IM PORTRÄT

FotoS: Nadja Meister

Im Kreislauf

der Natur

In seiner kleinen, aber feinen Korbflechter-Werkstatt stellt Luc Bouriel Körbe und andere Alltagsge- genstände her.

In seiner kleinen, aber feinen Korbflechter-Werkstatt stellt Luc Bouriel Körbe und andere Alltagsge- genstände her.


In seiner Werkstatt in St. Andrä-Wördern stellt der Korbflechter

Luc Bouriel wunderschöne Stücke aus Flechtwerk her.

Plastiksackerl und Pappschachteln haben sie lange vom Markt und aus unserem Bewusstsein verdrängt: Schöne, in Handarbeit geflochtene Holzkörbe sind heute eher Raritäten als Alltagsgegenstände, und kaum einer verschreibt sich mehr dem Handwerk des Korbflechtens. Anders Luc Bouriel, ein in der Bretagne gebürtiger Franzose, den die Liebe nach Österreich verschlagen hat. In St. Andrä-Wördern betreibt er seit 2013 eine kleine, aber feine Korbflechter-Werkstatt, in der er mit Sachverstand und Liebe aus Weiden ge- flochtene Körbe und andere Gegenstände herstellt.

„Das Korbflechten ist ein uraltes Handwerk, das seit Menschengedenken auf der ganzen Welt ausgeübt wird. Geflechte wurden schon zur Zeit der Sammler hergestellt, und der älteste geflochtene Korb stammt etwa aus der Zeit um 10.000 vor Christus“, erzählt er mit ei- nem Leuchten in den Augen. Die Leidenschaft, mit der er dieses traditionsreiche Handwerk mit neuem Geist belebt, ist ihm deutlich an- zumerken.


Uraltes Handwerk

Tatsächlich hatten auch die Römer in frühgeschichtlicher Zeit einen hochentwickelten Weidenanbau und gebrauchten etwa weidene Korbstühle. Im Mittelalter flochten Fischer Reusen, Vogelfänger Käfige, Bauern Zäune und Transportkörbe, und in Deutschland wurden die ersten Korbflechter-Zünfte gegründet. Im Zeitalter der Industrialisierung nahm das Handwerk dann echten Aufschwung: In großen Betrieben stellte man im Akkord Stühle, Gebrauchskorbwaren und Transportkörbe her, und es gab fast nichts, was nicht in Körben und Korbflaschen transportiert wurde. Später wurde die Korbflechterei in die Rüstungsindustrie eingegliedert und war wieder hoch im Kurs, doch dann kam das Gewerbe in eine Krise, die bis heute andauert.

Luc Bouriel möchte dem entgegenwirken. Der 31-Jährige, der schon als Kind immer mit Holz spielte und bastelte, hat nach seinem ab- geschlossenen Studium der Biologie gespürt, dass ihm die Arbeit mit den Händen mehr liegt als das Theoretische. Also machte er sich auf nach Irland, wo er eine Permakulturschule besuchte. Dort lernte er nicht nur den nachhaltigen Gemüse- und Obstanbau, sondern auch die Korbflechterei kennen. „Das Korbflechten ist eines der besten Beispiele für Nachhaltigkeit und Ökologie in der Permakultur. Die Körbe sind aus Naturmaterialien, die bei uns wachsen, und für ihre Herstellung braucht man keine zusätzlichen Werkstoffe. Wenn sie ka- putt sind, kann man sie kompostieren. Und wenn man so will, kann man sich vorstellen, dass sie dann zu Erde werden, aus der wieder ein Baum wachsen kann“, sagt Luc Bouriel. Prinzipien wie diese sind ihm wichtige Anliegen, die er auch in seinem Handwerk hochhält.


