IM PORTRÄT

FotoS: Nadja Meister

Wo Schatten ist,

ist auch Licht

Für die fast blinde Frau ist es möglich, trotz vieler Einschränkungen ein le- benswertes, glückliches Leben zu führen.



Heidemarie Feucht leidet seit ihrer Geburt an einer Augenerkrankung und ist heute fast blind. Trotzdem meistert sie ihren Alltag und ist nebenbei noch Buchautorin und wirkt an einem

Projekt für Sehbehinderte mit.

Das Leben hat es nicht gut mit ihr gemeint: Geboren als Früh- chen mit gerade einmal 1,3 kg wurde Heidemarie von der Mutter getrennt und in den Brutkasten gesteckt. Neben mas- siven Lungenproblemen litt sie unter einer schweren Netz- haut-Schädigung. Diese „retrolentale Fibroplasie“ entsteht bei Frühgeborenen durch die gestörte Blutgefäßentwicklung der

Retina. Der Sauerstoff, den sie zur Beatmung benötigte, wirkte sich zusätzlich negativ auf die Augenerkrankung aus, hinzu kamen zahlreiche andere gesundheitliche Probleme: „Ich schwebte zehn Tage lang zwischen Himmel und Erde, wurde not- getauft, für tot erklärt und wie durch ein Wunder errettet. Ein halbes Jahr musste ich allein im Spital in Wien verbringen und hatte keinen Kontakt zu meinen Eltern“, erzählt die heute 55-Jährige ohne Bitterkeit über ihr schweres Schicksal, das auch nach ihren ersten traumatischen Lebensmonaten immer wieder zuschlug. Viele schmerzhafte Behandlungen und Operatio- nen, die ihr Augenlicht retten sollten, musste sie über sich ergehen lassen. Die Welt konnte sie trotzdem immer nur sche- menhaft wahrnehmen. Und das Leben hielt eine Herausforderung nach der anderen für sie bereit: Der Alltag auf einer Berg- hütte der Hohen Wand mit Eltern, die ihr wenig Verständnis entgegenbrachten, war hart. In der Regelschule wurde sie von Klassenkollegen wegen ihrer dicken Brille gehänselt. Aus dem Traum einer Lehre in einer Musikalienhandlung wurde nichts; sie musste im elterlichen Gasthaus als Köchin und Kellnerin arbeiten. Ihre erste Ehe scheiterte, weil ihr Mann nicht mit ihrer Behinderung zurechtkam. Und ihre Sehkraft verschlechterte sich kontinuierlich: Irgendwann musste ihr ein Auge entfernt werden, sie bekam ein Kunstauge und später traf das Makula-Ödem auch noch das verbliebene Auge.


Anderen Mut machen

Heute ist Heidemarie Feucht fast blind, doch wenn man ihr begegnet, möchte man das kaum glauben: Sicher bewegt sie sich durch ihr Haus in Maiersdorf, wo sie mit ihrem zweiten Mann und ihrer zwölfjährigen Tochter lebt, sie serviert Kaffee und selbst gebackenen Kuchen und präsentiert stolz ihr Buch „Sehbehindert – na und? Mut tut gut“, das letztes Jahr erschienen ist. „Nach jahrzehntelangem Hoffen und Bangen um mein Augenlicht wurde mir irgendwann klar, dass ich dieses Buch schreiben muss. Ich möchte damit sehbehinderten Menschen Mut machen, denn es ist möglich, trotz Einschränkungen ein lebenswertes, glückliches Leben zu führen.“ Ein Jahr lang hat sie mit Notizen, Lesegerät und der Hilfe ihres Mannes an ih- rem Werk gearbeitet. „Karl hat meine handschriftlichen Aufzeichnungen in den Computer getippt, so konnte ich sie anschlie- ßend mit dem Lesegerät immer wieder rekapitulieren und verbessern, bis ich zufrieden war.“


Schatten & Licht

Tatsächlich sind das Lesegerät und das Vorlesegerät so etwas wie beste Freundinnen für Heidemarie Feucht, sie hat ihnen Namen gegeben und liebt es, mit ihrer Hilfe sehr langsam zwar, aber doch Zeitungen und Bücher zu studieren. So hat sie auch ihr bewegendes Buch verfasst, das ihre dunkle Welt beschreibt. Eine Welt voll Schatten, doch es gibt darin auch viel Licht – und dieses Licht versteht die mutige Frau ebenso zu entflammen wie ihren Holzofen in der Küche. Schon als Kind hat sie versucht, die Welt auch mit den Händen zu begreifen, sie fand Trost und Freude im Musizieren und Singen – und hat trotz verzweifelter Momente nie ihren Lebensmut verloren. „Kampfgeist und Kraft habe ich wohl von Geburt an mitbekom- men, weil der Herrgott wusste, welchen Weg ich vor mir habe. Ich glaube an das Gute im Menschen und daran, dass alles Schwere im Leben seinen Sinn hat und schließlich gut ausgeht.“


