VOLL IM LEBEN - SAMMELN

FOTOS: NADJA MEISTER

„Spannend wie ein Krimi“

Mit ihrer Sammlung historischer Dokumente über Traismauer folgt Elisabeth Eder den Spuren der Vergangenheit und fördert dabei hoch interessante Dinge zutage.

Es ist eine Leidenschaft, die bei vielen Menschen in der Familie zu liegen scheint. Schon die Mutter von Elisabeth Eder war eine begeisterte Sammlerin von Fotografien und Skurrilitäten aus lang vergangenen Zeiten, und nichts lag für die Tochter näher als diese Sammlung weiterzuverfolgen, als für sie die Zeit der Pension gekommen war. Es sind vor allem alte Fotografien, Ansichtskarten und Schriftdokumente, die es ihr angetan haben. Dabei dreht sich alles um ihren Heimatort Traismauer samt Katastralgemeinden, und es sind wahre Schätze, die sie da immer wieder aufstöbert. „Am meisten interessieren mich persönliche Dokumente, in denen man den Zeitgeist früherer Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte spürt“, sagt die Nie- derösterreicherin. Sie verweist stolz auf eines ihrer Lieblingsstücke – den Lehrbrief eines ungarischen Fri- sörs aus Traismauer aus der Zeit der Monarchie, geschrieben im Stil einer lang vergangenen Zeit und ge- spickt mit zahlreichen Rechtschreibfehlern und ungewöhnlichen Wendungen. „Wenn ich so etwas finde, habe ich das Gefühl, dass die Welt, so wie sie früher war, wieder ersteht, und die Personen, die damals gelebt haben, an Gestalt und Persönlichkeit gewinnen.“


Eine „Institution“

Elisabeth Eder besitzt unzählige solcher historischer Dokumente, die Fotografien, Schriftstücke, Bauplä- ne, Plakate, Firmenrechnungen, Ansichtskarten und vieles mehr umfassen. Das, was sie von vielen ande- ren Sammlern unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie all diese spannenden Dokumente nicht nur für sich allein sammelt, sondern sie in der sogenannten Topothek online stellt und auch für andere Interes- sierte zugänglich macht. Als Topothekarin der ersten Stunde hat sie bereits 1.780 Dokumente über Trais- mauer unter www.topothek.at veröffentlicht. Vieles davon hat sie selbst gesammelt, bei Ebay erworben oder von anderen aus der Bevölkerung zugespielt bekommen, denn Elisabeth Eder ist mittlerweile schon

so etwas wie eine Institution in dieser Angelegenheit. „Die Leute aus der Umgebung wissen, dass ich diese Dinge sammle, und sie stellen mir einerseits ihre Schätze zur Verfügung oder überlassen sie mir für kurze Zeit zum Scannen, andererseits wendet man sich auch an mich, wenn man etwas sucht. Sogar aus Singapur erreichte mich einmal eine Anfrage eines ehemaligen Bewohners von Traismauer“, erzählt sie.


Schriften entziffern

Doch das Topothek-Archiv in Sachen Traismauer ist noch lange nicht der Zenit von Elisabeth Eders Sammelleidenschaft. Davon abgesehen sammelt sie nämlich auch Schriftdokumente für eine von ihr verfasste Ortschronik, die bereits über tausend Seiten umfasst, allerdings noch nicht veröffentlicht ist.

„Das kommt vielleicht auch noch, aber zur Zeit beschäftige ich mich noch für mich allein mit diesen Dokumenten, die oft in alten, für uns kaum mehr entzifferbaren Schriften verfasst sind.“ Die rührige Pensionistin hat, um das bewerkstelligen zu

können, mehrere Kurse im Schriftenlesen absolviert, doch: „Jede Handschrift ist anders, und viele alte Ausdrucksformen sind heute unbekannt. Es dauert oft sehr lange, bis man ein solches Dokument entziffert hat, aber die Zeit vergeht dabei wie im Flug, und das Ganze ist spannend wie ein Krimi.“

Der staunende Zuhörer kann sich das vorstellen, denn immerhin handelt es sich dabei etwa auch um einen Schriftverkehr rund um die wichtige Traisen-Brücke von Traismauer, die oft vom Einsturz bedroht war, und für deren Reparatur sich sogar Maria Theresia in einem Schreiben engagierte.


Eine Sammlerin, die gerne teilt

So geht Elisabeth Eders Sammlung weit über eine private Freizeitbeschäftigung hinaus, und sie selbst freut sich am meis- ten, wenn sie auch andere mit ihren Schätzen begeistern und interessieren kann und wenn es ihr gelingt, mit ihren akribi- schen Recherchen etwa eine lang gehegte persönliche Vermutung bestätigt zu bekommen. Die Lupe hat sie stets bei der Hand, und ein Geschichte-Studium hat sie auch begonnen, um ihr großes historisches Wissen zu vervollständigen. Am Sammeln schätzt sie auch, dass sie dadurch viel mit anderen in Kontakt kommt, und verkaufen würde sie ihre Sammlung „niemals“. Stattdessen wünscht sie sich, dass sie einmal von ihrer Tochter, die auch daran interessiert ist, weitergeführt wird.


