SCHLAFEN

illustration: istockphoto/ halepak

Es gibt rund hundert verschiedene Arten an Schlafstörungen. Was kann man dagegen tun?

Schlafen lernen

Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen kennt wohl jeder. Aber wann gefährdet eine Schlafstörung die Gesundheit? Schlafhygiene könnte helfen. Oder ein Schlafcoaching.

Dr. Brigitte Holzinger,

Schlafcoach

Dr. Brigitte Holzinger, eine Pionierin der Schlafforschung in Österreich, ist Schlafcoach. Seit über 30 Jahren vertieft sich die Psychologin und Psychotherapeutin in die Schlafmedizin, die Somnolo- gie. Sie studierte an der renommierten Stanford University, an der damals weltweit größten Klinik für Schlafmedizin. Sie promovierte am Institut, das William Charles Dement führte, der 1953 den REM-Schlaf (wenn sich die Augen im Schlaf bewegen) mitentdeckte.

Brigitte Holzinger kam nach ihrem Studium zurück nach Österreich und ordiniert heute unter ande- rem in Schlaflabors in Zwettl und Melk. 2002 startete sie eine Studie über Albträume, auch eine Form der Schlafstörung, denn „Menschen, die zwei bis drei Mal in der Woche einen Albtraum ha- ben, wollen nicht schlafen, weil sie nicht wieder diese grauenhaften Träume erleben wollen“, erklärt Holzinger. Derzeit beschäftigt sie sich mit luziden, also klaren Träumen. Wer ihre Hilfe in Anspruch nehmen will, muss vorher zwei Wochen lang ein Schlaftagebuch führen. In den fünf bis sechs Tref- fen mit ihr erklärt sie den Klienten dann alles über das Schlafen. Schlafstörungen sind ein spannen- des Thema für die Wissenschaft. Es gibt rund hundert verschiedene Störungen, die häufigsten sind Schlafapnoe, Durchschlafstörungen, REM-Verhaltensstörungen, Schlafwandeln, Narkolepsie (Schlummer- oder Schlafsucht).

Was kann man dagegen tun? Was hilft? Und womit stört man sich selbst beim Schlafen? „Der schlimmste Fehler, den man machen kann, ist, dass man im Hirn stecken bleibt. Denn da hat man laufend Kopf-Kino.“ Und das bringt gerade in der Nacht viele Bilder, die sich bei Licht gesehen als wesentlich weniger schlimm erweisen, als sie einem in der Nacht vorkommen. Man müsse versu- chen, zur Ruhe zu kommen, rät die Expertin. Und da braucht jede und jeder eigene Strategien. So einfach wäre das also. Wissenschaftlich belegt ist, dass eine Verhaltensänderung mindestens so effektiv sein kann, um beispielsweise Durchschlafstörungen zu bewältigen, wie Medikamente. „Ver- haltens-Modifikationen nennt man das“, erklärt die Expertin – und was so hochtrabend klingt, ist im Grunde ganz einfach: Zuerst einmal solle man sich keinen allzu großen Stress machen, wenn man nicht einschlafen oder durchschlafen kann.

Am Anfang steht das Wissen, was Schlaf ist und „was mit einem passiert, wenn man das Bewusst- sein beim Einschlafen loslässt, also einschläft“, erklärt Brigitte Holzinger. Einschlafen und Schlafen ist eine Form des Loslassens und wer zu sehr an Problemen und Sorgen des Tages hängt oder ei- nen Streit nicht positiv aufgelöst hat, der befindet sich in Gedankenkreisen – man nennt das auch „unfinished things“. Man müsse sich immer vor Augen halten: „Was mir gut tut, tut meinem Schlaf gut, und was meinem Schlaf gut tut, tut mir gut. Und wer seinen Schlaf pflegt, dem bleibt ein guter Schlaf.“ Selbstliebe und Selbstfürsorge sind also die Basis.


Macht Schlafen dumm?

Wer über einen Zeitraum von mehreren Wochen und Monaten weniger als sechs Stunden schläft, sollte sich Gedanken machen, findet Holzinger. Wer schlecht und/oder wenig schläft, tut sich näm- lich nichts Gutes, und Aussprüche wie „nur dumme Menschen schlafen viel“, ist ein völliger Unsinn unserer Leistungsgesellschaft, sagt sie: „Die Wissenschaft ist zu der Annahme zurückgekehrt, dass man sieben bis acht Stunden

schlafen sollte, um sich richtig zu regenerieren. Einstein schlief 13 Stunden, und der war bekannt- lich alles andere als dumm.“

Der Schlaf ist die wichtige Zeit, in der sich Körper, Gehirn und Seele regenerieren können und die Erlebnisse und das Gelernte des Tages verarbeitet werden. Ist die Zeit dafür zu kurz, können sich die inneren Organe, das Immunsystem und das Gehirn nicht richtig erholen. Der Volksmund sagt „schlaf dich gesund“, und das hat seine Berechtigung. Im Schlaf werden auch kreative Prozesse erledigt, „man schreibt den Langschläfern auch eher zu, dass sie kreativ sind.“

