HAUSARZT

Fotos: Nadja Meister

Der gute „alte“

Landarzt


Martha und Karl Danzinger können im hauseigenen Labor die wichtigsten Faktoren

selber analysieren. Früheragehörte dieses Zahnwerkzeug-Set samt Zange zum Zäh- neziehen zur fixen Ausstattung.


15.700 Menschen hat Danzinger in den fast 30 Jahren in Allentsteig begleitet.

Menschen „von der Wiege bis zur Bahre“ betreuen – das schätzt Dr. Karl Danzinger an seinem Beruf. Der Waldviertler Mediziner ist ein Hausarzt wie aus dem Bilderbuch.

   Eine große, saubere, mit viel Holz eingerichtete Ordi- nation mit vier Behandlungsräumen und Labor in einer ganzen Etage des Hauses Nr. 2 in der bergauf gehen- den, schmalen Kirchengasse in Allentsteig im Waldvier- tel. Mit  behindertengerechtem Eingang an der Rücksei- te des Hauses. Das ist der Arbeitsplatz von Dr. Karl Danzinger, Jahrgang 1960. Oder besser gesagt: einer der Arbeitsplätze. Denn Danzinger ist Landarzt durch und durch. Und arbeitet nebenbei als Arzt am Truppen- übungsplatz Allentsteig. Er kennt seine Patientinnen

und Patienten seit 29 Jahren, seit er hier in Allentsteig zu arbeiten begonnen hat. Und natürlich ist er immer wieder auf Visite. Wie aus dem  Bilderbuch klingt auch, was er über das Landarzt-Sein sagt: „Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich die Menschen hier wirklich von der Wiege bis zur Bahre begleiten kann.“ Seine Frau Martha, 56, diplomierte Krankenpflegerin, lernte Karl Danzinger während seines Turnus im damals noch Allgemeinen Öffentlichen Krankenhaus Gmünd kennen und lieben. Sie arbeitet in der Ordination, hat Fortbildun- gen in Wundbehandlung absolviert und kennt natürlich auch viele Geschichten und Schicksale der Patientinnen und Patienten.


Viel Erfahrung sammeln

Der Niederösterreicher macht schon während des Medizinstudiums in Wien Praktika in den Krankenhäusern in Waidhofen/Thaya, Korneu- burg und an der Unfallabteilung in Horn. Als Danzinger anschließend den Turnus in Gmünd absolviert, ist es noch völlig normal, zehn bis 15 Nachtdienste pro Monat zu machen. Den Plan, Internist zu werden, verfolgt er dann doch nicht. Nach dem Turnus absolviert er den Präsenzdienst und sammelt anschließend im ganzen Land als Praxis-Vertreter reichlich Erfahrung – von Reichenau an der Rax  bis Ho- henau an der March springt er ein. Und sieht, wie unterschiedlich man eine Hausarzt-Praxis organisieren kann.

Als der Landarzt in Allentsteig schwer erkrankt, übernimmt Danzinger auf Empfehlung seiner Mittelschullehrerin im August 1988 die Ver- tretung. Noch im selben Jahr arbeitet er als Militärarzt in St. Pölten und bewirbt sich nach dem Tod des Allentsteiger Arztes um die Plan- stelle. Danzinger setzt sich gegen neun Bewerber durch, kurz vor Weihnachten wird sie ihm zugesprochen – da ist er bereits Vater. Am 2. Jänner 1989 beginnt er seine heutige Tätigkeit in Allentsteig – und er liebt sie bis heute. Wegen der Menschen. Und „weil ich mich nicht auf ein Fach reduzieren muss, sondern eine Vielfalt an Anforderungen habe – eigentlich aus allen Fächern.“


