KUREN & REHABILITATION IN NÖ - BURNOUT

FOTOS: beste gesundheit

Gegen das Ausbrennen

Stress und Burnout sind Geißeln unserer Zeit, immer mehr Menschen sind davon betroffen. Ein Rehabilitationsaufenthalt kann verschüttete eigene sowie neue Ressourcen wecken.

Vielfältige Therapieansätze machen das Stressverhalten bewusst und helfen gegenzusteuern.

Prim. Dr. Hanspeter

Stilling, Gesundheitsresort

Königsberg

Bad Schönau

Wussten Sie, dass psychische Störungen mittlerweile in Österreich die führende Diagnosegruppe für krankheitsbedingten vorzeitigen Ruhestand sind? Die Sache scheint sich rasant zu entwickeln, und das bestätigt auch Prim. Dr. Hanspeter Stilling, Ärztlicher Leiter des Bereichs Psychosoziale Rehabili- tation im Gesundheitsresort Königsberg Bad Schönau, wo man unter anderem darauf spezialisiert ist, davon betroffene Patientinnen und Patienten aufzufangen und adäquat zu behandeln: „Allein in Wien gab es im Jahr 2014 gegenüber dem Vergleichsvorjahr 2013 einen Anstieg an Burnout-Fällen um 26 Prozent, und es zeichnet sich klar ab, dass diese Entwicklung weiter voranschreiten wird.“ Viele, die sich um Hilfe an die Experten des Gesundheitsresort wenden, leiden laut Stilling unter typischen Bur- nout-Beschwerden. Sie sind emotional und oft auch physisch erschöpft, fühlen sich ihrer Arbeit ge- genüber entfremdet und haben zugleich eine zynische Einstellung zum Job entwickelt. Sie klagen über Leistungsabfall sowie Konzentrations- und Merkstörungen, eine herabgesetzte, depressive Stim- mung, und hinzu kommen bei vielen Schlafstörungen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Verdauungsproble- me, Schwindelgefühle etc.


Wer ist gefährdet?

„Besonders anfällig für Burnout sind Menschen, die einen sehr hohen Leistungsanspruch an sich selbst stellen und dazu tendieren, sich übermäßig zu verausgaben“, sagt Stilling. „Wenn man dann noch unter Kontrollverlustängsten leidet und Probleme

hat, etwas aus der Hand zu geben oder zu delegieren, nicht gut Nein sagen und sich nicht abgrenzen kann, so ist man sicher stär- ker gefährdet, eine Burnout-Problematik zu entwickeln.“ Im schlimmsten Fall kommt es auch zu einer depressiven Entwicklung, man verliert die Lebensfreude, hat vielleicht sogar Suizidgedanken. Das Problem zieht sich laut dem Psychiater durch alle Bevölke- rungsschichten und Altersstufen. Wer betroffen ist, kann einen An- trag auf eine sechswöchige Rehabilitation stellen, der vom jeweili- gen Sozialversicherungsträger bewilligt werden muss. (Achtung: Burnout gilt nach den gebräuchlichen medizinischen Diagnose- schemata noch nicht als eigenständige Diagnose, daher muss eine zweite psychiatrische Erkrankung wie Depression oder Angst vorlie- gen – was aber bei den meisten Burnout-Betroffenen ohnehin der Fall ist.)


