APPS

Foto: Philipp Monihart, Isabella Lugsch

Weniger Fast Food und mehr Sport: Redakteur Markus Feigl versuchte

20 Tage lang, sich bewusst um sich selbst zu kümmern und seine Schlafqualität zu ver- bessern.

Was können Self-Care-Apps – und was nicht? Wie achtet man etwas mehr auf sich?

Was muss man tun, um seine Ziele zu erreichen?

Text.

Self-Care-Apps finden Sie

-im Apple App Store für iPhone-Benutzer

-im Google Play Store für Android-Benutzer

-im Windows Store für Windows-Phone-Benutzer

-in der BlackBerry App World für BlackBerry-Benutzer

Zeit für mich

Wann haben Sie sich das letzte Mal bewusst Zeit für sich selbst genommen? Etwas für sich selbst getan? Neue Self-Care-Apps für das Smartphone sollen uns dabei helfen, uns mehr um uns selbst zu kümmern. Doch funktioniert das wirklich? GESUND&LEBEN-Redakteur Markus Feigl probiert es aus.

Mag. Rita Eichlehner ist Psy- chologin am VIA-Therapiezen- trum in Baden.

Ein wenig mehr Sport. Gesündere Ernährung. Mehr Zeit für meine Freunde. Das sind Vorsätze, die ich regelmäßig fasse, dann aber doch nie umsetze. Ich bin Journalist und studiere nebenbei, arbeite von zu Hause aus. Es gibt für mich wenig Grund, tagsüber das Haus zu ver- lassen, außer für Interviews. Woher soll also die Motivation kommen? Wer soll mir gut zureden, wenn doch auch meine Lebensgefährtin den ganzen Tag im Büro ist? Als ich lese, dass es Self-Care-Apps gibt, die Motivation für solche Pläne versprechen, informiere ich mich so- fort darüber, welche die besten sind und lade sie auf mein Handy. 20 Programme schaue ich mir an; 20 Tage nehme ich mir dafür Zeit. Au- ßerdem folge ich meiner Studienkollegin Marie auf Instagram. Sie zeigt dort fast täglich Fotos von veganen Gerichten, die sie selbst zube- reitet. Vielleicht kann sie mich ja inspirieren. Heute isst sie einen Reispudding mit Akaziensamen, Lebkuchen, Rhabarber, Gewürzäpfeln und kandierten Wallnüssen zu Mittag. Ich hatte überlegt, eine Pizza zu bestellen.


Positives

Zuerst öffne ich die Asana-Fitness-App, die mich zum Sport motivieren soll. Ich muss ein Konto einrichten. Eine E-Mail-Adresse angeben. Ich lösche die App sofort wieder. Ich möchte meine E-Mail-Adresse nicht hergeben und so unerwünschte Werbung vermeiden. Als Nächs- tes öffne ich Daily Yoga. Schon wieder muss ich ein Konto einrichten. Auch bei Happy Feed und bei HiMoment. Ohne Konto wird es also nicht gehen. Ich erstelle eine neue, kostenlose E-Mail-Adresse, die ich ausschließlich zur Anmeldung für diese Apps verwenden werde. Dann starte ich meinen Selbstversuch. Happy Feed fragt mich, was heute besonders schön war. Es ist 11:24 Uhr. Bisher ist noch nicht viel passiert. „Die Sonne scheint“, schreibe ich. „Was noch?“, möchte die App wissen, denn man soll jeden Tag drei Kleinigkeiten aufschrei- ben, die einen glücklich gemacht haben. Ich sehe dann auf einer Seite alle Einträge, als würde ich sie auf einen Zettel oder in ein Tage- buch schreiben. Was die Frage aufwirft: Wofür brauche ich diese App? Man konzentriert sich dann auf die positiven Dinge in seinem Le- ben, sagt der App-Hersteller. Ich frage Psychologin Mag. Rita Eichlehner um Rat. Wie sinnvoll ist Happy Feed? „Bei vielen Leuten ist es so, dass sie sich nur auf das Negative fokussieren“, sagt sie, „weil es das ist, was man verändern möchte. Dabei verliert man die positiven Dinge aus den Augen. Es kann deshalb gut sein, sich das Positive immer wieder selbst vorzuführen.“ Auf einem Zettel würde ich das wohl nicht machen. Also verwende ich die App weiterhin.


Kostenfalle

Zeit für die nächste App. Happify möchte, dass ich einige Fragen beantworte. Wie zufrieden ich mit meinem Job bin. Mit meiner Freizeitge- staltung. Mir als Person. Und dann bietet mir Happify Inspiration an. Nur einen Klick entfernt. Damit könne ich nämlich Happify Plus frei- schalten. Für 59,99 Euro jährlich. Überweise ich dieses Geld nicht, kann ich in der App nichts weiter tun, als positive Worte anzuklicken, die auf Ballonen über das Display fliegen. Ein Spiel – mehr nicht. Also lösche ich die App. Leider bleibt Happify nicht die einzige Enttäu- schung. Viele Apps nutze ich einige Minuten lang, bevor sie plötzlich Geld verlangen. All diese Programme werden als kostenlos angeprie-

sen; eine gemeine Täuschung. So wird das nichts mit der Motivation zu mehr Sport und gesünderer Ernährung. Marie isst heute nach ihrer Yoga- Stunde Kiwi-Sterne, Granatäpfel, Hanfsamen und Drachenfrucht-Stücke in einem Smoothie-Mus aus Spinat, Kohl, Bananen, Weintrauben, Ananas und Mango. Ich esse zwei Wurstbrote und zwei Rippen Schokolade.


