IM PORTRÄT

Wann ist man ein Held?

Paulus Hochgatterers neues Buch „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ ist eine berührende Geschichte über Angst, Sehnsucht und Alltag im Krieg.

 „Die Schwalben sind da“: Mit den Schwalben kommt der Frühling: Zu Maria Geburt fliegen die Schwalben fort und zu Mariä Verkündigung kommen sie wieder- um, haben Omas immer gesagt. Mit diesem Satz fühlt man sich in eine frühere Zeit versetzt. So beginnt Pau- lus Hochgatterers neues Buch. „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ spielt Mitte März 1945, gut zwei Monate vor dem Ende des Zweiten Welt- kriegs. Wie wichtig ist der erste Satz? „Zentral wich-

tig“, sagt der Schriftsteller, „er erzeugt Atmosphäre, weckt Erwartungen. Die Schwalben legen die Dinge fest: Wir sehen die Welt aus der Perspektive einer Erzählerin, die diese Dinge wahrnimmt. Naturgegebenes ist ihr wichtig.“

Die Geschichte spielt auf einem Bauernhof im Mostviertel. Zu Beginn eine ländliche Idylle, die Bäuerin bäckt Brot, unterbrochen vom Ge- zänk streitender Mädchen. „Wonach riecht Mehl?“, fragt Nelli. Darauf Antonia: „Halt die Pappen!“ Nelli ist ein dreizehnjähriges Mädchen, elternlos, traumatisiert und offenbar ohne Erinnerung. Aus ihrer Sicht wird die Geschichte erzählt. „Sie sagen, ich heiße Nelli. Manchmal glaube ich es, manchmal nicht.“ Nelli findet bei der Familie Leitner Unterschlupf. „Wie ein Gespenst“ ist Nelli eines Tages auf dem Hof gestanden, „stumm und voller Dreck“. In ihrem Kopf, sagt Nelli, sei „alles weggebombt“. Die Menschen hier sprechen nur das Notwen- digste, sind pragmatisch. Das Leben geht trotz Blutvergießens weiter: „Der Bauer meint, den Erdäpfeln ist es egal, ob Krieg ist oder nicht, sie müssen in den Boden rein, solange er einigermaßen trocken ist.“


Wahre Geschichte?

Eindringlich beschreibt Paulus Hochgatterer die letzten Kriegswochen. Angst ist allgegenwärtig. Der einzige Sohn der Familie ist einge- zogen. Und wie aus dem Nichts taucht ein weißrussischer Flüchtling auf, der sich im Heustadel des Bauernhofes einrichtet. Seinetwegen wird der Großvater zum Helden. Eine wahre Geschichte? „Mein Großvater mütterlicherseits war ein Mostviertler Bauer. Wegen seines Al- ters und der Landwirtschaft musste er nicht in den Krieg ziehen. Das heldenhafte Ereignis hat es wirklich gegeben.“

Der Schriftsteller will die Geschichten der Eltern und Großeltern aufschreiben, denn die Reihen derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg noch mit eigenen Augen erlebt haben, lichten

sich: „Wenn man 50 ist, sterben die Eltern. Die Geschichten, die sie immer wie- der erzählt haben, erzählen sie dann nicht mehr – sie gehen verloren. Wenn man sich so wie ich das Erzählen zum Lebensinhalt gemacht hat, dann muss man diese Geschichten niederschreiben.“ Momente, in denen Geschichte höchstpersönlich wird: „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“, von Kri- tikern hochgelobt als „Meisterwerk der deutschsprachigen Gegenwartslitera- tur“.


Arzt & Schriftsteller

Paulus Hochgatterer hat sich mit „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ viel Zeit gelassen. Zuletzt war 2010 sein Roman „Das Matratzenhaus“ er- schienen. „Ich bin nicht mehr 30“, sagt er. „Mit zunehmendem Alter geht die

Fähigkeit zum Multitasking verloren. Sich fürs Schreiben Zeit zu nehmen, ist schwierig neben einem Beruf, der einen fordert und zudem sehr gefällt.“ Hoch- gatterer leitet seit zehn Jahren die klinische Abteilung für Kinder- und Jugend- psychiatrie und Psychotherapie im Universitätsklinikum Tulln. Arzt und Schrift- steller, genauso wie Arthur Schnitzler und Anton Tschechow. „An einen höheren Zusammenhang glaube ich dabei nicht“, sagt Hochgatterer, „ich habe schon

geschrieben, bevor ich begonnen habe, Medizin zu studieren.“ Beide Elterntei- le haben ihm beide Dinge mitgegeben: Der Vater, der als Biologielehrer beim Sohn eine Faszination für naturwissenschaftliche Zusammenhänge weckte, und auch Deutsch und Zeichnen unterrichtete. Und die Mutter, die Laborantin in ei- ner Molkerei war und danach Redakteurin bei einer Wochenzeitschrift. Knapp zwei Handvoll Bücher hat Paulus Hochgatterer veröffentlicht und dafür einige

Literaturpreise eingeheimst, etwa den Staatspreis für Kinder- und Jugendlitera- tur, den Deutschen Krimi-Preis und den Literaturpreis der Europäischen Union. Der Medienrummel lässt Paulus Hochgatterer aber kalt: „Ich steh nicht beson- ders auf dieses Trara.“