365 Tage 24 Stunden bereit

1989 ist der Start in der eigenen Ordination – das ist nicht nur sehr lange her, damals herrschten andere Arbeitsumstände als heute, es gab keine Regelung für den Nachtdienst unter der Woche. Oder anders gesagt: 365 Tage im Jahr im Dienst, 24 Stunden am Tag bereit. Im ersten Jahr ist er gleichzeitig auch noch Militärarzt. Aber mit noch nicht einmal 30 Lebensjahren geht das. Er kauft das Haus in der Kir- chengasse, das er mit zupackender Unterstützung der ganzen Familie herrichtet. Es ist eine ehemalige Schule und ein Mädcheninternat der Bauernkammer, „wir sitzen grad im damaligen Klassenzimmer“, fügt der Mediziner hinzu. Mit vier Kollegen baut der Allentsteiger Land- arzt schon zu Beginn der 90er-Jahre ein Dienstrad auf, damit die jungen Familienväter nicht jede Nacht bereit sein müssen: Jeder der fünf Landärzte übernimmt den Nachdienst der vier Kollegen für eine Nacht pro Woche, „dadurch konnten wir die anderen Nächte ruhig schla- fen.“ Der jeweils diensthabende Arzt war damit für etwa 12.000 Einwohner zuständig. So macht es das Quintett dann auch mit den Wo- chenend-Diensten. Damals war dieser Service noch unbezahlt. Erst Anfang der 2000er-Jahre wurde der Ärzte-Nachtdienst organisiert; heute funktioniert er über die Nachtdienst-Rufnummer von Notruf NÖ. Damals, sagt Danzinger, „bin ich von den Älteren gut unterstützt worden. Wir haben per Telefon und Fax auch richtige Dienstübergaben gemacht nach den Wochenend-Diensten und den Wochentags- Nachtdiensten, und ebenso haben wir die gegenseitige Vertretung geregelt. So war und ist die Bevölkerung immer gut versorgt.“ Patien- ten des Sprengels konnten lückenlos betreut werden, man konnte seinen Urlaub planen und ebenso die Fortbildungen – „das lief bei uns schon sehr früh, und zwar gut strukturiert und kollegial. Wir funktionieren fast wie eines dieser geplanten Primärversorgungszentren, und das schon seit 30 Jahren“, schmunzelt Danzinger zufrieden.




15.700 Menschen begleitet

Was ist der Vorteil des Landarzt-Berufes? Danzinger schätzt es, das persönliche Umfeld seiner Patienten zu kennen. 15.700 Dateien sind in seinem Computer gespeichert. 15.700 Menschen und ihre Schicksale. „Weil ich die Familien kenne, weiß ich natürlich viel eher, um welche Krank- heiten es sich handeln könnte.“ Aber der Beruf hat sich verändert. Früher leistete er auch viele gynäkologische Untersuchungen und viele Kinder-Untersuchungen – „die kommen heute nur mehr am Wochenende oder bei 40 Grad Fieber zum Hausarzt“, sagt Danzinger. Weil er keinen Gynäkologie-Ultraschall hat, hat er den Gyn-Stuhl schon vor Jahren in die Ukraine verschenkt. Und die letzte Geburt? Er weiß es genau: Am 29. April 2010 entbindet er eine Frau zu Hause, weil es das kaum ein Kilo leichte Frühchen so eilig hat. Für das Baby muss schnell ein Inkubator in ein Rettungsauto gebaut werden, damit es in die Neonatologie im Landesklinikum Zwettl ge- bracht werden kann. Gern denkt er auch an die betagte Patientin, der er – und auch da weiß er das Datum ganz genau – am 30. April vor drei Jahren bei einer Visite das Leben gerettet hat: Die Blutgerinnung war „total entgleist“ und sie hatte Niereninsuffizienz. Nach einer einmaligen Dialyse war alles wieder gut. Nach drei guten Lebensjahren, die sie bis zum Schluss geistig fit genießen konnte, ist sie nun, mit 91 Jahren, gestorben.