Ziele erreichen

Pacifica verspricht, bei der Umsetzung von Zielen zu helfen. Die App fragt mich, welche Ziele ich mir setzen möchte. Von acht möglichen darf ich drei auswählen. Sich glücklicher fühlen. Das möchte man doch immer. Ich kli- cke es an. Weniger Angst verspüren. Ja, das nehme ich ebenfalls. Dann nehme ich noch gesünder leben. Immerhin ist das das große Ziel dieses Experiments. Außerdem muss ich angeben, wie ich mich gerade fühle.

Am Abend fragt mich Pacifica schon wieder, wie es mir geht. Das habe ich ihr doch heute Vormittag schon gesagt. Ich fühle mich gerade schlechter als noch am Morgen. Das wird mir erst jetzt aktiv bewusst. Ich beginne, ein wenig mehr in mich selbst hinein zu horchen. Leider ist die App sehr kom- pliziert und in der Gratis-Version nur sehr eingeschränkt nutzbar. Darum beschließe ich, sie nicht weiter zu verwenden. Woop hingegen ist kosten- los und fordert mich auf, einen Wunsch anzugeben, den ich mir in den nächsten 24 Stunden erfüllen möchte. Ich möchte trotz Arbeitsstress heute etwas Gesundes für mich kochen. Was denn das beste Ergebnis wäre? Und wie es sich dann anfühlen würde, möchte Woop wissen. Und was mich daran hindern könnte, mein Ziel zu erreichen. Woop gibt mir Orientie- rung, wie ich mein Problem überwinden könnte. Ich soll einen Wenn-Dann- Plan aufstellen und habe nach kurzer Zeit eine Sammlung von Aufgaben, die ich erfüllen muss.

Dank Woop bin ich analytisch an das Problem herangegangen und habe mir gleich Alternativen überlegt, falls etwas schiefgehen sollte. „Die App verwendet wissenschaftlich fundierte Methoden“, sagt mir Psychologin Eichlehner, „ich finde sie sehr geeignet, um Ziele zu planen. Allerdings hilft die App nicht dabei, die Ziele umzusetzen, denn nur Wünsche und Ziele zu haben ist zu wenig. Das muss dem Nutzer bewusst sein.“


Probleme

Nachdem mein Plan steht, ist es Zeit für eine App, die mir hilft, mehr Sport zu treiben. In Daily Yoga zeigt mir eine Frau Yoga-Übungen vor. Ich spaziere voll motiviert in den Park und versuche sie nachzumachen. Doch da bereits die erste Schwierigkeit: Ich soll meinen Kopf in unterschiedliche Richtungen bewegen. Dann soll meine Stirn den Boden berühren. Wie soll ich der Dame bei ihren Übungen zusehen, wenn doch meine Stirn den Boden berührt? Ich probiere auch MyFitness Pal. Die App zählt meine Schritte und möchte, dass ich die Kalo- rien eingebe, die ich bei jeder Mahlzeit zu mir nehme und jene, die ich beim Sport verbrenne. Ich muss also selbst Kalorien zählen. Viel zu aufwendig für mich.

Stretching allerdings ist eine App nach meinem Geschmack. Hier geht es darum, sich nach einem Arbeitstag so richtig zu strecken. Neun verschiedene Übungen zeigt ein Strichmännchen vor, die man dann für 30 Sekunden nachmacht. Die Zeit lässt sich aber auch verändern. Hat man sich die Pose eingeprägt, etwa auf dem Boden kniend, mit den Handflächen auf einem Tisch, drückt man Start, nimmt die Positi- on ein und wartet auf den Countdown. Ist die Übung zu Ende, erklingt wieder ein Signalton und die nächste Pose wird gezeigt. So muss man während den Übungen nicht auf das Handy schauen. Dafür sind sie natürlich weniger komplex als die Yoga-Übungen von Daily Yoga. Ich beschließe, die Yoga-Posen auswendig zu lernen und sie mit Stretch-Übungen zu kombinieren. Eine App, die mich allerdings wirklich motiviert, mein Training täglich zu absolvieren, habe ich noch nicht gefunden.

„Jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wie er sich motivieren kann“, erklärt mir Psychologin Eichlehner, „es gibt bewusste Vor- gänge im Gehirn, wie eben, dass man ein Training absolvieren will, aber auch unbewusste, wie dass es auf der Couch eigentlich ange- nehmer wäre. Unbewusste Vorgänge sind immer stärker als bewusste.“ Ich versuche das tägliche Training als etwas zu sehen, das ich nur für mich alleine mache. Mir zuliebe. Es bleibt aber bis zum Ende des Experiments eine Pflichtübung, die mir keinen Spaß macht.