Die Frage ist nur, wer kann es sich heute noch leisten, lange zu schlafen? Wir durchlaufen alle mehr als ausgefüllte Tage, da bleibt kaum noch Zeit. Manche empfinden den Schlaf sogar als lästi- ge Unterbrechung. So entstehen Schlafstörungen, weiß Brigitte Holzinger. Ständig auf Hochtouren zu laufen, nicht abschalten zu

können, nimmt uns die Ruhe, um uns aufs Schlafen vorzubereiten. „Wer sich mit seinem Schlaf be- schäftigt, kann sich selbst beruhigen. Man kommt nämlich in einen inneren Stress-Strudel, wenn man nicht schlafen kann“, sagt Holzinger. Und plötzlich hat man verlernt, gut zu schlafen.


Alles schläft

Was ist aber Schlaf eigentlich? „Schlaf ist ein Anzeichen, dass man lebt. Wer schläft, lebt“, lautet Holzingers einfache Definition. Jedes Tier, sogar Bäume und Blumen schlafen. Man hat mehrere Schlafzyklen in einer Nacht, eine dauert zwischen 80 und 110 Minuten. Dazwischen wacht man meist kurz auf: „Das merkt man eigentlich gar nicht.“ Schlafen ist eine sehr individuelle Angelegen- heit, keiner schläft so wie der andere, es gibt beispielsweise Etappenschläfer, die schlafen eine kurze Zeit, sind dann wach und brauchen eine Zeit, bis sie wieder müde werden und schlafen kön- nen. „Am besten aufstehen, etwas tun und warten, bis man wieder Müdigkeit spürt. Entspannungs- übungen können helfen“, rät die Schlafexpertin.


Sich selber stören

Wenn man sich einredet, dass man nicht schlafen könne, dann warte man darauf, dass man nicht einschlafen kann: „Du bist der, der schläft, und nur du kannst deinen Schlaf beeinflussen.“ Man selbst reagiere auf das, was man selbst erwartet, besonders wenn es um den Schlaf geht. Und noch etwas: „Schlafstörungen verlieren ihren Schrecken, wenn man sie akzeptiert!“ Wenn man schläft, ist man aber „nicht ganz weg vom Fenster, man kriegt mehr mit, als man glaubt.“ Manche Menschen sind dafür hellhöriger und meinen, dass sie nicht schlafen. Beim Schlafen sind einige Kanäle blockiert, „das Wachbewusstsein wird abgedreht oder umgeschaltet, so genau weiß man immer noch nicht, was beim Einschlafen passiert, ein Moment, den man meist nicht merkt. Es gibt keinen Einschlafknopf.“

Ein Rätsel ist für die Wissenschaft, „wie dieses Umschalten funktioniert, wenn man in den Schlaf kippt.“ Was aber gewiss ist, dass das Ich-Bewusstsein beim Schlafen komplett zurückgedrängt wird: „Das Ich-Bewusstsein muss sich tagsüber sehr anstrengen und begibt sich nachts zur Ruhe und überlässt das Selbst, den Organismus, im wahrsten Sinn des Wortes sich selbst.“ Der Körper macht alleine weiter, Geist und Seele erholen sich, bis ein neuer Tag beginnt. Der beste und billigs- te Rat: „Freuen Sie sich aufs Schlafengehen.“



Sandra Sagmeister

Gefährliche Schlafapnoe


Die Schlafapnoe kann als eine Volkskrankheit be- zeichnet werden. Schlaf- apnoe bezeichnet Atemaus- setzer während des Schla- fens. Davon werden die Menschen krank: Die Le- benserwartung sinkt, Herz- infarkt- und Schlaganfallrisi- ko steigen. Das Gefährliche daran ist, dass viele Men- schen sie selber nicht be- merken. Deshalb ist der Partner, die Partnerin hier so wichtig: Atempausen muss man ernst nehmen! Diese Schafstörung muss ein Lungenarzt diagnosti- zieren und behandeln. Die Ursache: Wenn im Schlaf die Muskeln schlaffer wer- den, dann erschlafft auch die Luftröhre und/oder das Gaumensegel und es kommt zu den gefährlichen Atemaussetzern. Besonders betroffen sind übergewichti- ge Menschen, weil auf den Atemorganen mehr Gewicht durch Fett lagert und es so durch die Muskelerschlaf- fung zu einem Art Eindrü- cken der Luftröhre kommt. Eine Schlafmaske, die Sau- erstoff zuführt, wird notwen- dig, um die Luftröhre offen und damit die Sauerstoff- Versorgung aufrechtzuer- halten.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018