Alltag mit Tricks

Dass sie im Alltag mit der Unterstützung ihres Mannes gut zurecht kommt, kocht, bäckt, Wäsche wäscht, sich um die zwölf- jährige Tochter kümmert, allein mit dem Bus fährt oder Spaziergänge in der Natur macht, ist für sie selbstverständlich. Sie weiß sich eben zu helfen: „Für Blechkuchen brauche ich keine Waage, Schuhe mit Schuhbändern verbanne ich, ich habe mehrere Radios mit unterschiedlich eingestellten Sendern, sodass ich nicht suchen muss, und mein feiner Gehör- und Ge- ruchssinn helfen mir auch immer wieder weiter“, lacht sie. Auch aus Missgeschicken weiß sie etwas zu machen: „Einmal habe ich auf den Guglhupf Kakao statt Zucker gestreut, doch das schmeckte allen hervorragend, und meine Freundinnen glaubten, es wäre ein neues Rezept.“


Zur Sehbehinderung stehen

Trotzdem bleibt die Welt der Sehenden eine Herausforderung: Glastüren, Füllkörbe mitten im Supermarkt, Kleiderständer auf Gehsteigen und dazu drängelnde, rempelnde Menschen – das alles macht es für Heidemarie Feucht notwendig, sich als Sehbehinderte mit Blindenschleife und Stock zu kennzeichnen, wenn sie im Straßenverkehr unterwegs ist. Dass sie es über- haupt wagt, wurde ihr durch ein Mobilitätstraining beim Blindenverband möglich. Dort lernte sie spezielle Techniken wie etwa den gar nicht so einfachen richtigen Einsatz des weißen Langstocks. „Stock und Schleife zu nehmen ist mir anfangs nicht leicht gefallen, ich habe es lange hinausgezögert. Heute weiß ich, wie wichtig das ist und ich rate allen Betroffenen, auch nach außen hin dazu zu stehen, dass man sehbehindert ist.“


Die Macht guter Begegnungen

Derzeit beschäftigt sich die engagierte Mittfünfzigerin mit einem Projekt, das vom Blinden- und Sehbehindertenverband auf EU-Ebene eingereicht wurde und auf ihre Idee zurückgeht: „Es geht um die Einrichtung von Tagesstätten für Blinde und Sehbehinderte, die mit geschultem Personal und den für diese Menschen wichtigen Dingen und Angeboten ausgestattet sein sollten. Denn viele Betroffene können und wollen noch zu Hause schlafen, haben aber tagsüber oft keine Beschäfti- gung und vereinsamen, weil Bildschirm- und Vorlesegeräte teuer sind und privat bezahlt werden müssen.“

Heidemarie Feucht setzt sich gern für andere ein. Sie war ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge und in einem Sozialmarkt tätig, eines ihrer Hobbys – die Astrologie, die sie professionell erlernte – hat sie genützt, um anderen weiterzuhelfen. Sie glaubt an die Macht guter Begegnungen, weil die ihr selbst im Leben oft widerfahren sind: „Ich habe eine wunderbare Au- genprothetikerin und einen tollen Psychologen, der mir immer wieder mit Rat zur Seite steht, die Hilfsgemeinschaft der Blin- den- und Sehbehinderten ist für mich ein Segen. Meinem jetzigen Mann, der mich so gut unterstützt und liebt, bin ich auf ei- nem Amt praktisch in die Hände gefallen. Mein Leben ist vielleicht nicht einfach, aber ich liebe es.“


Gabriele Vasak

BUCHTIPP

Heidemarie Feucht:

„Sehbehindert – na und? Mut tut gut“

Die Autorin beschreibt ehrlich und auf- richtig ihre innere und äußere Welt. Sie will Menschen mit Sehbehinderung Trost spenden, Mut machen und Tipps ge- ben, um ein möglichst selbstbestimmtes Leben

führen zu können.


ISBN: 978-3-850287951

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 12/2018