Hobby & Beruf

Doch zurück zu den Anfängen: Nachdem der junge Franzose in Irland nicht nur das Korbflechten, sondern auch seine heutige Partnerin, eine Österreicherin kennengelernt hat, zogen die beiden vorerst nach Wien. Luc, der noch kein Wort Deutsch konnte, arbeitete zunächst als Landschaftsgärtner und betrieb das Korbflechten als Hobby, dessen Produkte bei seinen Freunden und Bekannten äußerst gut anka- men. „Ich freute mich über das Interesse und begann, erste Kurse in Korbflechten für Familie und Freunde anzubieten.“ Als die Nachfra- ge stieg und sich in St. Andrä-Wördern die Gelegenheit ergab, in einem Gemeinschaftsprojekt eine kleine Werkstatt zu bekommen, war es für Luc Bouriel keine Frage, sein Hobby zum Beruf zu machen.

Heute produziert er vor allem Körbe aller Art, aber auch Kinderrasseln, Lampen, Zeitungshalter etc. Dafür verwendet er Weidenruten, die er – noch – aus Belgien, Frankreich und Deutschland zukauft, aber er hat in St. Andrä-Wördern bereits sein eigenes Weidenfeld angelegt und rechnet damit, dass er damit schon in drei Jahren den Eigenbedarf für seine Arbeit decken kann. „Ich arbeite am liebsten mit Wei- denruten, denn die Weide ist ein in Europa heimischer Baum. Anders als bei vielen Tropenhölzern gibt es keine Ausbeutung der Holz- bauern.“


Technik & Meisterstücke

Die Technik, mit der Luc Bouriel vorwiegend arbeitet, nennt sich Burkina-Faso-Flechttechnik und stammt ebendaher. Der junge Mann versteht es, mit diesem Zopfgeflechtstil wunderschö- ne Produkte herzustellen. Die verkauft er dann auf Märkten, und manchmal ergibt sich auch ein großer Traumauftrag für ihn. „Besonders stolz bin ich auf vier Tierkopf-Masken aus Weidenholz, die ich für die Kostümausstattung in der Wiener Staatsoper gemacht habe; und auf einen riesi- gen Lampenschirm aus Weidenholz“, erzählt er mit einem Verweis auf das Café der Gemein- schaftswerkstätten in St. Andrä-Wördern, wo das Meisterstück hängt.


Kurse in Korbflechten

Luc Bouriel produziert nicht nur eigene Kreationen, er restauriert fallweise auch alte Stücke aus Korb, übernimmt Auftragsarbeiten und bietet Kurse in Korbflechten an. Die sind mittlerweile im- mer mehr gefragt. „Viele Leute lieben Körbe zum Einkaufen oder Transportieren von Waren. Und immer mehr Menschen interessieren sich für dieses Handwerk und möchten es erlernen, um ihren eigenen Korb herstellen zu können.“ In den Kursen, die in und rund um Lucs Werk- statt und am Areal des Dorfplatzes von St. Andrä-Wördern stattfinden, kann man Basiskennt- nisse des Korbflechtens und unterschiedliche Flechttechniken erlernen. Werkzeuge braucht man dafür übrigens nur wenige, und die stellt der professionelle Korbflechter den Kursteilneh- mern zur Verfügung. „Im Grunde kann man dieses Handwerk mit bloßen Händen und einer Gartenschere ausüben. Man kann es überall tun, man produziert keinen Müll und stellt damit langlebige Produkte her, die sich harmonisch in den Kreislauf der Natur einfügen“, sagt Luc Bouriel.  Seine Werkstatt nennt er übrigens Korbsalix. „Salix ist lateinisch und bedeutet Weide.“ Ganz schön durchdacht, der junge Mann.


Gabriele Vasak

Das Material Weidenholz


Der Baum galt seit jeher als Pflanze mit Heilkräften. Rinde und Blätter von Weiden wurden bereits im klassischen Grie- chenland als Heilmittel einge- setzt. Vor allem bei Fieber,

Magen-Darm-Erkrankungen und Blutungen verordneten die Ärzte die Einnahme von Wei- denextrakten. Sie haben eine fiebersenkende, schweißtrei- bende, schmerzstillende und keimtötende Wirkung. Nach der Einnahme wird der Wirkstoff in der Leber zu Salicylsäure um- gewandelt – daraus entstand später das Medikament Aspirin.

Luc Bouriel

Josef-Karner-Platz 1

3423 St. Andrä-Wördern

Tel.: 0676/3078822

www.korbsalix.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2018