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Ein neuer Mensch werden

Wer unnötigen Krempel loswird, gewinnt an Lebensqualität. GESUND&LEBEN-Redakteurin Sandra Lobnig will es wissen und startet einen Selbstversuch.

Eines steht schon am Beginn meines Ausmist-Vorhabens fest: Das Waffeleisen bleibt. Erst neulich hat es wieder für gute Stimmung bei unseren Kindern und unseren spontanen Gästen gesorgt. Der Teig war schnell angerührt, die Waffeln heiß und knusprig, alle waren glücklich. Verstaubt und vergessen in der hin- tersten Ecke des Küchenschranks? Nicht unser Waffeleisen. In abertausenden Küchen dürften allerdings viele vergessene Waffeleisen vergeblich auf ihren Einsatz warten. Denn sobald vom Ausmisten die Rede ist, taucht das Waffeleisen als Sinnbild auf für die Dinge, die man zwar besitzt, aber nicht wirklich braucht. Und was man nicht braucht, soll – so sagen es die vielen Ordnungs- und Ausmistexperten – ohne Wenn und Aber weg. Ausmisten und Entrümpeln ist der neue Trend, der nicht nur ein geordnetes Zuhause ver- spricht, sondern den Weg in eine strahlende, weil aufgeräumte, Zukunft bahnen soll. Das Sortieren des Kleiderschranks, das Entrümpeln des Kellers, das Freimachen von Oberflächen in der Wohnung als le- bensverändernde psychologische Prozesse sozusagen. Mit schier unglaublichen Folgen: „Alte Bindungen an das Gestern können gelöst und frische Energien für das Heute und das Morgen bereit gestellt wer- den“, schreibt die japanische Aufräumberaterin und Bestsellerautorin Marie Kondo in ihrem Buch „Magic Cleaning“. Mit der nach ihr benannten KonMari-Methode verhilft sie weltweit Aufräum-Muffeln zu einer ge- ordneten Wohnung und damit zu einem geordneten Leben.


Klein anfangen

Kein Zweifel: Ein Schreibtisch, dessen Tischplatte unter Zettelbergen, ungewaschenen Kaffeetassen und – bei uns leider besonders häufig – ausgestreuten Legoteilen kaum zu sehen ist, lädt nicht gerade zum Ar- beiten ein. Im übervollen Kleiderschrank das richtige Outfit zu finden, ist schwer. Und die Federballschlä- ger im vollgestopften Abstellkammerl hinter Staubsauger, Schlagbohrer und ausrangiertem Spielzeug zu finden – eine Herausforderung.

Dass wir in unserer fünfköpfigen Familie laufend Dinge ausmisten müssen, um ein halbwegs geordnetes Leben führen zu können, leuchtet mir ein. Wenn es nur nicht so schwierig wäre! Wo denn bloß anfangen? Und vor allem: Wie können wir auf Dauer Ordnung halten und die Flut an Zeug gar nicht erst durch die Wohnungstür lassen?

Ich frage nach bei einer, die als Ordnungsberaterin Menschen unterstützt, ihr Chaos in den Griff zu krie- gen. Regina Halbauer nennt sich „die Schrankflüsterin“ und bietet ihre Dienste in Wien und Niederöster- reich an. Ihr Tipp für den Anfang: „Wenn man mit dem Ausmisten beginnt: eine Zeitschaltuhr stellen und jeden Tag zehn Minuten ausmisten.“ Ich starte also klein und widme mich meiner T-Shirt-Schublade. Da finden sich einige Stücke, die ich schon ewig nicht mehr getragen habe und, wenn ich ehrlich bin, auch

nicht mehr tragen werde. Weil sie zu eng, zu weit oder von vorgestern sind. Weg damit. Weg auch mit dem Shirt, das mir eigentlich ganz gut gefällt, dessen Farbe mir aber gar nicht steht.

Dann arbeite ich mich durch meine Socken und Strümpfe, entferne kratzige Strumpfhosen und ver- eine unzählige einzelne Socken mit dem passen- den Partner. Die zehn Minuten sind zwar um, aber ich bin in Fahrt. Zwei Kleider kommen weg, drei nicht richtig sitzende Hosen und ein Blazer, der zwar schon jahrelang im Schrank hängt, allerdings erst zwei- oder dreimal getragen wurde. Kaputtes kommt sofort in den Müll, gut Erhaltenes in die Alt- kleidersammelbox.


Frei & selbstbestimmt

Wie die Japanerin Marie Kondo sieht auch Regina Halbauer bei ihren Kunden, dass nur dann etwas Neues ins Leben kommt, wenn man etwas Altes loslässt. Und dass angehäuftes Zeug nicht glück- lich macht. „Ziel des Ausmistens ist es, sich nur noch mit Dingen zu umgeben, die man braucht,

mag, ehrt und nutzt. Je weniger Krempel wir besitzen, desto freier und selbstbestimmter ist unser Le- ben“, sagt Halbauer. Das Kaffeeservice von Tante Frieda darf also ohne schlechtes Gewissen im In- ternet verkauft werden – weil es nicht gefällt. Die Lederjacke, die um die Schultern herum zu weit ist, darf ebenfalls weg – auch wenn sie sehr teuer war. Raus auch mit der alten Kaffeemaschine – auch wenn man sie vielleicht irgendwann noch einmal brauchen könnte. „Man neigt dazu, Dinge ‚für alle Fälle‘ auf den Dachboden oder in den Keller zu räumen.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man weder den Fernseher noch die Stereoanlage und auch das Kinderspielzeug, mit Ausnahme von Lego oder  Playmobil für die Enkelkinder, jemals wieder brau- chen wird.“


