DANKBARKEIT

Das Geheimnis der Dankbarkeit


Ein Dankbarkeitstagebuch birgt immer Antworten.

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Dankbarkeit ist weit mehr als ein altmodisches

Wort, das nur zu Weihnachten Konjunktur hat.

Eine dankbare Lebenseinstellung macht glücklich und stark. Probieren Sie es aus!

Johannes Rieder, Arbeits- kreisleiter der »Gesun- den Gemeinde« Poysdorf

Bald werden die Lichter am Weihnachtsbaum brennen, wir werden unsere Lieben um uns scharen, einander beschenken, der Abwesenden gedenken. Und in die Freude rund um dieses große Fest wird sich vielleicht auch Dankbarkeit mischen – nicht nur für die Geschenke, die wir an diesem Tag empfangen, sondern für vieles, was uns das Leben an Schönem und Gutem gebracht hat. Weih- nachten: nicht nur ein Fest der Freude und der Liebe, auch eines der Dankbarkeit. Die im Alltag abe- r oft untergeht, denn dankbar zu sein hat in unserer Welt des Wohlstands und Überflusses kein ange- sagtes Image. Das, was wir haben, sehen wir als selbstverdient und selbstverständlich an, und wir glauben, Anspruch auf Erfolg, Absicherung und Gesundheit zu haben. Das Wort Danke führen wir zwar oft im Mund, doch was uns fehlt, ist eine Haltung der Dankbarkeit als bewusste Lebenseinste- llung, die uns aber glücklich und stark machen könnte- .


Glücklich & stark

Einer, der darum weiß, ist Johannes Rieder. Der Arbeitskreisleiter der »Gesunden Gemeinde« Poysdorf beschäftigt sich seit zehn Jahren mit diesem Thema und hat die Dankbarkeit zu einem seiner wichtigsten Lebensinhalte gemacht: „Ein runder Ge- burtstag war für mich Anlass darüber nachzudenken, was mir im Leben alles geschenkt wurde und was ich an Besonderem e- rfahren habe. Ich war überwältigt von der Fülle, die sich vor mir auftat. Auf den Rat eines Freundes hin begann ich damals, ein Dankbarkeits-Tagebuch zu führen. Das wurde für mich zu einer fundamentalen Lebenserfahrung, die ich nicht mehr missen möchte.“ Parallel zu seiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema begann er, sich mit der wissenschaftlichen Litera- tur zu diesem Thema zu beschäftigen. Auch das beeindruckte ihn zutiefst, denn die psychologische Dankbarkeitsforschung kommt zu dem Schluss, dass Menschen, die ihr Gefühl der Dankbarkeit kultivieren, eine ganze Reihe messbarer Vorteile genie- ßen – Vorteile, die unabhängig von Lebensumständen sind. So fördert Dankbarkeit etwa das subjektive Wohlbefinden und ver- mindert negative Gefühle wie Neid, Groll oder Bitterkeit, sogar depressive Verstimmungen und Stresssymptome. Wer dankbar ist, kommt besser mit Lebensübergängen zurecht und bewältigt Schicksalsschläge besser, ist empathischer und großzügiger, hat meist gute und intensive soziale Beziehungen und ein starkes Urvertrauen und Selbstwertbewusstsein- .

Vieles davon hat auch Johannes Rieder für sich erfahren. „Bei mir hat sich chronisches Wohlbefinden eingestellt. Die Aufmerk- samkeit für das Gute hat sich verstärkt und ich kann mich jederzeit – unabhängig von meinen aktuellen Lebensumständen – die- ser erneuerbaren Energie widmen. Dafür gibt es immer Gelegenheit: Ich erkenne Begegnungen, Ereignisse und Reaktionen als wertvoll und anerkenne und würdige sie, ich bin eben dankbar dafür.


Fülle des Lebens erkennen

Johannes Rieder hält mittlerweile zahlreiche Vorträge zu diesem Thema. Er weiß, dass wir jede Erfahrung auf zwei Arten be- trachten können: mit den Augen des Mangels oder mit den Augen der Fülle. „Wenn wir uns auf die Fülle ausrichten, spüren wir die Fülle im Leben. Wenn wir uns auf den Mangel ausrichten, spüren wir den Mangel. Unsere Aufgabe besteht darin, die Fülle zu erkennen, sie zu nähren und zu teilen.“ Er berichtet, dass er immer wieder Menschen begegnet, die dankbar sind, obwohl sie Schlimmes erlebt haben oder in schwierigen Umständen leben. „Diese Menschen fühlen sich nicht als Opfer, sondern auch als Beschenkte und können vom Warum zum Wozu kommen. So gesehen gibt es keine Grenze, die Macht von positiven Gefühlen im Leben wirksam werden zu lassen.“

