WECHSELJAHRE

Das mache ich morgen!

Wie man dem inneren Schweinehund auf die Schliche kommt und ihm ein Schnippchen schlägt.

„Ich verschiebe nichts auf morgen, was ich nicht möglicherweise übermorgen erledigen kann“, bemerkte der englische Schriftstel- ler Oscar Wilde. Und beschreibt damit ein Phänomen, das für viele von uns alltäglich ist: Aufgaben, die Unlustgefühle auslö- sen, werden auf die lange Bank geschoben und auf morgen ver- tagt. Die Steuererklärung, die Hausaufgabe oder das Lernen für eine Prüfung erledigt man dann erst auf den letzten Drücker und unter zeitlichem Stress. Psychologen rechnen solche Verhaltens-

weisen der Gruppe der Erregungs-Aufschieber zu: Das Arbeiten unter Druck knapp vor einer Deadline lässt den Adrenalinspie- gel in die Höhe schnellen und spornt zu Höchstleistungen an. Erreicht man doch noch zeitgerecht das Ziel und erledigt den Auf- trag erfolgreich, stellt sich ein Hochgefühl ein. Wer vor allem Unlustgefühle vermeiden will, verliert sich oft in ewigen Vorarbeiten, ohne zum Kern der Aufgabe vorzudringen.


Was dahinter steckt

Allgemein sind negative Gefühle wie schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, Reue oder Angst aber ständige Begleiter der „Auf- schieberitis“. Dahinter verbergen sich meist Versagensängste, der Glaube an Perfektionismus, Scham, Angst vor Erfolg oder Minderwertigkeitsgefühle. Typisch ist auch, sich mit anderen Tätigkeiten wie telefonieren, im Internet surfen, essen oder aufräu- men abzulenken. In seinem Buch „Der innere Schweinehund bleibt zu Hause“ zeigt der Psychotherapeut Stefan Bienenstein in- nere Motive und Strategien auf, die zu Handlungsblockaden führen. Solche Motivationskiller können Glaubenssätze sein wie „Sport liegt mir nicht“ oder „Ich bin eben nicht gut in Mathematik“, die einem in jungen Jahren von Familienangehörigen oder Lehrkräften zugeschrieben werden. Später werden sie als Wahrheit verinnerlicht und entfalten ihre destruktive Kraft. Bienenstein weiß: „Mit einer negativen Grunderwartung, mit festsitzenden Glaubenssätzen, die einem Fähigkeiten absprechen, brauchen wir erst gar nicht an ein Projekt herangehen. Wir müssen zunächst unsere blockierenden Glaubenssätze erkennen, löschen und dann erst frei werden für Neues.“


Selbsterkenntnis

Eine Rolle bei der Aufschieberitis kann auch das Verharren in einer angstfreien Komfortzone spielen. Änderungen werden dann aus Angst vor dem Neuen gemieden. Das führt dazu, dass der Job trotz großer Unzufriedenheit nicht gewechselt oder die un- glückliche Beziehung weitergeführt wird. „Bei Lebensveränderungen wissen wir nicht, ob wir diesen überhaupt gewachsen sind oder ob wir uns nicht schrecklich blamieren werden. Oft gestehen wir uns Ängste nicht so leicht ein. Wir helfen uns mit Strategi- en, indem wir Motive und Gründe benennen, die es uns jetzt und hier unmöglich machen, etwas zu unternehmen.“ Sich das Le- ben aber mit zu vielen Gewohnheiten einzurichten, kann auf Dauer depressiv machen. Um der Angst vor Veränderung entge- genzuwirken, rät der Therapeut dazu, sich an geglückte Projekte aus der Vergangenheit zu erinnern, bei denen man Ängste überwunden hat. Der erste Schritt, um dem inneren Schweinehund das Handwerk zu legen, ist das Erkennen der eigenen Moti- ve und Konflikte, die zum Aufschieben führen. Helfen können auch fix eingeplante Tagesstrukturen, wie an bestimmten Tagen Sport zu treiben. In einem Projekttagebuch lassen sich zusätzlich positive, aber auch negative Veränderungen festhalten. Ver- bucht man Fortschritte, kann man sich selbst Belohnungen in Aussicht stellen, um die Motivation am Laufen zu halten.


Ernstzunehmende Störung

Internationale Studien zeigen, dass rund ein Fünftel der jeweiligen Bevölkerung regelmäßig Erledigungen vor sich herschiebt. Problematisch wird es, wenn ständiges Aufschieben zu einer psychischen Belastung wird und sich die Lebensqualität dadurch massiv verschlechtert. Werden wichtige berufliche Projekte nicht zeitgerecht realisiert oder der dringende Arztbesuch immer wieder verschoben, kann das bis zum Verlust von Job oder Gesundheit führen. Pathologisches Aufschieben bezeichnet die Wis- senschaft als Prokrastination. Sie gilt als Arbeitsstörung, die auch in Zusammenhang mit einer Angststörung oder Depression auftreten kann.


Jacqueline Kacetl

Foto: istockphoto/ Willee Cole

INTERVIEW

Dr. Stefan Bienenstein

ist Psychotherapeut

und Autor.

Den inneren Saboteur besiegen

Welche Gefühle und Motive liegen hinter dem „inneren Schweinehund“?

Die verhindernden Gefühle kann man vermutlich mit dem Wort Unbehagen beschreiben. Es ist eine Mischung aus Unlust, Ungewissheit bzw. Angst und Ablehnung der ganzen Aufgabe oder den – mitunter noch gar nicht durchdachten – erst erwachsenden Konsequenzen. Unser System fürch- tet sich, obwohl man selbst noch gar nicht konkret sagen kann, wovor. Unbehagen eben.


Warum verharren viele lieber in der Bequemlichkeit?

Frei nach dem Motto „Lieber das sichere Unglück als das unsichere Glück“ ist das Verharren – selbst wenn die Situation suboptimal ist – vertraut und gewohnt. Das Neue ist unbestimmt. Vertrau- tes, wenn auch problematisch, ist immer noch attraktiver als das Ungewisse.


Gibt es Persönlichkeitstypen, die anfälliger für das Aufschieben sind als andere?

Nein. Ein und dieselbe Person kann in einem Lebensbereich offensiv und anpackend sein und in einem anderen Lebensbereich alles aufschieben. Dass jemand insgesamt immer alle Dinge auf- schiebt, ist selten. Da wären wir schon in einer Pathologie. Allgemein gibt es Personen, die ihre Aufgaben schnell und zügig anpacken und solche, die es eherlangsam und behutsam angehen.


Mit welchen Methoden kann man Blockaden auflösen?

Die Erkenntnis des eigenen Aufschiebeverhaltens ist der Anfang. Wenn man aufhört, die eigenen Verhinderungs-Argumentationen zu glauben, dann ist das der nächste Schritt. Letztlich geht es um das Tun und nicht um das Darüber-Nachdenken. Um sich die Entscheidungen zu erleichtern, kann man sich eine Struktur schaffen, die es dann nur auszuführen gilt.


Wie kann so eine Struktur aussehen?

Das kann ein täglicher Tagebucheintrag sein oder ein Wochenplan, in dem die zu erledigenden Sa- chen vermerkt sind wie etwa ein Sport- oder Diätplan.

Dr. Stefan Bienen- stein:

Der innere Schweine- hund bleibt zu Hause. Wie man durch Moti- vation seine

Vorsätze verwirkli- chen lernt

ISBN: 978-3-7088- 0656-3

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2018