Strukturelle Schwierigkeiten

Was drückt den Landarzt heute? „Die Demografie“, sagt er. Als er begann, hatte Allentsteig 3.000 Einwohner, heute sind es nur mehr 1.800. „Natürlich spürt man das, auch finanziell.“ Hin- zu kamen andere Veränderungen wie die Auflösung der Bauern-Krankenversicherung. Seither bekomme er für die Versorgung der Landwirte nur mehr ein Drittel des Entgelts – und er hat vie- le Landwirte in seinem Einzugsbereich. Trotzdem würde sich Danzinger wünschen, die Patien- ten umfassender versorgen zu können. Dass er die Arbeit in seiner Ordination nicht schon viel mehr wie in einem Primärversorgungszentrum organisiert hat, liege an vielen strukturellen Schwierigkeiten, etwa der der Abgeltung der Arbeit anderer Berufsgruppen. „Wir haben sehr vie- le Pflegefälle und Bettlägrige. Wenn ich hinfahre und Blut abnehme, wird das wesentlich besser bezahlt, als wenn meine Frau das als diplomierte Pflegekraft macht“, berichtet Danzinger, und ergänzt grinsend: „Dabei sticht sie besser als ich.“

Ähnlich ist es mit den Verbandwechseln – dabei ist seine Frau diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in chirurgischer Pflege. Fährt er selbst, gibt es Ki- lometergeld. Fährt seine Frau, gibt es keines. „Jetzt fahre halt ich. Das kostet Zeit und ist für die Allgemeinheit teurer – aber was sollen wir machen?“ Auch andere Tücken der Bezahlung ver- hindern seiner Meinung nach ein besseres Patienten-Management. Danzinger ist übrigens der Einzige in seinem Waldviertler Ärzte-Vertretungsquintett, der keine Hausapotheke hat. Gruppen- praxen seien sicher ein Weg für die Zukunft, aber auch hier brauche es noch Änderungen, „die Lösung muss praktikabel sein“. Eine Gruppenpraxis sei „ein Ehe-ähnlicher Zustand“, man müs- se sich aussuchen können, mit wem man eng zusammenarbeitet. Das sei derzeit nicht möglich. „Wenn sich jeder bewerben kann, ist das schwierig.“ Und die viel besprochenen Lehrpraxen? Vier Jungärzte hat Danzinger seit 2001 ausgebildet. „Sie waren sehr zufrieden, sagen, sie ha- ben bei mir viel gelernt. Gefördert worden ist nur die Ausbildung von einem der vier, die anderen drei hab ich voll finanziert.“ Auch alle nötigen Schritte für die neue Allgemeinmediziner-Ausbil- dung in Ordinationen hat er absolviert. Zusätzlich zum achtseitigen Rasterzeugnis aber „jetzt noch einen Aufsatz schreiben, wie ich ausbilden werde – das finde ich unnötig, das mache ich nicht.“ Also wird er künftig keine Jungärzte mehr ausbilden.


„Brauchen mehr Wertschätzung“

Kann er verstehen, dass sich nicht genug Ärztinnen und Ärzte für Ordinationen am Land mel- den? „Da gibt es viele Punkte“, sagt Danzinger nachdenklich. Das liege wohl auch an der feh- lenden Anerkennung des Allgemeinmediziners im Verhältnis zum Facharzt. Aber auch am Ent- gelt, und an den veränderten Vorstellungen der Jungen, die sich nicht mehr so aufreiben lassen wollen. Und an zahllosen Kleinigkeiten bei Ärztekammer, Sozialversicherungen und der zersplit- terten Finanzierung des Gesundheitssystems. „Ich wünsche mir eine größere Wertschätzung unserer Leistungen. Ich höre seit 30 Jahren, dass das besser werden soll, aber es geht eigent- lich nur ins Gegenteil.“ So fände er es sinnvoll, dass die Kassen mehr Leistungen bezahlen, etwa verschiedene Untersuchungen im Akut-Labor. „Wir Hausärzte müssten diagnostisch mehr Möglichkeiten bekommen. Dann könnten wir auch die Kliniken entlasten. Und zum Beispiel Menschen mit speziellen Fragestellungen in die Interdisziplinären Aufnahmestationen überwei- sen, nachdem sie bei uns waren – das wäre auf jeden Fall besser. Und es würden nicht so viele Menschen die Spitalsambulanzen stürmen.“ Was braucht man als Landarzt? „Eine verständnis- volle Familie“, sagt der dreifache Vater. „Und ein gutes Team.“ Denn die Arbeit mit seinen Pati- entinnen und Patienten, die liebt er. Trotz allem.


Riki Ritter-Börner

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2018