TENNIS

Spiel, Satz, Thiem

Ein junger Mann aus Niederösterreich zog aus, um die Tennis-Welt zu erobern.

Thiem in Wien

Die Erste Bank Open 500 in der Wiener Stadthalle sind das jährliche Tennis-Highlight im heimischen Sportkalender. Seit 1974 geben sich Stars von Agassi über Muster, Murray, Zverev und Thiem in der Wiener Stadthalle ein Stelldich- ein. Von 20. bis 28. Oktober 2018 gibt es die Erste Bank Open 500 bereits zum vierten Mal als ATP-500-Turnier – die höchstdotierte Sportveranstaltung Österreichs und gleichzeitig das fünftgrößte europäische Turnier auf der ATP World Tour. Informationen: www.erstebank-open.com

FotoS: Philipp Monihart, gepa Pictures

Dominic Thiem hat Anfang September ein neues Kapitel seiner Tennis-Geschichte geschrieben. Punktgenau zu seinem 25 . Geburtstag schafft er erstmals den Einzug ins Viertelfinale der US Open, als erster Österreicher überhaupt. Die schönsten Ge- schenke macht man sich manchmal eben selber. Doch geschenkt wurde Dominic Thiem bislang nichts, seinen Erfolg hat er sich hart erarbeitet- .


Tennis, Tennis, Tennis

Dominic Thiems Leben ist Tennis, immer schon. Sein Vater Wolfgang ist Tennislehrer in Günter Bresniks Tennis-Akademie in der Südstadt, seine Mutter Karin arbeitete ebenfalls als Tennistrainerin. Dominic saß schon als Baby im Ballwagerl und ha- t eine Filzkugel nach der anderen rausgeworfen, sich später den Schläger geschnappt und vom Tennis-Virus infizieren lassen – das ihn bis heute gefangen hält. „Ich war als kleines Kind dauernd auf dem Platz und wollte nie etwas anderes werden als Ten- nisspieler“, sagt er. Im Volksschulalter nahm ihn sein Vater öfter mit in die Südstadt, wo er in der Mittagspause ein paar Bäll- e mit ihm spielte. Manchmal spielte Dominic auch mit dem Chef selbst, mit Günter Bresnik, der die Leidenschaft und den Wille- n des Buben spürte. Spitzensport ist Arbeit, sagt der erfahrene Tennis-Coach, das halte nur jemand aus, der das unbedingt wi- ll: „Um Tennis auf Profiniveau zu lernen, muss das Kind bereit sein, jeden Schlag in jeder Stellung, im Stehen, Vorwärts- und Rückwärtslaufen, im Beschleunigen und Bremsen, zu üben. Zehn, fünfzehn Stunden in der Woche – und das über viele Jahre. “ Und Dominic Thiem wollte das, trainierte ab einem Alter von acht Jahren ausschließlich mit Günter Bresnik- .


Schwierige Lektion

Dominic Thiem galt als großes Talent, war als Zehn-, Elfjähriger die überlegene Nummer eins in Österreich und einer der bes- ten Junioren Europas. In Zeitungen wurden bereits Artikel über ihn geschrieben. Sein Spiel zeichnete sich dadurch aus, das- s er keine Fehler beging, vor allem nicht mit der doppelhändigen Rückhand. Dann begann seine schwierigste Lektion: „Ab je- tzt machen wir’s gescheit“, sagte Trainer Günter Bresnik und stellte sein Spiel komplett um: Er musste nun die Rückhand einhän- dig spielen und konsequent direkte Punkte anstreben. Winner schlagen und nicht auf Fehler der Gegner warten. Er verlor un- d verlor, auch gegen Spieler, die er zuvor locker geschlagen hatte. Mit 15 war er in der Rangliste weit abgerutscht, ein ehema- liges Supertalent, von allen abgeschrieben. Außer von seiner Familie und von Günter Bresnik, der dazu meinte: „Es ist mir ega- l, wenn du mit 15 verlierst. Wichtig ist, was du mit 20 gewinnst.“ Es dauerte mehrere Jahre, bis Thiem sein Spiel erfolgreich um- gestellt hatte. „Irgendwann begann ich zu kapieren, dass es im Tennis nicht darum geht, dass der andere verliert, sondern da- ss man selber gewinnt“,resümiert Thiem- .


