KLETTERN

Foto: Philipp Monihart

Die Wände hochgehen

Klettern ist ein äußerst vielseitiger Sport für die ganze Familie und hat zu jeder Jahreszeit Saison. Mit der richtigen Technik geht es schon bald hoch hinauf.

Im Leben steht man immer wieder vor ganz besonderen Herausfor- derungen – bestimmten Hürden oder Problemen, die man einfach überwinden muss, auch wenn man sich anfangs nicht traut. Ganz ähnlich ist es beim Klettern, wo man verschiedene Aufgaben in der Wand lösen muss. Oft braucht man mehrere Versuche, um ans Ziel zu gelangen, doch wenn man dranbleibt, sich durchkämpft, neue Lösungswege sucht und es endlich geschafft hat, ist es ein tolles Erfolgserlebnis. Ein guter Beweis, wie man vom Sport auch im All- tag profitieren kann.


Neue Bewegungsabläufe

Klettern ist ein klassischer Ganzjahressport, den man sowohl drau- ßen als auch in einer Halle ausüben kann. Klettern in der Halle ist witterungsunabhängig und bietet einen komfortablen Zugang, frei von Steinschlägen – das ideale Trainingsumfeld also. Zum Einstei- gen und Kennenlernen eignet sich das Bouldern perfekt. Hier macht man in niedrigen Höhen (Absprunghöhe) ohne Gurt und Seil meist nur wenige Kletterzüge. Dabei kann man die unterschiedli- chen Techniken, Griffe und Tritte optimal lernen, sagt Norbert Schrott, Physiotherapeut im Therapie- und Kletter-Zentrum Wein- burg: „Es ist wichtig, sich mit der Wand vertraut zu machen. Dafür ist Bouldern optimal, da man sich hier wirklich voll und ganz auf die unterschiedlichen Griffe und Tritte konzentrieren kann. So kann man auch neue Bewegungsabläufe in Ruhe trainieren.“


Einfach mal hängen lassen

Auch wenn man meist nur wenige Kletterzüge macht, ist Bouldern alles andere als langweilig. So kann man sich beispielsweise ge- meinsam mit einem Partner spielerisch Routen ausdenken. Ähnlich dem Spiel „Ich packe meinen Koffer und nehme mit“ ergänzt man die Route abwechselnd um einen neuen Kletterzug. „Besonders wichtig ist beim Klettern der richtige Einsatz der Beine, was Anfän- ger meist etwas vernachlässigen. Denn damit können die Hände entlastet werden, was bei längeren Kletterrouten besonders wich- tig ist. Beim Bouldern kann ich auch das speziell trainieren, indem ich versuche, in den unterschiedlichsten Positionen die Hände zu lösen“, weiß Norbert Schrott.


Sicherheit & Partnercheck

Wer mit Klettergurt und Seil hoch hinaus will, braucht unbedingt eine entsprechende Einschulung, was die Sicherheit anbelangt. Und einen Kletterkurs, wenn man selbstständig in der Halle klet- tern will. Im Gegensatz zum Bouldern, das man auch alleine ma- chen kann, benötigt man beim Klettern am Seil einen Partner, der einen aufmerksam sichert und auf den man sich voll und ganz ver- lassen kann. Schließlich ist die Halle in Weinburg beispielsweise 17 Meter hoch und schon nach wenigen Kletterzügen kommt man in eine Höhe, die ohne Sicherung gefährlich wäre. Für den Start eig- net sich das Toprope-Klettern, bei dem das Seil bereits vorbereitet ist und oben am Wendepunkt durch Karabinerhaken läuft; für den Kletternden kommt es somit von oben. So kann man sich ganz auf Griffe und Tritte konzentrieren, der Partner zieht das Seil laufend nach. Wer schon Erfahrung hat, kann auch im Vorstieg klettern – dabei hängt der Kletternde das Seil zum Sichern während des Auf- stiegs laufend in den nächsten Karabiner in der Wand ein. Beim Vorstieg-Klettern muss der Partner das Seil immer entsprechend straffen und lockern – für Kletterer und Sicherer eine größere Her- ausforderung als das Toprope-Gehen.

Beim „Partnercheck“ kontrollieren Kletterer und Sicherer einander gegenseitig, ob die Klettergurte richtig geschlossen sind und das Seil sicher montiert ist. Und dann geht es Griff für Griff und Schritt für Schritt hinauf. Der Partner am Boden zieht das Seil laufend nach, damit es straff genug ist, falls der Kletterer abrutscht. Ist der Kletterer oben, setzt er sich in den Gurt und lässt sich vom Partner abseilen, während er sich mit den Beinen von der Wand abstößt.