Kleinigkeiten

Dass nicht nur ein kleines Sportprogramm, sondern auch Kleinigkeiten das Leben verbessern können, zeigt die App SuperBetter. Sie for- dert mich auf, drei Mal am Tag etwas für mich zu tun. Ich soll heute ein Glas Wasser auf ex trinken. Ich tue es und frage mich, wann ich das letzte Mal so bewusst etwas nur für mich selbst getan habe. Außerdem soll ich heute noch einen Freund anrufen und mich einmal selbst umarmen. Eigenartig, aber ich mache beides.

Die meisten Self-Care-Apps fordern mich dazu auf, mir einen Moment Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken, welche Aufgaben ich in den nächsten Tagen haben werde. Oder wie es mir geht. Ich ertappe mich dabei, mir diese Zeit nicht nehmen zu wollen. Das dauert doch alles viel zu lange, denke ich dann. Bin ich mir selbst nicht wichtig genug? Was soll das? Zum Mittagessen gönnt sich Marie gerade einen vietnamesischen Mango-Salat mit Algen, Cashew-Nüssen und … ich frage mich, wie viele Gallonen Kerosin und Schweröl Maries gesunder Lebensstil täglich in unsere Atmosphäre pustet und beschließe, mich nicht mehr an ihr zu orientieren. SuperBetter sagt, ich sol- le heute meinem Hunger folgen. Mein Hunger führt mich weg von Mango-Salat hin zu gerösteten Knödeln.

Außerdem probiere ich am Abend zum ersten Mal Coach Nova aus. Eine App, die mir helfen soll, einen geregelteren Schlaf zu erlangen. Coach Nova spricht mit mir, als würde er mit mir chatten. Fragt, wie ich gestern Nacht geschlafen habe. Will wissen, wann ich schlafen gegangen bin und wann ich wach wurde. Er möchte nur eine Schätzung. Ich soll nicht damit beginnen, auf die Uhr zu schauen. In den nächsten Nächten analysiert die App so meinen Schlaf und rät mir, mich nur zum Schlafen im Bett aufzuhalten. Dann nämlich würde mein Körper das Bett als Schlafstätte erkennen und nicht als Ort, in dem man noch eine Stunde liegt, um zu lesen. Außerdem legt Coach Nova fixe Schlafenszeiten für mich fest. Anfangs fällt es mir schwer, mich daran zu halten. Aber Coach Nova ist geduldig und gibt mir immer wieder Tipps. Denn wir schreiben jeden Tag kurz miteinander.


Ergebnis

Nach 20 Tagen habe ich 45 E-Mails in meinem Postfach. Gott sei Dank habe ich nicht meine echte E-Mail-Adresse benutzt, um mich bei diesen Apps anzumelden. Ich fühle mich nicht verändert, habe aber gelernt, auch kleine Dinge wertzuschätzen und mache jeden Tag meine Turneinheit. Zu einer gesünderen Ernährung haben mich die Apps nicht motiviert. Das liegt einerseits daran, dass die Rezepte, die sie vorschlagen, schwer zu kochen sind und lange dauern. Andererseits konzentrieren sich die Programme hauptsächlich auf den ameri- kanischen Markt und empfehlen exotische Zutaten, die man in Österreich nur schwer bekommt. Marie könnte mir da sicher weiterhelfen. Ich kann mir vorstellen, für größere Probleme in Zukunft Woop einzusetzen, um strukturiert nach einer Lösung zu suchen. Auch Coach Nova wird mich weiterhin begleiten, um meinen Schlaf zu optimieren. Alle anderen Apps aber lösche ich am Tag 21 wieder von meinem Handy. Sie mögen anderen Menschen bei ihren Problemen helfen können. Mir helfen sie nicht. Besonders problematisch finde ich, dass einige Apps sogar versprechen, bei psychologischen Problemen, etwa bei Depressionen, helfen zu können. Das findet auch Psychologin Eichlehner. „Eine psychologische Betreuung kann eine solche App niemals ersetzen“, sagt sie mir. Immerhin, zwei von 20 Apps habe ich behalten. Self-Care-Apps für sich selbst auszuprobieren, kann sich also durchaus lohnen. Eventuell ist ja etwas für Sie dabei.


Markus Feigl

Worauf Sie bei Self-Care-Apps achten sollten


-Self-Care-App ist eine Bezeichnung für Apps, die zum Wohlbefinden beitragen sollen.

-Apps können niemals eine psychologische oder medi- zinische Behandlung ersetzen.

-Für fast alle dieser Apps ist eine Anmeldung und die Bekanntgabe einer E-Mail-Adresse erforderlich.

-Die Apps gibt es fast ausschließlich in englischer Spra- che.

-Viele Apps sind nur auf den ersten Blick gratis und ver- langen nach kurzer Zeit Geld.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Self-Care-Apps gemacht?

Mailen Sie an:

redaktion@gesundundleben.at.


Wir freuen uns auf Ihre Meinung!

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2018