FRAUENGESUNDHEIT

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Eigen-artig

Frauen ticken anders als Männer. Auch in Sachen Gesundheit. Die Gendermedizin analysiert und respektiert beide Geschlechter in ihrer Eigenart und setzt einen Fokus auf Frauengesundheit.

Frauen sind zähe und geduldig im Ertragen von Krankheiten und Schmerzen, sie nehmen Gesundheitsvorsorge ernst und ge- hen regelmäßig zu notwendigen Kontrolluntersuchungen. Männer trinken, rauchen und essen viel und fett, schleppen sich mit Leidensmiene ins Bett, wenn sie 37,2 Fieber haben und nehmen andererseits ärztliche Hilfe erst dann in Anspruch, wenn wirk- lich Feuer am Dach ist. Was davon stimmt und was nur Klischee ist, wird immer klarer. Denn die geschlechtssensible Gender- medizin, deren Ursprünge in den USA der 1980er Jahre liegen, setzt sich auch hierzulande immer mehr durch.

Die Stoffwechselexpertin Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer weiß: „In allen Bereichen der Medizin einschließlich der Kom- munikation spielt es eine Rolle, ob wir Mann oder Frau sind. Die Gendermedizin berücksichtigt im Sinne eines ganzheitlichen Gesundheitskonzepts sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren, die bei Männern und Frauen eben unterschiedlich sind und die alle die Erhaltung unserer Gesundheit oder die Entwicklung von Krankheiten beeinflussen.“ Kautzky-Willer ist die erste Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien und leitet das erste Forschungszentrum für Gender- medizin in Niederösterreich.



Die benachteiligte Frau?

Bislang stand vor allem der Mann im Brennpunkt des medizinischen Interesses: Wissenschaftliche Untersu- chungen zur Wirksamkeit von Medikamenten etwa wur- den früher primär am Prototyp „männlich, weiß, mittleres Alter“ durchgeführt, und so fehlten oft Daten für das weibliche Geschlecht.

Heute weiß man freilich, dass viele Krankheiten bei Mann und Frau unterschiedlich verlaufen oder auch un- terschiedlich auf bestimmte Behandlungen reagieren können. Dieses Wissen hat die Diagnostik und Therapie für beide Geschlechter prinzipiell verbessert. Heute ist beispielsweise bekannt, dass der Herzinfarkt bei Frauen oft ganz andere Symptome zeigt als beim Mann, dass Frauen und Männer unterschiedlich auf Medikamente, Alkohol und Drogen reagieren, dass Frauen Schmerzen intensiver und länger erleben als Männer, dass sie einen anderen Gesundheitsbegriff und ein anderes Vorsorge- verhalten haben oder dass psychische Krankheiten zu einem Gutteil ihre Domäne sind. Auch Migräne und

Spannungskopfschmerz trifft Frauen weitaus häufiger als Männer. Rückenschmerz ist ein weiteres typisches Frauenleiden, die vielfältige Schmerzkrankheit Fibromyalgie erst recht, und bei Störungen des Magen-Darm-Traktes wie Reizmagen oder Reiz- darm sind rund zwei Drittel der Betroffenen Frauen.


Männer- und Frauenmedikamente?

Frauen und Männer ticken in Bezug auf ihre Gesundheit also oft ganz unterschiedlich. Wird es deshalb – vielleicht schon in na- her Zukunft – das Blutdruckmittel oder das Antidepressivum für den Mann und ein anderes für die Frau geben? „In Zeiten, in denen immer mehr von maßgeschneiderter Medizin und genetischem Fingerabdruck die Rede ist, sollte es wohl bald Realität sein, aus einer großen Palette von Medikamenten das individuell passendste auszuwählen. Warum sollte dabei nicht auch das Geschlecht mitberücksichtigt werden? Schon jetzt nimmt man teilweise bei Medikamenten Bedacht auf die Dosis, die für Frau- en aus biologischen Gründen oft geringer sein muss als bei Männern, und wählt wegen bekannter Medikamentennebenwirkun- gen geschlechtsspezifisch“, sagt Alexandra Kautzky-Willer.  Wenn das Wissen der Gendermedizin in allen Krankenhäusern und Ärztepraxen ankommt, dürfen Männer und Frauen wohl wirklich auf individuelle Behandlung hoffen. So kann Gendermedizin auch helfen, Kosten zu sparen, die aus falschen Behandlungen oder abgebrochenen Therapien resultieren.


