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IM GESPRÄCH

„Siegen kann man lernen“

Er ist einer der angesehensten Tennis-Trainer der Welt: Günter Bresnik über Erfolg, Motivation, Talent und seinen Lieblingsschüler Dominic Thiem.

Das Faszinierende an Tennis ist ... die archaische Auseinandersetzung eins gegen eins – und das in einer der kultivierteste- n Formen, die es gibt. Tennis ist für mich eine schöne Metapher für viele Belange des Lebens. Ich würde jedem Kind professio- nelles Tennistraining empfehlen, selbst wenn es keine Chance hat, jemals einen einzigen Euro Preisgeld zu gewinnen. Es gib- t keine bessere Lebensschule- .


Talent ist ... unbedeutend. Übung macht den Meister, nicht Begabung. Als Talente gelten Leute, die weniger machen un- d trotzdem mehr erreichen. Und das gibt es einfach nicht. Das gibt es in keinem Beruf – und schon gar nicht im Sport. Im Ende- ffekt sind immer die die Besten, die über eine längere Zeitspanne richtig trainieren. Spitzensport ist Arbei- t.


Potenzial entfaltet man ... Ich glaube daran, dass niemand als Champion geboren wird und dass es auch nicht ausreicht, einen IQ von 200 zu haben, um Außergewöhnliches zu vollbringen. Da spielen sehr viel mehr Faktoren mit- .


Ein guter Trainer ... entwickelt ein Gespür dafür, was der Spieler braucht und was ihm gut tut. Ein schlechter Trainer sagt ei- nem Spieler, was er nicht tun soll. Ein guter Trainer sagt ihm, was er tun soll. Es ist ein grundlegender Unterschied zwischen dem Satz „Triff den Ball nicht so spät“ und „Triff den Ball früher“. Nicht sagen, was nicht getan gehört, sondern sagen, was g- etan gehört: Das lässt sich übrigens in vielen Lebensbereichen anwenden- .


Der Trainer als Motivator ... Damit kann ich nichts anfangen. Jeder, der Außergewöhnliches erreichen will, aber erst motivier- t werden muss, ist fehl am Platz. Ich suche mir motivierte Menschen, um mit ihnen zu arbeiten, und ich finde, so sollte das auc- h ein Gastwirt tun oder ein Schuster oder ein Manager- .


Die erste Begegnung mit Dominic Thiem ... war, als er circa sieben Jahre alt war. Wolfgang (Dominics Vater, Tennistrainer in Bresniks Tennis-Akademie, Anm.) hatte ihn ein paar Mal mitgenommen. Was mir als Erstes auffiel: Der kleine Bub konnte nicht still stehen. Nicht aus Nervosität oder Unruhe, sondern aus sprudelndem Spieldrang. Ich sah Dominic nie ohne Ball un- d Schläger, auch wenn er in der Kantine saß oder aus dem Auto der Großmutter stieg. Wenn er auf einen freien Tennisplatz war- tete, spielte er einen Ball gegen die Wand. Man konnte ihm richtig ansehen, wie viel Spaß er hatte- .


Das Besondere an Dominic Thiem ... sind zwei herausragende Eigenschaften, die die Basis seiner Weltkarriere sind. Ersten- s liebt er Tennis wie niemand sonst, den ich kenne. Das war damals so, das ist heute so. Zweitens lernt er zwar nicht schnelle- r als andere, aber, und das ist das Entscheidende, er verlernt nichts. Man kann in jeder Stunde auf dem in der vorigen Stund- e Gelernten aufbauen. Er war schon als Kind sehr konzentrationsfähig. Über einen Zeitraum von bis zu zwei Stunden konnte e- r ohne Leerläufe trainieren. Das gilt auch jetzt noch, seine Aufnahmefähigkeit erschöpft sich nicht. Er hat sich immer weiter ver- bessert, nicht nur technisch, sondern auch körperlich, mental und taktisc- h.


Ziele erreicht man ... wenn man bereit ist, ihnen alles unterzuordnen. Dominic und seine Familie waren bereit, dem Tennis al- les andere unterzuordnen: Urlaube, Wochenenden, ab Dominics 16. Lebensjahr seine Schulausbildung, lange Zeit auch fina- nziellen Wohlstand. Ohne diese Bereitschaft wäre Dominics heutiger Erfolg nicht möglich gewesen. Ich weiß, dass viele Men- schen das für übertrieben halten. Ist es aber nicht. Dieser Einsatz hat ermöglicht, dass wir uns als kleines Team, bestehen- d aus einer entschlossenen Familie und einem erfahrenen Trainer, in einer Weltsportart durchsetzen konnten.


Erfolg um jeden Preis? Nein. Der Preis für Erfolg darf nicht von anderen bezahlt werden. Das langfristige Wohl der Familie , Verantwortung für Kinder und die eigene Gesundheit gehen vor. Ich habe in den Jahren, als mich meine Familie zu Hause ge- braucht hat, im Beruf zurückgesteckt. Erfolg rechtfertigt jeden Aufwand, aber nicht jeden Prei- s.


Mein Leitsatz ist ... Siegen kann man lernen. Das Gewinnenlernen ist eine eigene Disziplin, genauso wichtig und elementa- r wie technische, taktische oder körperliche Fertigkeiten. Dominic hat gelernt, keine Schwäche hinzunehmen und nie mit sich z- ufrieden zu sein. Das ist seine größte Stärke.



Karin Schrammel

Zur Person


Günter Bresnik, geboren am 21. April 1961 in Niederöster- reich, ist einer der angesehensten Tennis-Trainer der Welt. Er betreute Spieler wie Boris Becker, Henri Leconte und Patrick McEnroe, brachte Horst Skoff und Stefan Koubek in die erwei- terte Weltspitze, war Davis-Cup-Kapitän und Sportchef des Österreichischen Tennisverbandes. Bresnik betreibt eine inter- nationale Tennis-Akademie in der Südstadt im Süden Wiens mit rund 30 Schützlingen, darunter einige international heraus- ragende Talente. Bresnik stammt aus einer Ärztefamilie, brach sein Medizinstudium ab, um mit Horst Skoff als Trainer auf die Profi-Tour zu gehen. „Ich bin akademisch gesehen das schwarze Schaf der Familie.“ Bresnik ist kontroversiell und kompromisslos. „Ich bin meiner Arbeit verpflichtet, nicht mei- ner Beliebtheit.“ Die Leistung, die er als Trainer mit seinem Schützling Dominic Thiem erbrachte – er begann mit Thiem zu arbeiten, als dieser acht Jahre alt war und führte ihn an die Weltspitze –, ist in der Geschichte des professionellen Herren- tennis ohne Beispiel.  Günter Bresnik lebt mit Frau und vier Töchtern in Innermanzing in Niederösterreich.

BUCHTIPP

Günter Bresnik: Die

Dominic-Thiem-Methode.

Erfolg gegen jede Regel

Was einen Sieger ausmacht.

17 Erfolgsprinzipien für Sport, Beruf und Leben

Bresnik erzählt die unglaubliche Ge- schichte der Karriere seines Lieblings- schülers. Und er verrät seine Erfolgs-

Prinzipien, die auf dem Tennisplatz eben- so anwendbar sind wie in Alltag und Be- ruf.


ISBN: 978-3-902924-61-2

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2018