Freilich ist diese Haltung nicht allen Menschen möglich und Dankbarkeit wird in einer Welt des Überflusses auch nicht gefördert – im Gegenteil. Medien und Werbung spielen mit unseren Wünschen und Ängsten, erfinden ständig neue Bedürfnisse und kult- ivieren Undankbarkeit mit dem, was wir haben und was wir sind. Trotzdem können wir uns besinnen, vielleicht die Gelegenheit eines Festes wie Weihnachten nützen, um zu erkennen, dass tief empfundene emotionale Erfahrungen wie Freude, Dankbar- keit, Wertschätzung, Liebe und Hoffnung wie Katalysatoren wirken, die eine positive Grundstimmung entfachen. Religiosität ist keine Bedingung dafür, aber: „Dankbarkeit besitzt eine spirituelle Qualität, die über religiöse Traditionen hinausgeht“, sagt J- ohannes Rieder. „Danken ist immer eine Erfahrung der besonderen Wahrnehmung, der Transzendenz. Das heißt, dass Danken über den Horizont hinausgeht und immer eine Antwort birgt.


Straße froher Botschaften

So kommen wir vielleicht auch zur Erkenntnis, dass das Leben an sich ein wunderbares Geschenk ist, auf das wir kein Anrecht haben, das wir aber genießen dürfen – etwa mit einer geglückten Beziehung, einem gesunden Kind, einer berührenden Melodie, einem passenden Wort, einem guten Einfall. „Der Dankbare lebt nicht in einer anderen Welt, er erlebt dieselben Krisen, Rüc- kschläge und Enttäuschungen, aber er geht anders damit um, denn er erkennt, anerkennt und würdigt, dass er beschenkt ist“, sagt Johannes Rieder. Er betont, dass es Gefühle sind, die unsere Wirklichkeit formen, und dass diese erst bedeutsam werden, wenn wir das, was wir fühlen, bewerten. „Jedes Wahrnehmen, Fühlen, Erleben, Denken und Handeln hinterlässt in unserem Ge- hirn eine Spur“, schreibt dazu der deutsche Psychiater Manfred Spitzer. „Wenn genug Spuren übereinander liegen, entstehen Trampelpfade und daraus schließlich Autobahnen, auf denen die Informationen immer rascher fließen. Je öfter die Straße froher Botschaften befahren wird, desto stattlicher breitet sie sich aus, bis hin zu einer prachtvollen Allee- .“

Wenn Sie auch auf dieser prachtvollen Allee dahinspazieren wollen, machen Sie es wie Johannes Rieder und unzählige Men- schen, die begonnen haben, ihr Gefühl der Dankbarkeit zu kultivieren. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, ein Dankbarkeits -Tagebuch zu führen und machen Sie sich einmal am Tag bewusst, was Ihnen Schönes, Angenehmes, Wertvolles widerfahren ist. Vielleicht ist das eine feine Begegnung mit einem anderen Menschen, ein nettes E-Mail, das Sie empfangen haben, ein herr- liches Naturerlebnis oder einfach nur die Tatsache, dass Sie glücklich sind, von lieben Menschen umgeben zu sein. Tun Sie das jeden Morgen oder jeden Abend und bringen Sie so die Dinge ans Licht, die Ihnen sonst alltäglich, gewohnt und selbstverstän- dlich erscheinen. Wenn Sie die Scheinwerfer Ihrer Aufmerksamkeit auf sie richten, wird es eine gute Nacht oder ein Tag, an dem Sie den Herausforderungen des Lebens gut begegnen können. Johannes Rieder empfiehlt noch eine andere Dankbarkeit- sübung: „Schreiben Sie einem Menschen, dem Sie schon lange danken wollten, einen Brief. Erzählen Sie darin, was dieser Mensch und sein Handeln für Sie und Ihr Leben bedeutet. Und wenn Sie besonders mutig sind, verabreden Sie sich mit ihm und lesen Sie ihm den Brief persönlich vor. Ich verspreche, es entsteht Außergewöhnliches.


Die alte Frau mit den Bohnen

Oder Sie machen es wie die alte Frau aus der Geschichte eines unbekannten Verfassers: Diese Frau verließ ihr Haus nie, ohne vorher eine Handvoll Bohnen einzustecken. Sie tat es nicht, um unterwegs die Bohnen zu kauen, sondern um die schönen Mo- mente des Lebens besser zählen zu können. Denn für jede Kleinigkeit, die sie tagsüber erlebte, zum Beispiel einen fröhlichen Tratsch auf der Straße, ein köstlich duftendes Brot, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, einen Moment der Stille, das be- freite Lachen eines Menschen, eine sanfte Berührung des Herzens, das Zwitschern eines Vogels – für alles, was die Sinne und das Herz erfreut, ließ sie eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es auch zwei oder drei Bohnen, die auf einmal den Platz wechselten. Abends saß die alte Frau zu Hause am Kamin und zählte die Glücksbohnen aus der linken Jackentasche. Sie zelebrierte diese Minuten, führte sich so vor Augen, wie viel Schönes ihr an diesem Tag wider- fahren war, freute sich darüber. Und sogar an den Abenden, an denen sie nur eine einzige Bohne zählte, war jeder Tag für sie ein glücklicher Tag – es hatte sich gelohnt, ihn zu leben- .



Gabriele Vasak

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018