HEILKRAFT

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Seelentrost

Literatur

Lesen und Schreiben sind nicht nur klassische Kulturtechniken, sondern auch mächtige Seelentröster. Biblio- und Poesietherapie geben neue Antworten auf Fragen des Lebens und können auch bei psychischen Störungen hilfreich sein.

Dr. Norman Schmid,

Klinischer und

Gesundheitspsycholo- ge

„Von seinen Eltern lernt man lieben, lachen und laufen. Doch erst wenn man mit Büchern in Berüh- rung kommt, entdeckt man, dass man Flügel hat“, sagte die US-amerikanische Schauspielerin Helen Hayes. Tatsächlich bieten Bücher viel mehr als Unterhaltung, Zerstreuung und Amüsement. Sie regen die Fantasie und das Denken an, sie lassen Identifikation mit ihren Helden und Heldinnen zu, sie ber- gen Antworten auf viele Fragen des Lebens.


Doktor Buch

„Es gibt Bücher, die mehr helfen als tausend Therapiestunden“, sagt der Klinische und Gesundheits- psychologe Dr. Norman Schmid, der ein Buch zum Thema Bibliotherapie geschrieben hat. In „Auf der Couch mit Doktor Buch“ zeigt er auf, wie das Lesen von Büchern zu Therapie und Medizin werden kann und gibt Leseempfehlungen für verschiedene Probleme des Lebens. „Durch das Eintauchen in einen Roman kann man die Probleme des Alltags für eine gewisse Zeit vergessen, in die Geschichte versinken, sich wiederfinden, sich mit den Hauptdarstellern identifizieren und sich entführen lassen in eine neue Welt, die vielleicht Wege aufzeigt, die einem selbst helfen könnten, bestimmte Probleme im Leben zu meistern“, sagt der Psychologe. „Die Heilkraft der Literatur ist besonders dort stark, wo die klassischen Methoden der Psychologie und Psychotherapie an ihre Grenzen stoßen, wo es einen an- deren Zugang braucht.“


Lebensthemen

Doch wie funktioniert die Bibliotherapie in der Praxis? Üblicherweise bietet der Therapeut oder die Therapeutin bestimmte, individuell ausgewählte Romane zu bestimmten Lebensthemen an. Norman Schmid empfiehlt bei Liebeskummer zum Beispiel „Das fliehende Pferd“ von Martin Walser, bei De- pression und Sinnleere „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, zur Motivation für Lebensveränderungen „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann und bei der Suche nach dem Sinn des Lebens „Sid- dharta“ von Hermann Hesse oder „Der Sommer ohne Männer“ von Siri

Hustvedt. „Nachdem der Roman gelesen wurde, werden die Erlebnisse während des Lesens, die Er- kenntnisse, Aha-Effekte und auch Auswirkungen gemeinsam besprochen. Das verstärkt diese Wir- kungen und regt im Sinne der Ressourcen-

Aktivierung an, sodass sie auch über das Erlebnis des Lesens hinaus wirken können“, erklärt er.

„Die Bibliotherapie ist dabei immer in einen umfangreichen Therapieprozess eingebettet. So lassen sich bestimmte Geschichten und Erkenntnisse in der Hypnose weiter vertiefen oder in

der lösungsorientierten Therapie in praktisches Handeln umsetzen.“


Heilende Geschichten

Man muss übrigens kein großer Literaturkenner sein, um Bibliotherapie machen zu können – wir alle tun das schließlich immer wieder mehr oder weniger bewusst. Denn wir Menschen sind zeit unseres Lebens sehr empfänglich für erzählte oder aufgezeichnete Geschichten – mit ein Grund, warum auch Filme, Hörbücher oder Theaterstücke ähnlich wirken können wie Bücher. Heilend nämlich, denn über die Spiegelung eigener Probleme und die Identifikation mit dem Protagonisten kann man Trost erfah- ren, sich zu neuen Lösungswegen anregen lassen und man hat das Gefühl, mit seinem Problem nicht allein zu sein – immerhin ist es ja sogar zu einer mehr oder weniger berühmten Geschichte geworden.