Prägung im Mutterleib

Kosten sparen helfen könnte man auch in der Prävention, und zwar schon vor der Geburt eines Kindes: Eines der neuesten und spannendsten Forschungsgebiete der Gendermedizin ist die Phase der Schwangerschaft – vom Kind aus betrachtet. Denn

schon hier differenziert sich zum Beispiel das Gehirn von Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise – wichtige Prägun

gen und Programmierungen für das spätere Leben finden nun statt. Dabei spielen etwa Umwelteinflüsse, die Ernährung der Mutter oder ihre psychische Konstitution eine entscheidende Rolle, die – so vermutet man – die Geschlechter unter- schiedlich beeinflussen.

So kommen Genderforscherinnen in aller Welt immer wieder zu neuen Erkenntnissen, die neue Puzzlesteine zu einer maßge-

schneiderten Medizin darstellen. Diesen Erkenntnissen werden allerdings derzeit noch vor allem im Bereich der Wissenschaft und Lehre Rechnung getragen, we- nig erst in der alltäglichen Praxis von niedergelassenen Ärzten.

Frauen sind immer gut beraten, selbst auf ihre Ge- sundheit zu achten. Denn noch eines gilt es zu bemer- ken: Sie leiden teilweise unter anderen Stressauslö- sern, besonders bei familiären Problemen und psycho- sozialem Stress, und gehen anders damit um. „Umso wichtiger ist deshalb für Frauen, sich ausreichend Zeit für Entspannung und die eigenen Bedürfnisse zu neh- men“, sagt Alexandra Kautky-Willer. „Selbstbewusst und selbstbestimmt leben, Zeit mit dem Partner und den Liebsten genießen, Spaß mit Freundinnen haben – all das ist für eine gute Frauengesundheit auch sehr wichtig.“


Gabriele Vasak

Die „klassischen“ Frauenleiden


Myome: Bis zu 50 Prozent aller Frauen ab 30 haben Myome, drei Viertel von ih- nen bemerken davon aber nichts. Diese Wucherungen der Muskulatur, die sich überwiegend in der Gebärmutter finden, sind in der Regel harmlos bzw. gutar- tig, können aber zu sehr starken Regelblutungen und -schmerzen führen. Durch die starken Blutungen kann es letztlich zu einer Blutarmut kommen, die die all- gemeine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Außerdem kann es bei großen Myo- men durch Druck auf die umliegenden Organe zu Verdauungsstörungen und Störungen im ableitenden Harnsystem kommen. Nur etwa 0,5 Prozent aller Myome sind bösartig. Diese Myome heißen Sarkome und sind durch sehr ra- sches Wachstum gekennzeichnet. Deshalb bedürfen rasch wachsende Myome der besonderen Aufmerksamkeit. Was störende kleinere Myome betrifft, so kön- nen sie in vielen Fällen so entfernt werden, dass die Gebärmutter erhalten bleibt. Muss „es“ dennoch sein, weil Beschwerden bestehen, die durch eine konservative vorübergehende Therapie nicht unter Kontrolle gebracht werden können oder die Myome kontinuierlich und rasch wachsen, so gibt es heute mehrere Operationsmethoden, die häufig auch tagesklinisch abgewickelt wer- den können. Die früher übliche „Totaloperation“ mit kompletter Entfernung der Gebärmutter wird heute kaum mehr angewendet. Wichtig ist auch hier, wach- sam zu sein.

Pilzinfektionen/gestörte Scheidenflora: Juckreiz, Brennen und Ausfluss im Intimbereich sind oft Ausdruck einer Pilzinfektion oder einer gestörten Schei- denflora. Was das saure Scheidenmilieu und die Mikroorganismen in der Schei- de in Ungleichgewicht bringen kann, sind übertriebene oder falsche Intimhygie- ne, starke hormonelle Veränderungen, psychische Faktoren und Antibiotika. Ein Scheidenpilz tritt dann auf, wenn der normale Mikrobenteppich der Vaginal- schleimhaut durch äußere Einflüsse gestört ist. Behandelt wird der Scheidenpilz mit Antimykotika zur lokalen Anwendung und Antipilzmitteln zur systemischen Behandlung als Tablette oder Infusion. Eine Scheidenpilzinfektion ist relativ leicht mit einem Antipilzmittel zu behandeln und in der Regel nach ein paar Ta- gen verschwunden. Leider kommt es aber recht häufig zu einem neuerlichen Auftreten der Probleme. Im Sinne der Scheidengesundheit ist es daher wichtig, das Problem mit dem Facharzt abzuklären.