Rückhalt in Familie

Großes geleistet hat in dieser Zeit auch die Familie, vor allem Dominics Eltern. Karin und Wolfgang Thiem haben kein Risiko gescheut, um ihren Sohn an die Tennis-Weltspitze heranzuführen. Die Familie verkaufte damals sogar eine Eigentumswoh- nung, um einen Teil der Ausbildung samt Turnier-Reisen zu finanzieren. „Und ich verlor dort in der ersten Runde, weil mir Gün- ter alles verboten hatte, was mich erfolgreich gemacht hatte. Dennoch vertrauten meine Eltern Günter weiterhin zu hunde- rt Prozent. Ich bin sicher, ich hätte das alles nicht durchgehalten, wenn meine Eltern an Günter gezweifelt hätten.“ Der familiär- e Rückhalt war mit entscheidend für seinen Erfolg. Innerhalb der Familie herrscht seit jeher das Vertrauen, dass sich der Einsat- z lohnt.

Schwer fiel damals auch die Entscheidung, den 16-jährigen Sprössling aus dem Gymnasium zu nehmen, weil selbst die Ze- ichenlehrerin ihm wegen der turnierbedingten Fehlstunden einen Fünfer geben wollte. Worauf Dominic die Schule verließ. Be- reut er das? „Nein. Eine Ausbildung kann man nachholen, die Karriere nicht. Es ging einfach nicht mehr.“ Auch den Verzich- t auf das Jungsein und was man damit verbindet, hat er nicht als Opfer erlebt. „Wenn die anderen am Wochenende durch d- ie Discos gezogen sind, dann hat mich das einfach nicht interessiert. Deshalb war es auch kein Verzicht.“ Schwierig war auc- h jene Phase vor einigen Jahren, in der Dominic ein rätselhaftes Bakterium zu bekämpfen hatte und einen Monat lang völlig ge- schwächt im Landesklinikum Baden lag- .


Steil nach oben

Endgültig vorbei war das Formtief im Oktober 2011, als Dominic Thiem beim Wiener Stadthallenturnier Thomas Muster besie- gte. Eine schwierige Situation sei das für ihn gewesen, erzählt Thiem: „Ich war vorher wahnsinnig nervös, weil ich unbedingt ge- winnen wollte. Die Punkte brauchte ich dringend für die Saison.“ Schön langsam begann er zu spüren, dass aus ihm ein wir- klich guter Tennisspieler werden kann, einer, der es ganz nach vorne schaffen kann- .

Stetig und steil geht es seither nach oben: Im Mai 2015 gewann Thiem in Nizza sein erstes Turnier auf der Tour der Associati- on of Tennis Professionals (ATP). Es war der Beginn eines rasanten Aufstiegs unter die Top Ten mit Position vier als bisher beste Platzierung. 2016 gelang ihm in Stuttgart das Novum, als erster Österreicher ein Turnier auf Rasen zu gewinnen. De- r letzte große Erfolg war der Einzug ins Viertelfinale bei den US Open. Und dank großartiger Leistung schaffte er mit dem öster- reichischen Davis-Cup-Team Mitte September den Aufstieg in die Weltgruppe. Momentan liegt er auf Platz acht der Weltrang- liste.

Hat er einen Angstgegner? „Nein, mittlerweile habe ich gegen viele Topspieler gewonnen“, schmunzelt er und meint dam- it Stars wie Rafael Nadal, Roger Federer, Andy Murray oder Novak Djokovic. Zu Thiems Qualitäten gehören die kraftvollen, prä- zisen Grundlinienschläge und der harte Aufschlag mit oft über 200 km/h. Thiem ist pfeilschnell und erwischt imm- er

wieder Bälle, die man längst verloren glaubt. Er kämpft und gibt auch dann nicht auf, wenn er scheinbar hoffnungslos zurüc- kliegt.


