PORTRÄT

Fotos: Eva Kohl

Ein Leben im ständigen Wechsel

Der Erfolgsautor Alfred Komarek liebt die Veränderung. Er ist viel unterwegs und taucht so tief ins Leben ein, in seines und in das der anderen. Dabei gelingt es ihm, bei sich und beweglich zu bleiben.

Im hellgrauen Anzug, die Beine entspannt überkreuzt, sitzt der Journalist und erfolgreiche Autor Alfred Komarek „in labiler Balance“: Wenn sich eine Fliege auf seine Balancestange setze, dann kippe er und falle ins ungewohnte Wasser – um dann vielleicht erstaunt fest- zustellen, dass Schwimmen auch recht lustig sein kann.

„Herausforderung jeglicher Art tut mir gut“, sagt er. Eine seiner Bleiben, eine Altbauwohnung in der Porzellangasse in Wien-Alser- grund, beginnt hinter dem Schild „Vorsicht, beherzte Katze“. Die Katze ist Geschichte – und trotzdem Teil des Ganzen. Wie all die Samm- lerstücke, alte Schallplatten, ein Grammophon und viele andere, die ihren Platz auf Regalen, Kommoden und Beistelltischen gefunden haben – jedes hat eine Geschichte zu erzählen.

Aufgewachsen in der Nachkriegszeit im Salzkammergut, ist Komarek dort ebenso zuhause wie in Wien oder im Pulkautal im Weinvier- tel. Wo andere sich entwurzelt fühlen würden, weiß er, wo er hingehört, sogar, wenn er auf Reisen ist: „Mein Lieblingsplatz ist immer dort, wo ich gerade bin.“

Der 71-Jährige mit den Koteletten ist immer noch ständig unterwegs, nur die Entfernungen sind mittlerweile kürzer geworden. Immer noch will er in andere Länder eintauchen, das Leben dort kennen lernen: „Mein Vorwurf an das moderne Reisen ist, dass man an den Menschen vorbei reist.“ Individualreisen in Länder, die sich erheblich vom alltäglichen Umfeld unterscheiden, benötigen aufwendige Vorbereitung: „Auf eigene Faust reisen wird langsam mühsam“, gesteht er und reist daher mit Freunden, um sich das Vergnügen des Ein- tauchens immer noch zu ermöglichen. Von einem Fremdenführer erzählt zu bekommen, wie er ein Land zu erleben habe – „da stellt’s mir hinten die Haare auf.“

Wie er reist, begegnet er Menschen – geht offen, interessiert und tolerant auf sie zu, sucht die Außergewöhnlichen, die Grenzgänger und schrägen Vögel. Begegnungen gehören für ihn zum Beruf, und das schon immer. Sein Vater hatte damals Bedenken, ob man vom Schreiben leben könne. Also inskribierte Komarek brav Jus und schrieb nebenbei, um sich sein Studium zu finanzieren. Bald entdeckte er das Medium Radio für sich, speziell den damals jungen Sender Ö3.


Mit sich im Reinen sein

„Man fährt am besten, wenn man das eigene Vergnügen und den Beruf auf einen Nenner bringt“, wobei man beides ernst nehmen und professionell angehen müsse – auch das Vergnügen, erklärt Komarek seine Art zu arbeiten und zu leben. Ein Blick auf seine Bibliografie bestätigt das: Reisegeschichtenbücher aus seinen Lieblings-Landschaften stehen da neben Romanen und Krimis, manches ist außerge- wöhnlich, etwa das Bürgertheater im Vorjahr: Unter dem Titel „Wo bist du hin entwichen“ suchte er für das Landestheater St. Pölten nach „verlorenen Orten“. Derzeit stellt der Autor als Fernsehmoderator dem Publikum abwechselnd die Welt der Literatur und unge- wöhnliche Orte in Niederösterreich vor.

Eine Maxime Komareks ist, sich auf eigene Stärken zu besinnen und sich immer weiterzuentwickeln. Sein psychisches Gleichgewicht sei verantwortlich für das Wohlbefinden: „Weil ich überzeugt bin, dass ziemlich alles mit der Psyche anfängt, was sich körperlich aus- wirkt – und dass man mit der Psyche auch vieles verbessern kann.“ Ein Gleichgewicht zwischen Zufriedenheit mit dem Ist-Zustand und Neugierde auf noch Unerreichtes ist ihm wichtig.