Gut aufgefangen

Im Gesundheitsresort Königsberg Bad Schönau, einem der auf Burnout spezialisierten Zentren werden diese Patienten nach allen Regeln der therapeutischen Kunst aufgefangen. Ganz entscheidend für eine Heilung oder Besserung der Be- schwerden ist das Abschalten und Loslassen, und das funktioniert eben oft nur, wenn man weg ist vom krankmachenden Umfeld und wenn auch Handy, Laptop und Co Pause haben. In den sechs Reha-Wochen kümmern sich Allgemeinmedizi- ner, Fachärzte, Psychologen und Psychotherapeuten um das Wohlergehen ihrer Patienten. Gruppen- und Einzelpsycho- therapie sind ein fixer Bestandteil des Programms, und zudem werden Kreativtherapien wie Malen, Töpfern, Garten- und Musiktherapie angeboten. „Außerdem nützen wir unsere Kompetenzen aus dem Kurbereich mit Massagen, Physiotherapie und diversen Bewegungstherapien. Denn viele dieser Patienten leiden wegen ihrer permanenten inneren Anspannung auch unter körperlichen Beschwerden wie Rückenproblemen und Verspannungen. Auch hier können wir gut helfen, und die Beschwerden bessern sich oft im Laufe des Aufenthalts“, erklärt Stilling.


Ressourcen wecken

In einem derartigen Umfeld können persönliche, verschüttete Ressourcen wieder geweckt werden, und das ist auch das Entscheidende bei Burnout- Problemen. „Es geht darum, neben der Pflicht auch wieder die Kür sehen zu lernen – ganz nach der Devise: „Die Arbeit sei dein Pferd und nicht dein Reiter“, betont Stilling. Er berichtet, dass viele Betroffene nach einem Rehabilitationsaufenthalt wieder eine gesunde und ausgewogene Einstellung zur Arbeit gewinnen können. Etwas, wovon wir alle lernen könnten, denn Arbeit sollte niemals Selbstzweck sein, und die Familie und private Interessen sollten bei niemandem zu kurz kommen. Eine gesunde Work-Life-Balance ist das Stichwort. Deshalb gehören auch Stressma- nagement-Programme zur Therapie: Hier geht es neben der Entlastung von Stressoren, der Erholung und Entspannung auch um Achtsamkeitstraining: „Wichtig – auch für die Prävention – ist das Erkennen eigener Belastungsgrenzen, das Arti- kulieren und Abstecken von persönlichen Grenzen und Nein sagen zu lernen“, sagt der Psychiater. Er weiß allerdings, dass vieles davon in unserer aktuellen Leistungsgesellschaft nicht leicht ist: „Hier ist nicht nur der Einzelne gefordert, son- dern auch die Arbeitgeber, die dafür sorgen sollten, dass die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter positiv gestaltet sind. Pausen und Ruhezonen gehören ebenso dazu wie Lob für gute Arbeit. Leider geschieht das aber viel zu selten.“


Batterien wieder aufladen

Nach der Erholung und Entspannung sind die Batterien wieder aufgeladen, und die psychische und körperliche Leistungs- und Belastungsfähigkeit sind nach den thera- peutischen Interventionen häufig wieder hergestellt. „Wir stellen auch fest, dass die Pa- tienten wegen der Behandlungen, die sie hier erfahren, krankmachende Verhaltens- und Gedankenmuster modifizieren können, und das kommt ihnen bei der Rückkehr nach Hause und auf den Arbeitsplatz sehr zugute“, weiß der Experte, denn das „Vorher“ und „Nachher“ der Patienten wird in umfassenden psychologischen Tests er- hoben. „Allein durch die Therapien in der Gruppe wird vielfach das Burnout-typische Rückzugsverhalten überwunden, aber auch Ängste, Depressionen und Schlafstörun- gen bessern sich oft.“


Selbstfürsorglichkeit lernen

Stilling rät allen, die sich ausgebrannt fühlen, zu einem Rehabilitationsaufenthalt. Und er betont noch einmal, wie wichtig es ist, ein Umfeld, in dem man krank wurde, auch einmal für eine gewisse Zeit zu verlassen: „Wir alle sollten lernen, selb- stachtsam und selbstfürsorglich zu sein, und nicht wenigen von uns täte es auch gut, einen gewissen gesunden Egoismus zu entwickeln.“ Ein Rehabilitationsaufenthalt für alle, die zu lange gebrannt haben, könnte ein erster Schritt dahin sein.





GABRIELE VASAK

Wir alle

sollten lernen,

selbstachtsam

und selbstfür- sorglich

zu sein.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2017