das Risiko, an Depressionen und Ängsten sowie schädlichem Stress zu leiden, bei Krebspatienten höher ist, aber durch eine Rehabilitation signifikant sinkt. Dank einer Rehabilitation leiden Betroffene auch seltener oder weniger an der ge- fürchteten chronischen Müdigkeit. Und auch posttraumatische Belastungser- scheinungen kann eine Rehabilitation verhindern oder deutlich lindern. Und gerade bei Menschen, denen es nach der Therapie schlecht geht, kann ein Reha-Aufenthalt viel und nachhaltig wirken.


Langfristig motivieren

Menschen mit einer Krebserkrankung müssen oft für längere Zeit Medika- mente einnehmen – Medikamente, die unangenehme Nebenwirkungen haben können. Geht es den Betroffenen gut, sinkt die Bereitschaft, die vorgeschriebene Medikation einzuhalten. Auch hier hilft die Rehabilitation, langfristig dranzubleiben, weiß Gaiger: „Es geht darum, Betroffenen ihre Krankheit begreifbar zu machen. Gelingt das, bleiben sie auch langfristig dran.“


Den Körper fit machen

Ein wesentlicher Baustein in der Rehabilitation ist die Medizinische Trainings- therapie, für deren Wirksamkeit es zahlreiche Studien gibt: Patienten werden ermutigt und dabei begleitet, Bewegung in ihren Alltag zu bringen. Walken, laufen, Rad fahren – was Betroffene gern machen, tut ihnen auch gut. Gene- rell zeigen zahlreiche Studien, wie wirksam Bewegung Menschen mit Darm-, Brust- oder Prostatakrebs hilft, gesund zu bleiben. Ebenso wirksam ist die Be- wegung übrigens auch in der Prävention, weiß Gaiger und rät, sich für die ei- gene Gesundheit zu mehr Bewegung im Alltag zu motivieren: „Es ist wirklich spannend: Durch Bewegung stellt sich der Stoffwechsel um, und das zeigt ei- nen direkten Anti-Tumor-Effekt.“ Damit sinkt bei Erkrankten das Rückfallrisiko und steigt die Überlebensrate.

Rehabilitation ist nicht Wellness


Bei einem Rehabilitationsaufenthalt in einem Zen- trum für die onkologische Rehabilitation geht es nicht um Wellness, sondern um eine evidenzba- sierte hoch wirksame Behandlung, damit Krebser- krankte nach der Therapie wieder fähig werden in ihren sozialen und / oder beruflichen Alltag zu- rückzukehren und sich in ihrem sozialen Umfeld trotz allem Erlebten und manchen womöglich irre- parablen Veränderungen wieder einzugliedern.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06+07/2017