Endometriose: Die Endometriose ist die zweithäufigste gutartige gynäkologi- sche Erkrankung bei Frauen zwischen 15 und 45. Dabei wächst die Gebärmut- terschleimhaut auch außerhalb der Gebärmutterhöhle. Das Leitsymptom sind intensive Regelschmerzen, die typischerweise ein bis drei Tage vor der Blu- tung einsetzen, oft begleitet von Bauch-, Rücken- und Beckenbodenschmer- zen. Die Blutung selbst kann sehr stark bzw. unregelmäßig sein. Viele betroffe- ne Frauen wissen nichts von der Ursache ihrer Schmerzen und nehmen sie oft hin, obwohl sie massiv in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt sind. Endometrio- se kann zudem zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang führen, Erschöpfung, erhöhte Infektanfälligkeit und ein vermehrtes Auftreten von Allergien und anderen Immunerkrankungen nach sich ziehen. Wenn die Eierstöcke mit Schleimhaut verwachsen, werden auch die Befruchtung der Eizelle sowie ihr Transport und die Einnistung in der Ge- bärmutter behindert. Das führt oft dazu, dass betroffene Frauen unfruchtbar werden: Bei etwa 30 bis 40 Prozent der Frauen, die ungewollt kinderlos blei- ben, ist dies auf Endometriose zurückzuführen. Sie sollten darüber mit ihrem Frauenarzt reden.


Harnwegsinfekt: Ständiger Harndrang, oftmaliges Wasserlassen unter bren- nenden Schmerzen und Krämpfe im Unterbauch sind die Symptome eines Harnwegsinfekts. Gerade Frauen sind besonders häufig davon betroffen. Das hat in erster Linie anatomische Gründe, denn die weibliche Harnröhre mündet in gleicher Ebene wie die Scheide in den Schambereich, in relativer Nähe zum After. Die relativ kurze weibliche Harnröhre erleichtert den Keimen den Aufstieg in die Harnblase, wo sie sich gut vermehren können. Viel trinken, oft zur Toilette gehen und Ruhe helfen. Nicht zu spaßen ist mit einer Harnwegsinfektion in der Schwangerschaft, wo es ohnehin eher zu Entzündungen kommt, weil durch die Hormonumstellung auch das Gleichgewicht der Schleimhäute gestört werden kann und die Krankheitserreger so leichteres Spiel haben. Echte Gefahr für Mutter und Kind besteht, wenn es zu aufsteigenden Infekten bis zur Nierenbe- ckenentzündung kommt. Schwangere sollten daher die geringsten Beschwer- den ärztlich abklären lassen.


Brustkrebs: Obwohl Brustkrebs auch Männer treffen kann, sind die diesbe- züglichen statistischen Werte bei Frauen viel höher. In Österreich trifft die Dia- gnose rund 5.000 Frauen pro Jahr. Brustkrebs ist die häufigste Krebserkran- kung der Frau. Aber: Die Möglichkeiten der Früherkennung und die Therapien haben sich so gebessert, dass mehr als 80 Prozent aller betroffenen Frauen gesund aus der Behandlung entlassen werden können. Voraussetzung für die Heilung ist die frühzeitige Diagnose und Behandlung. Erblich bedingter Brust- krebs kann zum Beispiel durch regelmäßiges Screening (Mammographie) häu- fig rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Für Patientinnen in fortgeschritte- nem Stadium stehen mehrere neue, innovative Behandlungsoptionen zur Verfü- gung. Damit kann die Lebensqualität oft über Jahre hinweg aufrechterhalten werden. Nehmen Sie Vorsorge ernst!

(v.l.) Alexandra Kautzky-Willer (Leiterin der Gender Medicine Unit der Medizinischen Universität Wien), Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und VAMED-Vorstandsvorsitzender Ernst Wastler

Forschungszentrum für Gendermedizin


In Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien startet der in- ternationale Gesundheits-Dienstleister VAMED ein Forschungszen- trum für Gendermedizin in Gars am Kamp. „Dieses innovative Zen- trum ist ein Vorreiter-Projekt und wird ein Vorzeige-Projekt in der For- schungslandschaft in Niederösterreich sein“, sagt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. Im Mittelpunkt werde evidenzbasierte For- schung für Frauen und Männer stehen. Für VAMED-Vorstandsvorsit- zenden Ernst Wastler ist das Forschungszentrum „ein Meilenstein in der Innovation“. Und mit mehr als 600 betreuten Gesundheitseinrich- tungen ein einzigartiges Umfeld für spitzenmedizinische Forschung. Die medizinische Leiterin Alexandra Kautzky-Willer, Leiterin der Gen- der Medicine Unit der Medizinischen Universität Wien, Österreichs Wissenschaftlerin des Jahres, erhofft sich noch genauere Erkennt- nisse über die Wirkungsmechanismen bei Frauen und Männern. Das Institut in Gars am Kamp werde zusätzliche Möglichkeiten in der an- gewandten gendermedizinischen Forschung eröffnen.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2017