FRAUENHYGIENE

FotoS: Doris Schwarz-König, afresh.at

Sabine Fallmann-Hauser, Sexualpädagogin aus Lunz am See


Die neuen Tage

Ob Menstruationstassen oder Baumwoll-Slipeinlagen: Immer mehr Frauen verwenden während ihrer Periode ökologische Alternativen.

Dr. Johann Dein- hofer, Facharzt für Gynäkologie und Frauenheil- kunde in Haag

3.000 Tage. So viele Tage hat Frau im Leben Menstruation. 3.000 Tage, an denen sie durchschnittlich 10.000 bis 17.000 Tampons oder Binden verbraucht. Um diese Hilfsmittel wird immer noch ein Geheimnis gemacht: Junge Mädchen achten in der Schule darauf, den Tampon möglichst unsichtbar auf die Toilette zu schummeln. Auch im Erwachsenenalter ist die Periode selten Thema. In den letzten Jahren aber verändert sich einiges: Menstruationstassen werden zum Mainstream, Frauen beobachten ihr eigenes Blut, statt be- schämt wegzuschauen. Stoff-Slipeinlagen tauchen am Markt auf. Und trotzdem ist das Thema Periode noch ein großes Tabu.


Tasse erlebt Aufschwung

Sie sieht aus wie eine kleine biegsame Tasse und es gibt sie in verschiedenen Farben: die Menstruations- tasse. Sie wird gefaltet in die Scheide eingeführt. Direkt am Muttermund fängt sie das Blut auf. Menstruati- onstassen sind Alternativen zu Tampons. Sie bestehen aus Bio-Silikon oder biegsamem Kunststoff. Nach stundenlangem Tragen – bis zu zwölf Stunden – entleert die Trägerin den Behälter und reinigt ihn mit Seife und Wasser. Verwenden Frauen Menstruationstassen, leiden sie seltener an Hefepilzen, es sammeln sich keine schädlichen Bakterien an und der Geruch wird besser. Und sie vermeiden Müll. Sehr viel Müll, denn eine Tasse kann bei richtiger Handhabung jahrelang verwendet werden. Dieser ökologische Aspekt gefällt auch Dr. Johann Deinhofer, Facharzt für Gynäkologie und Frauenheilkunde: „Es sind einfach Berge an Bin- den oder Tampons, die in einem Leben zusammenkommen.“ In seiner Ordination in Stadt Haag beobachtet er einen großen Aufschwung, was die Menstruationstasse betrifft. Der Großteil der Trägerinnen ist sehr zu- frieden, erzählt er. Deinhofer ist froh über diesen Trend, denn auch aus medizinischer Sicht ist die Tasse ge- sünder: Im Gegensatz zum Tampon hinterlässt der „Mooncup“, wie die Tasse auch genannt wird, keine Fa- sern im Körper. Und die Scheide trocknet nicht so leicht aus, was mit anderen Produkten gerade an den „leichteren“ Tagen der Fall sein kann. Die Tasse eignet sich für alle Frauen – einzig für junge Mädchen, bei denen die Scheide noch sehr eng ist, kann es problematisch werden, meint der Facharzt. Menstruationstas- sen gibt es in drei verschiedenen Größen.


Plastikfreie Alternative

Sabine Fallmann-Hauser, Sexualpädagogin aus Lunz am See, vertreibt Menstruationstassen schon länger. Tassen-Trägerinnen, sagt sie, seien sehr bewusste Frauen. Und trotzdem liegen im Badregal oft noch Sli- peinlagen. Für Tage, an denen Frau nicht sicher ist, ob die Regel schon kommt. Oder bei Schmierblutun- gen. Fallmann-Hauser ärgert sich über die Menge an Müll, die selbst bei diesen umweltbewussten Frauen anfällt. Auf der Suche nach einer nachhaltigen Alternative fand die Unternehmerin nichts. Und beschloss, es selbst zu versuchen. Eineinhalb Jahre später kam ihre „Wollke“ auf den Markt. Eine Slipeinlage aus Baumwolle, kunterbunt und in verschiedenen Designs, genäht von Frauen einer geschützten Werkstätte in St. Pölten. Auf Plastik verzichtet die „Wollke“ komplett: Die fünf Stoffschichten aus Bio-Baumwolle befestigt man mittels Flauschklettverschluss am Slip. Nach dem Verwenden wäscht man die Stoff-Slipeinlage und er- setzt dadurch 300 Wegwerf-Slipeinlagen. Frauenarzt Deinhofer sieht in der plastik- und duftstofffreien Vari- ante viele Vorteile: „Eine Alternative aus Baumwolle ist weniger hautreizend und sorgt für weniger Allergien.“ Frauen müssen sich damit keine Sorgen machen, ob durch den Schweiß Scheidenpilze oder Harnwegsin- fekte entstehen.


Erziehungssache

Dass das Thema Monatsblutung immer noch Unbehagen auslöst, liegt hauptsächlich an der Erziehung, sagt Frauenarzt Deinhofer: „Alles, was aus der Scheide kommt, ist für viele ekelig. Es ist eine Sache des Be- wusstseins, dass das normal, gut und richtig so ist.“ Vaginalsekret sei etwa ein Zeichen dafür, dass genü- gend Hormone vorhanden sind. Für Sabine Fallmann-Hauser ist es positiv, den eigenen Zyklus zu beobach- ten: „Wenn Frauen Tassen verwenden, bekommen sie ein besseres Gefühl für ihre Weiblichkeit. Sie beschäf- tigen sich damit und haben ihre Regelblutung im Blick.“ Die Trägerinnen sind durchschnittlich 25 bis 30 Jah- re.


Österreichweit im Regal

2016 hat die Sexualpädagogin die Slipeinlage auf den Markt gebracht, Anfang 2018 stellte sie gemeinsam mit ihrem Mann die „Wollke“ bei einer Startup-Show im österreichischen Privatfernsehen vor und konnte prompt alle Investoren von ihrer Erfindung überzeugen. Die „Wollke“ gibt es nun österreichweit in den Rega- len einer bekannten Drogeriekette. Sabine Fallmann-Hauser findet es „total wichtig, dass Frauen darauf

aufmerksam werden, dass ihre Gesundheitsprodukte Plastik und Duftstoffe enthalten und dass das auch ein Nachteil für die Umwelt ist. Ich kenne keine Frau, der das egal ist. Aber wenn sie keine Alternative hat, nimmt sie die herkömmliche Slipeinlage“, sagt die Niederösterreicherin. Im Blick hat sie dabei auch immer ihre Kinder, auch wenn sie Mutter von drei Söhnen ist: „Wenn es um Müll geht, kann ich ihnen antworten: Ich habe mich bemüht, habe Frauen von den Tassen erzählt und die ‚Wollke‘ erfunden. Man muss sich seiner Vorbildwirkung bewusst sein.“

Die neuen Alternativen verbreiten sich von selbst, sagt Deinhofer. Immer mehr Frauen erzählen dem Medizi- ner davon, manche lassen sich von ihm beraten. So verschwindet das Tabu, wünschen sich Deinhofer und Fallmann-Hauser. Und helfen Frauen auf dem Weg dahin.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018