Reales Vorbild

Beruflich hat Paulus Hochgatterer viel mit Ungerechtigkeiten gegenüber Kin- dern zu tun. Wie steckt er das weg? „Schrei ben hilft, denn es schafft Zeit und Raum, darüber nachzudenken. Ich bin im Umgang mit Kinderleid ein wenig

erfahrener und dickhäutiger als andere. Aber nicht abgestumpft.“ Unabhängig voneinander schlagen die zwei Herzen in seiner Brust nicht: „Natürlich beschäf- tigen mich die Schicksale, die ich als Kinderpsychiater kennenlerne, zuhause auch noch. Und einige Charaktere in meinen Büchern haben ein reales Vor- bild.“

Die Protagonisten in seinen Büchern sind oft Kinder und Jugendliche, wie etwa die kleine Nelli: „Ich werde gefüttert mit Eindrücken von Kindern. In der Psych- iatrie ist es wichtig, sich einen Zugang zur eigenen Kindheit offen zu halten, zum Kindlichsein, zum Staunen, zur Neugier. Kinder werfen einen ganz anderen Blick auf Sachen und Ereignisse – diesen versuche ich einzufangen.“ Entschei- den zwischen seinen beiden Passionen könnte er sich nicht. Beides hat den gleichen Stellenwert in seinem Leben. Was er in Bezug auf die Kinder- und Ju- gendpsychiatrie nicht mag, sind apokalyptische Szenarien, etwa dass Kinder immer kränker werden: „Das stimmt nicht. Es kommen nur neue Störungsprofile dazu, etwa Internet-Abhängigkeit. Die neuen Medien sind aber nicht primär ein Teufelszeug, sie gehören dazu.“ Hochgatterer schätzt die Arbeit mit Kindern, denn „sie tendieren dazu, alles zu tun, um ein gutes Leben zu haben. Und wir helfen ihnen dabei.“

Zurück zu seinem Großvater: Wie wird man eigentlich ein Held? „Helden sind Menschen, die gegen den Zeitgeist und gegen gesellschaftliche Usancen zu ihren eigenen Überzeugungen stehen“, sagt Hochgatterer und nennt ein Bei- spiel: „Ute Bock. Für mich eine Heldin, weil sie sich für andere einsetzt.“ Scheint gar nicht so unerreichbar zu sein, das Heldentum.

Karin Schrammel

Zur Person


Dr. Paulus Hochgatterer, geboren am 16. Juli 1961 in Amstetten. Schriftstel- ler und Leiter der klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Universitätsklini- kum Tulln. Verheiratet, ein Sohn (28, studiert Filmregie in Los Angeles).

BUCHTIPP

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Im Oktober 1944 taucht auf einem Bauernhof in Niederösterreich ein un- gefähr dreizehnjähriges Mädchen auf, verstört und offenbar ohne Erin- nerung. Nelli wird aufgenommen und wächst in die Familie hinein. Einige Monate später kommt eines Nachts ein junger Russe auf den Hof. Glanz- voll und fulminant erzählt Paulus Hochgatterer die Geschichte von ei- nem einfachen Mann, der zum Hel- den wird.

ISBN: 978-3-552063495, Deuticke Verlag

INTERVIEW

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Neugierig, aufmerksam, manchmal ungeduldig – und meine Kollegen behaupten konfliktscheu.


Was macht einen guten Kinder- und Jugendpsychiater aus?

Neugier, Realitätsnähe und Humor.


Was macht einen guten Schriftsteller aus?

Neugier, Realitätsnähe und vor allem die Fähigkeit, auf Überflüssiges zu verzichten.


Was lesen Sie selbst gern?

Viel zu wenig. Momentan die Krimis von James Lee Burke, ein amerikanischer Südstaatenautor. Gefallen mir gut, ob- wohl ich die Gegend langweilig finde.


Lieblingsbuch?

Ich lese gern dünne Bücher, in denen es um Kinder geht. Meine Favoriten: „Ein Kind“ von Thomas Bernhard, die klei- ne Novelle „Eifersüchtig“ von Richard Ford, „Foster“ („Das dritte Licht“) von der irischen Autorin Claire Keegan.


Was kommt Ihnen nicht ins Regal?

Bücher, in denen ich auf der ersten Seite das Gefühl kriege, das ist unecht. Oder Bücher, die an Kitsch streifen.


Pläne für die Zukunft?

Momentan bin ich ein Jahr im Sabbatical und arbeite mit Nikolaus Habjan an einem Theaterstück über den Dirigen- ten Karl Böhm, das im März 2018 im Grazer Schauspielhaus Premiere feiert. Und ich schreibe an einem neuen Buch rund um Kommissar Kovacs (der dritte Teil nach „Die Süße des Lebens“ 2006 und „Das Matratzenhaus“ 2010, Anm.).


Lebensphilosophie?

Das Wichtigste im Leben sind die Beziehungen, die man hat. Und dass es sinnlos ist, das Tempo ständig zu erhö- hen. Man hat sowieso zu wenig Zeit, das Leben ist immer zu kurz. Daher lohnt es sich, ab und zu langsam zu sein.


Wie halten Sie sich gesund?

Ich gehe gern in die Natur, in die Berge, und versuche ausreichend zu schlafen. In letzter Zeit lasse ich immer öfter Dinge weg, die andere für wichtig halten, ich aber nicht – sogenannte „Gschaftel“, lästige Verpflichtungen. Und ich versuche mehr auf meine Frau zu hören, die mich mahnt, regelmäßig meine Betablocker zu nehmen.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2017