WEIHNACHTEN

Traditionsreich

Rituale und Traditionen bereichern unsere Festtage. Wenn gesellschaftliche oder familiäre Traditionen aber einengen oder als unpassend empfunden werden, sollten sie weiterentwickelt werden.

Pyjama anziehen, Zähne putzen, im Bett dann eine Gute Nacht-Geschichte – fixe Abläufe helfen schon Kindern, mi- t den Herausforderungen ihres Alltags fertig zu werden. Rituale entstehen, wenn bewährte Handlungen in wiederkehrende- n Situationen gleichbleibend wiederholt werden. „Wir leben m- it vielen Ritualen, die uns als solche nicht bewusst sind“, erklär- t die Psychotherapeutin Heidemarie Ritzberger aus Horn- .


 Als Beispiel nennt sie regelmäßige Mahlzeiten oder das Waschen der Hände vor dem Essen. Solche Rituale können sinnvoll sein und gleichzeitig Halt und Sicherheit geben: „Wenn ich das tue, verhalte ich mich richtig- .“


Wird ein Ritual über längere Zeit gepflegt, entwickelt sich daraus eine Tradition. Zum Beispiel die gesellschaftlichen Gepfl- ogenheiten, wer wen zuerst zu grüßen hat. Die Bandbreite erstreckt sich von solchen alltäglichen Handlungen über den rege- lmäßigen Sonntagsbesuch bei den Großeltern bis hin zu Hochzeiten und Begräbnissen. Auch die Feste im Jahreskreis sin- d reich daran: Geburtstage, Fasching oder Advent und das Weihnachtsfes- t.


Einen Anfang setzen

Während für die Kirchen der Weihnachtsfestkreis am ersten Adventsonntag mit dem Entzünden der ersten Kerze am Advent- kranz anfängt (heuer am 2. Dezember), beginnt die Vorfreude auf Weihnachten für viele Kinder mit dem Öffnen des erste- n Fensters am Adventkalender. „Mit Ritualen setzen wir einen bewussten Anfang oder markieren einen Übergang“, erklärt Psy- chotherapeutin Ritzberger. Vom Adventkalender im Dezember bis zu den Liedern und Sprüchen der Sternsinger Anfang Jän- ner ist die Weihnachtszeit reich an langjährig geprägten Traditionen. Kinder und junge Erwachsene bestehen oft mit erstaunl- icher Beharrlichkeit auch auf scheinbar banale, traditionelle Details: So kann ein Jugendlicher zu Weihnachten durchaus a- uf das Aufstellen einer Krippe bestehen, obwohl ihn mit dem religiösen Ursprung des Festes nichts verbinde- t.

Zu den gesellschaftlich üblichen Traditionen kommen unterschiedliche Familienrituale. „Traditionen geben Halt und vermittel- n Stabilität. Für manche Familien gehören traditionelle Abläufe zu den wenigen Momenten, die Erwartbarkeit und Vorherseh- barkeit bieten“, erklärt Soziologin Ulrike Zartler von der Universität Wien- .


Bratwurst oder Karpfen?

Wenn sich Partner aus Familien mit unterschiedlichen Traditionen aufeinander abstimmen müssen, kann das „unheimliches Streitpotential haben“, weiß Zartler. Oft genüge schon die Entscheidung, bei wessen Eltern gefeiert oder was am Heilige- n Abend gegessen werden soll: der traditionelle Karpfen oder etwa Bratwurst und Sauerkraut, wie in Oberösterreich üblich. D- ie Familien-Soziologin nennt Weihnachten einen Kristallisationspunkt: „Zu Weihnachten wird in den Familien ausverhandelt, wie offen sie sind und welche Grenzen respektiert werden.

Psychotherapeutin Ritzberger kennt das Thema Weihnachtsessen aus eigener Erfahrung: „Bei meinen Eltern gab es am Hei- ligen Abend immer Fischbeuschel-Suppe und gesulzten Karpfen. Bei mir gibt es Forelle blau.“ Mit der Gründung eines eig- enen Hausstands habe sie das Bedürfnis verspürt, eine neue Tradition zu kreieren. Ihrer Erfahrung nach fühlen sich manch- e Eltern aber verraten, wenn die junge Generation an den Regeln der Tradition zu schrauben versucht. Um die Eltern ode- r Großeltern nicht zu kränken, fügen sich junge Menschen oft der Tradition, obwohl sie sich davon eingeengt fühlen. „Die Übe- rsiedelung junger Erwachsener in die Stadt ist manchmal auch eine Flucht vor dem Korsett der Tradition“, glaubt die erfahren- e Therapeutin und erinnert an die vielen Regeln des Alltags. Es sei besonders wichtig, gemeinsam darüber zu sprechen, wen- n Althergebrachtes zum Problem wird- .


Weiterentwicklung statt Werteverlust

„Traditionen helfen, Werte beizubehalten oder neue entstehen zu lassen“, gibt Ritzberger zu bedenken. Sie plädiert dafür, be- stehende Traditionen an veränderte oder neue Bedürfnisse anzupassen und dabei zurückzulassen, was nicht mehr pass- t. Wenn etwa das Bedürfnis heranwachsender Kinder nach einem Skiurlaub den traditionellen Besuch am Heiligen Abend b- ei den Großeltern in Frage stellt, könne dieser Besuch schon vor Urlaubsbeginn oder auch erst zu Dreikönig stattfinden. „Dab- ei geht es nicht um Missachtung des Bisherigen, sondern um die eigenständige Weiterentwicklung- .“

Doch Rituale haben auch viele Vorteile, betont Ritzberger: „Gerade beim Verlust von Menschen ist es wichtig, dass man sic- h durch Rituale eingebunden und geschützt fühlt.“ Zu Weihnachten könne eine Trennung oder ein Todesfall vor wenigen Mona- ten zur besonderen Herausforderung werden. Wenn ein Elternteil die gewohnte Rolle nicht mehr einnehmen kann, dann se- i die wichtigste Frage stets: „Was ist das eigentliche Bedürfnis jedes einzelnen Beteiligten?“ Sie empfiehlt, auch die Kinder in die Gespräche zur Umgestaltung von Traditionen mit einzubeziehen. „Es kann durchaus sein, dass ein Kind dazu eine gan- z besondere Idee hat.“ Den gemeinsam erarbeiteten, neuen Ablauf der Feier kann man ausprobieren und bei Bedarf im näch- sten Jahr weiter anpassen. Ziel ist aus Sicht der Psychotherapeutin, dass alle Familienmitglieder letztlich das Gefühl haben : „Ich habe das neue Ritual mitgestaltet, damit kann ich glücklich leben.“



Eva Kohl

FotoS: istockphoto/chbd, zvg

Forschungsobjekt Rituale


Das Phänomen Rituale wird in verschiedenen Wissenschaften thematisiert, unter anderem in Ethnologie, Soziologie oder Religionswissenschaften.

An der Universität Heidelberg befassten sich zwischen 2002 und 2013 über 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft- ler unterschiedlicher Disziplinen mit Entstehung und Veränderung von Ritualen. Fazit: Die feste Form von Ritualen redu- ziere eventuelle Unsicherheit der Beteiligten und biete ritualisierte Ausdruckmöglichkeit für Emotionen. Weitere Funktio- nen: Rangordnungen vermitteln, soziale Bindung innerhalb der Gruppe festigen, Punkte oder Übergänge im Jahres- oder Lebenslauf markieren, Werte vermitteln und abstrakte Konzepte erfahrbar machen. In der Therapie werden Rituale mitun- ter bewusst entwickelt und etabliert, um sich mit neuen Situationen zurechtzufinden.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018