Durch die unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen der Kletterrouten in der Halle kommen sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene beim Toprope- und Vorstieg-Klettern voll auf ihre Kosten. Egal, wie gut der Partner klettert – in der Halle können auch Anfänger und Geübte ein Team sein. Und man lernt immer dazu. Norbert Schrott: „Das Schöne am Klettern ist die Kombination von mehreren Fähig- keiten – man braucht Kraft, Beweglichkeit und Koordination. Außer- dem kann man dieselbe Route auf unterschiedliche Varianten klet- tern.“

Durch Kletterhallen machen sich auch immer mehr Kinder und Ju- gendliche mit diesem Sport vertraut, beim Besuch von GE- SUND&LEBEN war Elisabeth Dam mit ihren Kindern Samantha und Sebastian in der Kletterhalle in Weinburg. Die Volksschullehrerin war auch mit ihrer Klasse schon einmal hier: Einen Vormittag lang konnten die Schüler ihre Ängste vor der Höhe überwinden und ihre Kletterkünste unter Beweis stellen – und hatten sichtlich Freude an der neuen Sportart. Elisabeth Dam, selbst begeisterte Kletterin, un- terstreicht die Vorzüge: „Ich habe meine beiden Kinder zum Klet- tern mitgenommen und mittlerweile ist es ein toller Sport für die ganze Familie geworden. Sie hatten anfangs Angst, ob das Seil hält und ob sie sicher sind – diese Angst verschwindet rasch. Es tut ihnen auch gut, Verantwortung zu übernehmen, meine Kinder sichern sich gegenseitig und lernen so, aufeinander aufzupassen.“ Durch die vielfältigen Bewegungsabläufe eignet sich Klettern gut für therapeutische Maßnahmen bei unterschiedlichen Krankheits- bildern, zum Beispiel bei Skoliose sowie für Knie- oder Schulter-Re- habilitation. Auch Physiotherapeut Norbert Schrott setzt auf Klet- tern als Therapie: „Ich kann den Fokus auf einzelne Bewegungen legen. Dadurch kann ich spezielle Muskelgruppen ganz gezielt trainieren, indem ich Kletterzüge absichtlich schwierig gestalte und bewusst die Ausgangslage und die Neigung der Wand wähle. So kann ich gezielt Muskeln und Muskelgruppen kräftigen oder die Beweglichkeit erhöhen.“ Eine spielerische Therapie, die Spaß macht.


Auf & Ab

Bevor es auf die Kletterwand geht, sollte man immer ordentlich auf- wärmen und den Körper auf die bevorstehende Belastung vorbe- reiten. Zu Beginn die Handgelenke, Ellbogen, Schultern, Hüfte, Knie und Knöchel aufwärmen und die Muskulatur aktivieren. Nach dem Klettern kommt das Abwärmen durch entsprechendes Deh- nen, wie beispielsweise der Unterarm-Muskulatur oder der Brust- muskulatur. Und für alle Anfänger: Nach der ersten Einheit hat man einen ordentlichen Muskelkater in den Unterarmen. Aber wenn man darauf achtet, möglichst viel mit den Beinen zu arbeiten, legt sich das nach drei bis vier Kletter-Einheiten.


Werner Schrittwieser

(oben) Elisabeth Dam sichert ihre Tochter Samantha beim Aufstieg einer Toprope-Route.


(mitte) Physiotherapeut Norbert Schrott beim Dehnen der Brustmuskulatur mit Samantha und

Sebastian

.

(unten) Kopfüber: Sebastian sucht sich beim Bouldern immer wieder neue Herausforderungen.

Ausrüstung


-In den Kletterhallen kann man sich die nötige Ausrüstung meist ausborgen. Fürs Boldern braucht man nur Kletterschuhe – sie müssen eng sitzen, um dem Fuß mehr Kraft und Halt in der Wand zu geben. Erfahrene Kletterer ziehen die Schuhe zwischen den einzelnen Routen aus, damit sich die Füße erholen können (Flip- Flops oder Schlapfen mitnehmen).

-Für Toprope oder Vorstieg braucht man einen Klettergurt, der sich festziehen lässt und gut sitzt. Vorstieg-Kletterer brauchen ein eigenes Seil.

-Bekleidung: Für den Anfang reicht Baumwoll- oder Sportbekleidung, die genug Platz für die Bewegung bietet. Mit T-Shirt und kurzer Hose oder Laufhose ist man gut ausgestattet.

-Wichtig: Schmuck abnehmen und lange Haare zusammenbinden.

Norbert Schrott,

Physiotherapeut im

Therapie- und Kletter-

Zentrum Weinburga

Sportwissenschaftliches Therapeutisches

Kletterzentrum

Weinburg

Br.-Teich-Straße 28a

3205 Weinburg

Tel.: 02747/2197211

www.stkzweinburg.eu

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2017