Papierflut stoppen

Ausmisten und Entrümpeln sei allerdings erst der zweite Schritt, der helfe Zeug zu reduzieren. „Un- nütze Dinge soll man gar nicht erst ins Haus lassen“, sagt Halbauer. Klingt logisch, ist aber gar nicht so einfach. Die Gratiskugelschreiber meiner Bank habe ich letztens eingesteckt, obwohl es uns an Kugelschreibern wirklich nicht mangelt. Und die elektrische Zitronenpresse, die es ohne Aufpreis zur Küchenmaschine gab, steht seit über einem Jahr – unbenutzt – im Küchenschrank. Zumindest

kommt uns kaum Werbematerial ins Haus, dafür sorgt schon seit Jahren ein „Bitte keine Werbung“-Aufkleber an Postkas- ten und Haustür. Regina Halbauer findet das gut, denn: „Pa- pier vermehrt sich rasant, wenn man kein Auge darauf hat. Überflüssiges Papier also so oft wie möglich entsorgen!“

Eine Ahnung davon, dass Ausmisten etwas Befreiendes hat, habe ich jetzt. Stellt sich nur die Frage, wie ich auch meinen Mann davon überzeugen kann, dass weniger mehr ist. Der bewahrt „für alle Fälle“ von der Schraube bis zur alten Brief- markensammlung beinahe alles auf. Und für die Kinder hat ohnehin jeder Papierschnipsel und selbst das kaputteste Spielzeug eine große Bedeutung. Krempelfrei wird unsere Wohnung wohl nie werden. An meinen geordneten Socken- paaren kann ich mich trotzdem jeden Morgen freuen. 


Sandra Lobnig

Mag. Sandra Lobnig, GESUND&LEB- EN-

Redakteurin

Pullis, T-Shirts und Tücher auf einen Haufen legen – da sieht man, was man wirklich hat

„Unnütze Dinge soll man gar nicht erst ins Haus lassen“, rät Schrankflüsterin

Regina Halbauer

www.dieschrank- fluesterin.com

BUCHTIPP

Marie Kondo: Magic Cleaning. Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert


ISBN: 978-3-499624810


Wie geht Ausmisten?

Tipps aus der Redaktion

Mag. Sandra Sagmeister-Pensch, MAS, macht als Raum-Coach Ordnung in Wohnungen und verhilft den Besitzern zu einem neuen Lebensgefühl. Sie sucht Vintage-Möbel, lässt sie restaurieren und betreibt einen eigenen Hausflohmarkt: „Wer jeden Tag ein bisschen aufräumt und ausmistet, spart sich Weihnachts- oder Osterputz. Werden die Kleiderhaufen, Papier- berge und Klumpert-Lager immer höher, wird das Aufräumen oft zur Qual. Deshalb: Nehmen Sie sich jeden Tag eine Lade vor und schmeißen Sie was raus. Machen Sie das täglich und Sie werden mit diesem herrlich be- freienden Gefühl belohnt, wenn Sie sich von etwas getrennt haben, das nur Platz verbraucht. Und wer nachhaltig leere Laden haben möchte, der sollte sich an folgende Regel halten: Bringst du ein neues Stück nach Hause, egal ob eine Tasche, ein Möbelstück oder das x-te Deko-Kerzerl, müssen zwei alte Stücke die Wohnung verlassen. Aber Vorsicht: Sie soll- ten nur jene Sachen entsorgen, die nachweislich Ihnen gehören, sonst gibt es Ärger mit dem Partner.“


Mag. Heinz Bidner ist Journalist und Kommunikationsberater und hat zwei Kinder im Alter von sechs und acht Jahren: „Wir überlegen immer, wie lange wir ein bestimmtes Ding nicht mehr verwendet haben. Wenn das wirklich lange ist, dann kommt es weg. Entweder in den Müll, auf www.will- haben.at, zum Second-Hand-Shop, zum Pfarr-Flohmarkt oder in den Altk- leider-Container. Bei den Kindern machen wir das auch so. Wir lassen sie entscheiden. Sie teilen ihre potenziellen Ausmist-Sachen auf zwei Haufen auf. Auf einen kommen Dinge, die wegkommen. Auf den anderen Dinge, die bleiben sollen. Naturgemäß wird der zweite Haufen immer der mit Ab- stand größere. Dann motivieren wir die Kinder, sich nochmal zu überlegen, was sie wirklich brauchen. Danach wird nochmals auf zwei Haufen aufgeteilt. In der Regel halbiert sich spätestens beim dritten Anlauf der ur- sprüngliche Stoß.“

Daniela Rittmannsberger ist GESUND&LEBEN-Redakteurin und hat einen neunjährigen Sohn: „Ich habe zwei Jahre lang ausgemistet, das war sehr befreiend und verbunden mit vielen Erkenntnissen. Von Klein auf habe ich sehr viel gesammelt - da durchzuschauen und manches wegzugeben, war befreiend.  Dann darf Neues kommen, hab ich mir gesagt! Für mich ist Ausmisten eine Art Psycho-Hygiene. Manchmal habe ich in mehreren Räumen zugleich angefangen, das war keine gute Idee. Besser ist es, sich Raum für Raum vorzunehmen. Manchmal hab ich auch zu schnell und zu viel weggegeben, was auch Blödsinn ist. Man sollte sich schon mit den Dingen auseinandersetzen – da muss man eine Balance finden. Ich brauche immer den Überblick, trotzdem finde ich den so angepriesenen Minimalismus für mich nicht passend. Es gibt einfach Dinge, an denen das Herz hängt und die man nicht weggeben will – auch wenn sie keine Verwendung haben.“

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2017