Bei gravierenden Problemen

Dass Bibliotherapie auch bei gravierenden psychischen Problemen wirkt, hat sich vielfach gezeigt. „Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen, Burnout oder psychosomatische Beschwerden – die Liste der behandelbaren psychischen Probleme ist lang“, sagt Norman Schmid. „Bücher sind zugleich ein Medium, das über die therapeutische Sitzung hinaus weiterwirkt. Durch das Lesen wird man im- mer wieder neu angeregt und aktiviert, und damit kann ein Buch mitunter sogar intensivere Wirkung entfalten als eine Therapiesitzung.“

Der Psychologe ist überzeugt, dass Bibliotherapie bei fast allen Menschen funktioniert, das jeweilige Buch aber sorgfältig ausgewählt werden muss. Denn nicht immer braucht etwa ein depressiver Mensch ausschließlich „aufbauende“ Literatur; manchmal tröstet es schließlich, wenn es dem Roman- helden auch nicht gut geht. Und wieder andere, in düsteren Stimmungen Gefangene schätzen in ihrer Situation vor allem den Galgenhumor. So geschieht es bei der Bibliotherapie nicht selten, dass durch die richtige Anregung mit einem besonderen Roman sehr schnell eine Veränderung in Gang gebracht wird, die auf etwas andere Art wirkt als zig Therapiestunden, in denen jahrelang reflektiert und analy- siert wird.


Heilendes Schreiben

Vielleicht noch spannender, im deutschsprachigen Raum bis dato unbekannter als die Bibliotherapie, ist die Poesietherapie, bei der man angeregt wird, unter Anleitung eines Therapeuten Texte zu verfas- sen und darüber zu sprechen. Inhalte der Texte können zum Beispiel aktuelle Erlebnisse, biographi- sche Erfahrungen und Probleme sein, Symptome und Beschwerden, Sehnsüchte und Hoffnungen oder auch Fiktionen des Patienten. Im Schreiben kann es geschehen, dass sich Gedanken neu ord- nen und Gefühle klären. Erlebnisse, Fantasien, Ängste oder andere Beschwerden lassen sich so fass- bar machen, ausdrücken und kreativ gestalten, und all das fördert Einsichten und Sinnerleben. „Poe- sietherapie stärkt die kreativen Fähigkeiten von Menschen und damit auch ihre Problembewältigungs- Kompetenz. Sie trägt bei zur Persönlichkeitsentwicklung und zum Realisieren einer persönlichen Le- benskunst. Diese Therapieform braucht mehr Anleitung als die Bibliotherapie, ist ideal in einer Grup- pe, in der man entsprechend unterstützt wird“, sagt Norman Schmid.


Grenzen

Der erfahrene Psychologe kennt aber auch die Grenzen der beiden vor allem im angloamerikanischen und skandinavischen Raum weit verbreiteten Therapieformen und betont, wie wichtig die richtige Wahl eines Buches ist. Denn manche Literatur kann retraumatisieren und alte Wunden aufbrechen lassen. Und: „Wenn jemand in einer extremen Krise steckt und sich nicht auf das Lesen konzentrieren kann, muss man zunächst mit anderen Methoden stabilisieren, bis das Außen wieder wahrgenommen werden kann.“

Dann steht dem Angenehmen wie Nützlichem der Biblio- und Poesietherapie nichts mehr im Weg. Darum sei noch ein Zitat des britischen Schriftstellers Aldous Huxley an den Schluss gestellt: „Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten

Möglichkeiten.“ Dem ist nichts hinzuzufügen,  außer dass Schreibende wahrscheinlich zwei Schlüssel und noch mehr unerträumte Möglichkeiten haben.


Gabriele Vasak

BUCHTIPP

Norman Schmid: Auf der Couch mit Doktor Buch

In den großen und manchmal auch kleinen Werken der Weltliteratur findet man Fra- gen und Antworten zum Sinn und Unsinn unseres Daseins, zu Liebe, Glück und Neugier, aber auch zu schwierigen Themen wie Mutlosigkeit und Depression. Legen Sie sich auf die Couch mit Doktor Buch und lassen Sie sich zum Schmökern verführen.

ISBN: 978-3-708914138

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2018