Spuren der Wirklichkeit

Noch eines scheint klar, wenn man diese außergewöhnliche Sammlerin beobachtet: Um Flucht vor der Realität, die Sammlern oft nachgesagt wird, geht es ihr nicht – ganz im Gegenteil: „Ich habe keine Absicht, für mich allein ein Trais- mauer der Vergangenheit aufzubauen und darin zu versin- ken. Worum es mir geht ist Wahrheitsfindung. Ich möchte mit diesen Dokumenten die Spuren der Wirklichkeit von vor 50 oder 100 oder 150 Jahren nachzeichnen. Und diese Be- schäftigung ist ein großer und schöner Teil meines Lebens geworden.“



GABRIELE VASAK

Topothek

Die Topothek ist ein On- line-Archiv, das private Fotos, Ansichtskarten, historische Alltagsdoku- mente als Teil der Orts- geschichte publiziert. Im- mer mehr Gemeinden und ehrenamtliche Histo- rikerinnen und Historiker machen mit. Die Topo- thek erfüllt auf dem Ge- biet der Alltagsgeschich- te einen wertvollen Bei- trag.

Informationen:

www.topothek.at

In den

Dokumenten

spürt man

den Zeitgeist

früherer

Jahrzehnte

oder gar

Jahrhunderte.

Elisabeth Eder besitzt unzählige historische Dokumente – Fotografien, Schrift- stücke, Baupläne, Ansichtskarten und vieles mehr

INTERVIEW

Sammeln – Leidenschaft & Krankheit

 Woher kommt der Wunsch, Dinge zu sammeln?

Ursprünglich wurde gesammelt, um das Überleben zu sichern, und man sagt uns auch nach, dass wir alle in gewisser Weise Jäger und Sammler sind. Jeder sammelt irgendetwas  Dinge, Erlebnis- se, Geld oder Erfolge.


Gibt es gemeinsame psychologische Merkmale aller Sammler?

Sammler kommen immer dem Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung nach. Die Welt verän- dert sich rasant, und durch den Rückzug in seine gesammelten Werte schafft man sich eine kleine Insel, die Vertrautheit und Sicherheit gewährt.


Welche positiven psychischen Aspekte hat die Sammelleidenschaft?

Menschen sammeln, um Gleichgesinnte zu treffen und in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein. Andere, die etwa Medaillen oder Pokale sammeln, tun es um Ansehen und Status willen, wieder andere suchen im Sammeln von Plüschtieren und ähnlichen „lieben Dingen“ Harmonie und Geborgenheit, und viele haben einfach Interesse und Freude daran.


Welche negativen Aspekte gibt es andererseits?

Nach Alfred Adler werden beim Sammeln auch Minderwertigkeitsgefühle kompensiert, zum Bei- spiel wenn manche Leute stets Höchstleistungen vollbringen und Erfolge zur Schau stellen und sich damit auch vom Urteil anderer abhängig machen. Sammeln kann auch krankhaft werden, wenn man sich dadurch zu sehr von der Realität entfernt oder zurückzieht, etwa das Messie- Syn- drom entwickelt und dadurch sich selbst und anderen schadet.


Wann ist Sammeln weniger Leidenschaft als Krankheit?

Krankheitswert hat Sammeln immer dann, wenn einem normalen Lebensalltag nicht mehr nachge- gangen werden kann, wenn das Sammeln suchtartigen oder zwanghaften Charakter bekommt und man kaum mehr an etwas anderes denken kann wie eben beim Messie-Syndrom. Diese Men- schen horten und sammeln zwanghaft, meist Gegenstände, die für Außenstehende völlig wertlos erscheinen. Dazu kommt meist das Unvermögen, Ordnung zu halten oder zu schaffen, man kann sich nicht von den Gegenständen trennen, und es kommt oft zur Vermüllung der Wohnung.


Wo verläuft die Grenze zwischen normaler Sammelleidenschaft und Messie-Syndrom?

Messies sind durch ihr Horten und Vermüllen sowie wegen Schuld- und Schamgefühlen oft auch sozial isoliert, oft leidet die ganze Familie darunter. Betroffene und Angehörige sollten Hilfe bei Ex- perten und Selbsthilfegruppen suchen.


Warum können beide nicht wegwerfen?

Bei manchen beginnt die Sammelmanie damit, dass sie eine große Enttäuschung erlebt haben, unter Ängsten leiden oder extreme Mangelerlebnisse durch Krieg oder Flucht erfahren haben und sich durch das Horten bestimmter Dinge einen Rückzugsort schaffen, was in der Folge zur Reali- tätsflucht führen kann. Das Gesammelte bietet dann eine Schutzmauer gegenüber der Außenwelt und darf da her nicht zerstört, also weggeworfen werden. Dem Gesunden kann das Ausmustern von gesammelten Dingen schwerfallen, weil er nicht loslassen will. Oft sind mit den Gegenständen bestimmte Erinnerungen oder Motive und Bedürfnisse verbunden. Manchmal hilft es, sich das be- wusst zu machen und bessere Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung zu finden. Wer sich schwer tut auszumustern, weil es um eine bestimmte Erinnerung geht, sollte sich bewusst ma- chen, dass uns Erinnerungen keiner nehmen kann – sie sind unser einziger wahrer Besitz.


Es gibt in der Gesellschaft auch einen Gegentrend zum Sammeln – „weniger ist mehr“.

Obwohl es viele Sammler gibt, wird andererseits auch vielen bewusst, dass viel Besitz unfrei macht. Tatsächlich schenkt uns „weniger zu haben“ mehr Freiraum und Unabhängigkeit. Sowohl Sammeln als auch Reduzieren sind gut, wenn es zum eigenen Wohlbefinden beiträgt.

Psychologin Mag. Natalia

Ölsböck über psychische

Aspekte hinter der

Sammelleidenschaft –

positive und negative

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2017