Katalysator & Grenzgänger

Alfred Komarek sieht sich vor allem als Autor – ein guter Journalist sei er nie gewesen, dafür fehle ihm der Bluthund-Instinkt. „Um meine journalistischen Schwächen zu vertuschen“ verfasste er als Radiojournalist früh poetische Beiträge, wie sie für dieses Medium damals noch völlig neu waren. Seine Texte sollen „keine Gebrauchsanweisung sein, aber ein Katalysator“. Was ihm mit den manchmal ein wenig anzüglich angehauchten Dialogen der abendlichen Radiosendung „Melodie exklusiv“ in den 70er- Jahren gelungen sei, schmunzelt er: „Ich kenne zwei Ehen, die in Folge geschlossen worden sind, und ein paar gezeugte Kinder – hat also auch ein bissl was bewirkt, nicht di- rekt, aber doch.“

Heute kann der Erfolgsautor von seinen Büchern leben. Dem Radio ist er als Zuhörer trotzdem treu geblieben. Er hört gerne Online- Radio – die kleinen Sender oder die Sender von fern her: „Es ist doch interessant, was sie jetzt in Burkina Faso so senden.“ Immer bevor- zugt er das Außergewöhnliche gegenüber dem Bekannten, beim Radio und auch sonst: „Ich mochte immer Grenzüberschreiter, weil die ein Fenster aufmachen. Auch wenn sie dabei manchmal auf Schützenswertes draufsteigen. Sie bewegen etwas.“

In einer kleinen Ortschaft im Weinviertel spielt die Buch-Reihe um den Dorfpolizisten Simon Polt. 1998 veröffentlichte Komarek sei- nen ersten Kriminalroman „Polt muss weinen“. Sieben Bände sind es mittlerweile geworden, fünf davon wurden bisher vom ORF ver- filmt. Obwohl Komarek immer vermieden hat, in seinen Büchern etwas von sich selbst preiszugeben, würden den Gendarm und seinen Autor „Harmoniebedürfnis bis zur Dummheit“ einen. Beide seien starrköpfig und couragiert, lacht Komarek. Er klingt weder sentimental noch enttäuscht, wenn er zufügt: „Aber der Polt ist ganz anders als ich. Polt ruht schon immer in sich, ich falle ein Leben lang immer um.“


Adalbert Stifter des Pulkautals

Am 5. Oktober feiert Alfred Komarek seinen 72. Geburtstag. Sein Jungbrunnen? Bewegung: „In erster Linie geistige Bewegung, aber auch körperliche.“ Bewegung ist fixer Bestandteil seines Lebens, Beweglichkeit seine Haltung. Der vielseitige Meister des Worts wechselt seine Wohnorte wie die Sprache: Fürs Radio verfasste er lyrische und oft provokant-erotische Dialoge. Für die Kriminalromane übernimmt er die bodenständig-direkte Sprache des Schauplatzes. Bei den Porträts von Landschaften, Städten und Menschen formuliert er kunstvoll, in der Prägung eines Adalbert Stifter – journalistisch verdichtet, auf den Punkt gebracht. Und stets mit dem Anspruch, „nicht zu be- schreiben, sondern zu verstehen“. EVA KOHL

Zur Person


Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee in Oberöster- reich. Neben dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien begann er als Journalist zu arbeiten. Seine Arbeitgeber waren unter anderen Die Furche, der Österreichische Rundfunk sowie der Bayrische und Hessi- sche Rundfunk. Zu seinen Arbeiten als Schriftsteller zäh- len Sachbücher, Kinderbücher, Hörspiele und TV-Drehbü- cher, Kriminalromane sowie zahlreiche Kurztexte. Seit ei- nem halben Jahr moderiert Alfred Komarek die Literatur- serie LiteraTour bei ServusTV, bei ORF Niederösterreich ist er seit sieben Jahren Moderator der Serie „Kuriositäten in Niederösterreich“.

HiFi-Turm und Edison- Grammophon und am Tischchen ein Karussell aus einem Grammophon gebaut – Verschiedenartiges und Originelles ist Alfred Komarek immer die Herausforderung wert.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2017