Die Hölle im Kopf

GESUND WERDEN & BLEIBEN - KOPFSCHMERZEN

Drückende Schmerzen im Kopf, keine Energie, Übelkeit: Häufige oder gar regelmäßige Kopfschmerzen können die Lebensqualität erheblich schmälern. Was hilft?

Kopfschmerzen kennt jeder. Sei es nach einer langen Arbeitswoche, bei Schwierigkeiten mit dem Partner, den Kindern oder weil einfach zu viele Probleme im Kopf zementiert sind. So vielfältig die Arten von Kopfschmerzen sind, so vielfältig sind ihre Ursa- chen und Behandlungsmöglichkeiten. Eine klare Abgrenzung, um welche Art von Kopfschmerz es sich handelt, ist wichtig, um die passende Therapie zu erhalten. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft kennt mehr als 240 Ausprägungen von quälen- den Schmerzen. Ob der Betroffene an primären (z. B. Migräne) oder sekundären Kopfschmerzen (z. B. im Rahmen eines Infek- tes) leidet, erfordert ganz unterschiedliche Behandlungen. Mit etwa 70 Prozent aller Kopfschmerzarten am weitesten verbreitet sind episodische Spannungskopfschmerzen. Danach folgt Migräne mit einem Anteil von zehn Prozent, ein Prozent aller Kopf- schmerzen entstehen wegen Medikamentenübergebrauch. Eher selten sind Cluster- Kopfschmerzen. Frauen sind von Kopf- schmerzen übrigens dreimal häufiger betroffen als Männer.

Dr. Christian Neuhauser ist Facharzt für Neurologie in St. Pölten. Für ihn steht fest: Jeglicher Druck im Bereich von Familie, Be- ruf, Beziehungen, Finanzen und vielem mehr führt dazu, dass der Körper Symptome aussendet, wie eben Kopfschmerzen. War- um der Körper ausgerechnet den Kopfschmerz als Signal aussendet, ist wissenschaftlich nicht geklärt, „es liegt zu einem Groß- teil an der individuellen Vulnerabilität, also an der Verletzbarkeit. Bei Migräne kann auch eine genetische Disposition vorliegen. Einige Betroffene können mit dieser Erkrankung gut umgehen, andere sind total out of order – auch das ist eine Frage der Vul- nerabilität.“


Arten von Kopfschmerzen

Die häufigste Art, der typische Spannungskopfschmerz, beginnt meist im Stirn- und Nackenbereich, der quälende Druck breitet sich in der Folge auf den gesamten Kopf aus. Betroffene reagieren mitunter empfindlich auf Licht und Lärm, allerdings sind Spannungskopfschmerzen – im Gegensatz zu Migräne – nicht von Übelkeit begleitet. Episodischer Kopfschmerz tritt an weniger als zwölf Tagen pro Jahr auf, von einer Chronifizierung spricht man, wenn die Schmerzen mindestens 15 Mal im Monat auftreten. Erster Ansprechpartner ist in diesem Fall der Neurologe, der die Art des Schmerzes genau diagnostiziert und darauf basierend eine individuelle Therapie einleitet. Zur medikamentösen Behandlung steht eine Reihe von Substanzen zur Auswahl, sagt Neu- hauser: „Jedes Medikament sollte vom Arzt verordnet und in genauer Dosierung eingenommen werden. Andernfalls könnte dies dazu führen, dass es zu ‚Schmerzmittelkopfschmerz‘ kommt, die Beschwerden also durch Medikamente ausgelöst werden.“ Auch Nebenwirkungen wie Magenblutungen oder in der Folge auch Medikamentenabhängigkeit sind bei korrekter Dosierung auszuschließen. Spezialisten empfehlen heute zunehmend auch trizyklische Antidepressiva, die bei Spannungskopfschmerzen gut wirken.


Quälende Migräne

Kopfschmerzattacken, Übelkeit, Lichtempfindlichkeit oder ein Flimmern vor den Augen: Migräne hat viele Gesichter. Betroffene leiden am häufigsten unter einer sogenannten „Migräne ohne Aura“. Attacken kündigen sich meist ein bis zwei Tage vorher an, Betroffene klagen über Schwindelgefühle, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit oder Heißhunger. Eine „Migräne mit Aura“ be- ginnt typischerweise etwa eine Stunde vor der Attacke mit einer sogenannten „Aura“, also mit neurologischen Ausfällen, wie Sprachstörungen, Blitzesehen oder Lähmungserscheinungen. Typisch für die Migräne ist weiters, dass sich die Schmerzen bei körperlicher Betätigung verstärken. Als Auslöser sieht die Wissenschaft heute unter anderem Stress, Überlastung, Sorgen und Probleme familiärer oder finanzieller Art. Um derartige Kopfschmerzen zu behandeln, ist die multimodale Medikation eine mo- derne Therapie.