Thiem-Fußball-Team

In den Kopf gestiegen sind ihm der Erfolg und der Ruhm um seine Person nicht, Dominic Thiem wirkt stets sympathisc- h, freundlich und eher zurückhaltend. Doch bescheiden muss er schon lange nicht mehr sein: Adidas hat ein eigenes Schuhm- odell nach ihm benannt, sein Racket-Hersteller Babolat einen speziellen Schläger entwickelt. Und Thiems Lieblingsfußballclu- b Chelsea gratulierte seinem Fan nach dessen Turniersieg in Acapulco. Apropos Fußball: Der Tennisstar hat mit Freunden den

1. TFC gegründet – den Fußball-Klub der Tennisspieler, bestehend aus Jung und Alt, Spitzensportlern und Hobbykickern, Ten- nisprofis und Arbeitern. Nach seiner Karriere will Thiem sogar aktiv mitkicken. „Und irgendwann müssen wir gegen Chelse- a auflaufen“, träumt er. Bis dahin ist Dominic Thiem noch mit Tennis beschäftigt, gehört zur Gruppe der jungen Wilden, die sic- h in den nächsten Jahren die Führung an der Weltspitze ausmachen. Seine Tennis-Geschichte ist noch lange nicht zu Ende ge- schrieben, weitere Kapitel werden folgen- .



Karin Schrammel


Dominic Thiem im Gespräch mit GESUND&LEBEN-Redakteurin Karin Schrammel

Dominic Thiem, geboren am 3. September 1993 in Wiener Neustadt, stammt aus Lichtenwörth in Niederösterreich. Schon im Alter von sechs Jahren begann er mit seiner Kar- riere als Tennisspieler. Momentan liegt er auf Platz acht der Weltrangliste.

Medizinische Heimat

Dominic Thiem mit Prim. Univ.-Doz. Dr. Johann Pidlich, dem Ärztlichen Direktor des Landesklinikums Baden-Mödling

Wenn Dominic Thiem medizinischen Rat braucht, führt ihn sein erster Weg ins Landesklinikum Baden. Mit Prim. Univ.-Doz. Dr. Johann Pidlich, dem Ärztlichen Direktor des Landesklinikums Baden-Mödling, verbindet ihn viel: Einerseits sind sie miteinander verwandt und eng befreundet, andererseits ist die Heimatgemeinde von beiden Lichtenwörth im Bezirk Wiener Neustadt. „Ich kenne Dominic seit seiner Geburt, unsere Familien haben seit jeher engen Kontakt“, sagt Pidlich. Dominic Thiem hat mittlerweile eine eigene Wohnung und ist ständig unterwegs, doch die Wege der beiden kreuzen sich häufig. Es war der Internist Pidlich, der vor einigen Jahren dafür verant- wortlich war, dass sich Thiem aus einem Formtief erholte: Jahrelang hatte sich der Tennis-Star mit Anfällen von Durchfall und Bauchschmerzen herumgequält, aber lange niemandem davon erzählt, weil er nicht aufs Tennis- spielen verzichten wollte, bis er schließlich einen Monat lang völlig geschwächt im Landesklinikum Baden lag. Pidlich konnte den Auslöser diagnostizieren – das Darmbakterium Campylobacter. Nach einer Behandlung mit Antibiotika und einer Erholungsphase war Dominic Thiem körperlich wieder komplett fit.

Etwa fünfmal pro Jahr macht Thiem Zwischenstopp im Landesklinikum Baden, lässt sich durchchecken, mit Leis- tungsdiagnostik, Blutbefunden, EKG. „Dominic hat immer Topwerte“, freut sich Pidlich. Wie viel Profisport tut dem Körper gut? „Das ist eine Gratwanderung, man darf gewisse Grenzen nicht überschreiten“, weiß Pidlich, der Thiem mit seinem medizinischen Rat und der Expertise seines Teams stets zur Seite steht – mit dabei ist auch ein Physikalischer Mediziner, Dr. Josef Leitner, ebenfalls aus Lichtenwörth. Denn Tennis ist auch belastend für die Ge- lenke, vor allem am Hartplatz. Neben seinem Trainer Günter Bresnik oder einem Co-Trainer begleitet Thiem ein eigener Physiotherapeut auf der Tour, der ihm beim Regenerieren hilft. Viel mehr Betreuung will Thiem nicht, er hat keinen Betreuerstab wie in manch anderen Sportarten üblich.vernünftigen Umgang damit vorleben.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2018