Bei der krankengymnastischen Behandlung geht es darum, den Körper oder nur bestimmte Körper- partien und Muskelgruppen zu stärken und die Koordinationsfähigkeit zu fördern.

FOTO: MOORHEILBAD HAARBACH

GESUND WERDEN & BLEIBEN - SCHMERZ

Gut leben trotz Schmerz

Chronische Schmerzen sind nicht einfach zu behandeln, aber mit einer multimodalen Schmerztherapie lassen sich große Verbesserungen erzielen.

Chronischer Schmerz betrifft in Österreich etwa eineinhalb Millionen Menschen. Viele von ihnen leiden un- oder falsch behandelt unter ihren Beschwerden und den zahlreichen Folgeerscheinungen. Das müsste nicht sein. Doch mit dem Schmerz ist es so eine Sache: Wenn er seine eigentliche Funktion als Warnsignal des Körpers verloren hat, entwickelt er sich zur chronischen Schmerzkrankheit. Ein soge- nanntes Schmerzgedächtnis entsteht, die Nervenbahnen, die den Schmerzimpuls durch den Körper leiten, werden dadurch ständig gereizt – die Schmerzen verselbständigen sich. Das kann leider ziem- lich schnell gehen, daher ist es wirklich wichtig, Schmerz rechtzeitig behandeln zu lassen, erklärt Prim. Dr. Johannes Püspök, Ärztlicher Leiter vom Moorheilbad Harbach: „Jeder Schmerz, der länger als vier Wochen besteht, sollte schmerzmedizinisch abgeklärt werden, denn die Chronifizierung kann schon nach drei Monaten beginnen. Diesem Phänomen und dessen negativen Folgen kann man nur effizient entgegenwirken, wenn eine ausreichende Schmerztherapie rechtzeitig einsetzt.“ Deshalb bietet das Moorheilbad Harbach ein eigenes Schmerztherapiezentrum.

Püspök weiß, dass chronische Schmerzen, insbesondere wenn sie schon länger bestehen und es sich um eine schwere Form handelt, nicht einfach zu behandeln sind, aber: „Sie lassen sich bei nahezu allen Betroffenen wirksam bekämpfen. Das bedeutet zwar nicht zwangsläufig, dass man vollkommen beschwerdefrei wird, aber es geht darum, die Schmerzen in den Griff zu bekommen, zu lernen, den Schmerz anders zu bewerten und darum, sich trotz verbleibender oder ab und zu auftretender Be- schwerden möglichst wenig eingeschränkt zu fühlen.“


Medikamente mit wichtiger Funktion

Am ehesten erreicht man dieses Ziel einer besseren Lebensqualität mit der sogenannten mulitmodalen Schmerztherapie – ei- nem individuell auf den Patienten abgestimmten Therapiekonzept aus verschiedenen Bausteinen. Ein entscheidender Pfeiler sind Schmerzmedikamente, denn die medikamentöse Behandlung von chronischen Schmerzen hat eine wichtige Funktion: Sie versetzt Betroffene in die Lage, möglichst schnell wieder aktiv zu werden, und sie erleichtert andere Behandlungsmaßnah- men, zu denen etwa Krankengymnastik oder physikalische Therapien zählen und die in der multimodalen Schmerztherapie auch eingesetzt werden.

Wärme-, Kälte- und Wasseranwendungen bei Schmerzen haben eine lange Tradition, die bis heute währt. Massagen, Elek- trotherapie und Ultraschall können ergänzend zu Medikamenten bei manchen Betroffenen sinnvoll sein. Bei der krankengym- nastischen Behandlung geht es darum, den Körper oder nur bestimmte Körperpartien und Muskelgruppen zu stärken und die Koordinationsfähigkeit zu fördern. Sie hilft aber auch, Körperhaltungen und Bewegungsabläufe, die durch den Schmerz be- dingt sind oder diesen verstärken, zu korrigieren. Wichtig für den Behandlungserfolg ist, dass man regelmäßig übt.

Prim. Dr. Johannes

Püspök, Ärztlicher Leiter vom Moorheilbad

Harbach

Psychologie mit Ziel

Ein dritter wichtiger Pfeiler der multimodalen Schmerztherapie sind psychologisch-verhaltenstherapeutische Verfahren und Entspannungstechniken, denn chronischer Schmerz geht oft mit psychischen Problemen einher. Es ist wesentlich, sie zu behandeln und auch die mit dem Schmerz verknüpften negativen Gedanken, Gefühle, Vorstellungen und Verhal- tensweisen zu erkennen und zu verändern. Deshalb werden in der psychologischen Schmerztherapie verschiedene Strategien zur Schmerzbewältigung vermittelt und trainiert.

Und nicht zuletzt wird bei der multimodalen Schmerztherapie die Eigenaktivität der Betroffenen gefördert, denn Bewegung spielt für den Behandlungserfolg eine große Rolle. Die Art der Bewegung muss der individuellen Situation des Patienten und seiner Schmerzform angepasst werden. Schmerzpatienten sollten vor allem Bewegungstherapien und Sportarten betreiben, die ihnen Freude bereiten und als angenehm empfunden werden. Das kann Radfahren, Walking, Schwimmen, Wassergym- nastik, aber etwa auch Yoga oder Tai Chi sein: Alles was fordert, aber nicht überfordert.


Ihr Leben in Ihrer Hand

Die multimodale Schmerztherapie gilt als modernste, wissenschaftlich fundierte Therapieform bei chronischen Schmerzzu- ständen. Ihre Wirksamkeit ist durch zahlreiche Studien belegt. Die Ergebnisse sind gut und nachhaltig, und selbst nach Thera- pieende sind weitere Verbesserungen zu erwarten. Wichtig ist allerdings auch eine gute Eigenmotivation: „Die Grundlage der Therapie ist das Verständnis von chronischem Schmerz als eigenständige Krankheit und bio-psychosoziales Problem“, sagt Püspök. „Das muss auch der Patient verstehen lernen. Auch wenn Schmerzfreiheit bei chronischem Schmerz kaum erzielbar ist, so kann man ihn doch oft deutlich reduzieren. Vor allem aber geht es auch um das Erlernen von Bewältigungsstrategien. Am Ende sollte nicht mehr der Schmerz das Leben dominieren, sondern ein Teil des Lebens sein, über das der Patient selbst bestimmt.“ Entscheiden Sie sich dafür!


GABRIELE VASAK

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06+07/2017