Wie ticke ich?

Egal, um welche Art von Kopfschmerz es sich handelt, in jedem Fall rät Neurologe Neuhauser zu Achtsamkeit mit sich selbst. „Wichtig für den Betroffenen ist es, sich zu fragen: Was ist mit mir los? Viele Betroffene haben aber kein Bewusstsein dafür, wie sie funktionieren, und dass sie längst unter enormem Druck stehen, von Montag bis Freitag dauerbelastet sind und am Wochenende mit Kopfschmerz und Übelkeit im Bett liegen.“ In seiner ganzheitli- chen Herangehensweise rät er, ein Kopfschmerz-Tagebuch zu führen. „Es geht nicht darum, wie viele Tabletten der Betroffene schluckt, sondern darum, zu verstehen, warum man an manchen Tagen nahezu beschwerdefrei ist, an anderen Tagen die Hölle im Kopf hat.“

Spannungskopfschmerzen können durch muskuläre Verspan- nungen, also durch Muskelmehrarbeit im Kopf-, Nacken- und Schultergürtelbereich entstehen. Eine hohe Erfolgsquote bei der Behandlung zeigt Biofeedback: Betroffene lernen dabei, absicht- lich und willentlich die Stirn- und Nackenmuskulatur zu entspan- nen. Gezieltes Atemtraining stärkt die Bauchatmung und reduziert die sogenannte Schulter-Brust-Atmung.


Vorbeugen

In der Prophylaxe haben Ausdauertraining und Entspannungstherapien die An- fallshäufigkeit deutlich reduziert. „Was jeder Einzelne unter Entspannung versteht, ist individuell. Manche gehen in die Natur, andere basteln Eisenbahnen, anderen hilft Kunst oder autogenes Training“, sagt Neuhauser.

Chronische Schmerzen gehören in jedem Fall in die Hand eines Spezialisten, denn, weiß Neuhauser: „Betroffene, die nachts im Schlaf und immer zur selben Zeit von Kopfschmerzen geplagt werden, hilft nur Koffein. Und bei Clusterkopf- schmerz wissen wir heute: Diese Betroffenen brauchen eine Therapie mit Sauer- stoff oder Cortison.“ Zu den jüngst oft thematisierten Wirkstoffkombinationen in ei- ner Tablette steht Neuhauser eher kritisch. „Ein Neurologe verlässt sich nicht ger- ne auf ein Mischpräparat, denn dabei ist nicht ersichtlich, welche Substanz tat- sächlich wirkt – und warum.“


Ist das Wetter Schuld?

Ernährung, Klima, Wetterfühligkeit, all diese „Erklärungen“ für das Entstehen von Kopfschmerzen verweist Neurologe Neuhauser ins Reich der Fabeln. „Aus neuro- logischer Sicht hat es weder Hand noch Fuß, Histamine, Gluten oder Glucose als Migräne-Trigger zu verteufeln.“ Die Erklärung des Experten: „Migräne verläuft ty- pischerweise in mehreren Stadien. Dazu zählt auch eine Phase des Heißhungers – etwa auf Schokolade. Wenn Betroffene dann Schokolade essen, und anschlie- ßend eine Migräneattacke folgt, führen es viele auf die ‚böse’ Schokolade zurück. Diese Umgebungsfaktoren sind jedoch keine Auslöser eines Kopfschmerzes, ge- nauso wenig wie das Wetter oder das Klima.“

Doch jeder akut auftretende Kopfschmerz, jede Chronifizierung kann Bote einer Reihe von Grunderkrankungen sein. Das ist die eine Seite. Die andere, positive Seite, so Christian Neuhauser: „Körperliche Symptome wie Kopfschmerzen sind ja auch ein Signal, und mehr als das – eine Chance, aus dem Druck, dem Stress oder aus der Leistungsspirale auszusteigen.“


DORIS SIMHOFER

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06+07/2017