GENERATIONEN

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Familiengeheimnisse

In Familien gibt es Liebe, aber natürlich auch Konflikte – vieles bleibt ungesagt. Wichtig ist ein achtsamer Umgang miteinander und eine stabile Bindung. Und reden hilft.

Dr. Karin Neumann,

Psychotherapeutin in Perchtoldsdorf

Gerade in der Familie ist es oft schwer, offen miteinander zu reden: So viel Nähe, Hoffnungen, Angst vor Verletzungen und Versto- ßenwerden hindern manchmal, den nahestehenden Menschen offen zu sagen, was mit einem los ist. Doch gerade hier wäre der richtige Platz für derartige Gespräche – wenn man einander vertrauen kann und weiß, dass man „trotzdem“ angenommen und ge- liebt wird. Warum das so schwierig ist und was man tun kann, erklärt Psychotherapeutin Dr. Karin Neumann, die sich besonders mit dem Austausch zwischen den Generationen beschäftigt.


Warum bleibt in Familien vieles ungesagt?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Sehr oft geht es darum, Familienmitglieder zu schützen. Auch haben viele Menschen in ihrer ei- genen Ursprungsfamilie selbst nie gelernt, wie man über Probleme spricht, und können es deshalb als Erwachsene auch nicht. An- dere wiederum haben Angst, sich mit unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen und leben nach dem Motto „Wenn ich das nicht anspreche, belastet es mich (und auch die anderen) nicht.“ Aber das stimmt nicht, denn gerade Ungesagtes kann große psychi- sche Folgen haben. Am häufigsten werden tabuisierte Dinge verschwiegen, weil sie mit Furcht, Scham und Angst vor sozialer Stig- matisierung verbunden sind.


Was verschweigen Eltern?

Alle Themen, die die Kinder belasten könnten, wie beispielsweise Gewalt in der Familie, drohende Arbeitslosigkeit, Geldmangel, de- pressive Verstimmungen, Ängste jedweder Art (damit die Kinder diese nicht übernehmen), Eheprobleme oder bevorstehende Schei- dungen. Typischerweise verschwiegen werden auch „sexuelle“ Themen, Alkoholismus, Selbstmordversuche bzw. Suizide oder Psychiatrieaufenthalte. Ein besonderes aktuelles Thema betrifft die künstliche Befruchtung, denn zunehmend mehr Babys entstehen aus anonymen Samen- oder Eispendern, aber laut wissenschaftlichen Untersuchungen wissen nur etwa fünf bis zehn Prozent sol- cher Kinder Bescheid.


Was verschweigen Kinder?

Das kommt auf das Alter des Kindes an. In meiner psychotherapeutischen Praxis erlebe ich häufig, dass vieles bereits im Kinder- gartenalter verschwiegen wird – meist aus Angst, dass die Eltern sie dann nicht mehr „gut“ finden, sie nicht ernst nehmen oder sich bei Freunden oder Bekannten über sie lustig machen könnten. Auch im Volksschulalter behalten Kinder Dinge aus Angst vor Versa- gen für sich. Sie haben oft das Gefühl, wenn sie etwas falsch machen, lieben die Eltern sie nicht mehr, und diese Vorstellung ist furchtbar für sie. In der Pubertät verschweigen Jugendliche Dinge, die die Eltern als falsch ansehen würden – zum Beispiel den Griff zu Zigarette, Alkohol, Drogen etc. Natürlich wollen sie nicht, dass die Eltern ihre Probleme regeln, weil sie dann nicht autonom han- deln können oder von anderen als uncool gesehen werden könnten, und deshalb reden sie lieber nicht darüber. Und bei vielem müssten sie sich vielleicht auch für ihre Eltern „fremdschämen“, wenn die anders handeln, als sie selbst es tun würden.


Welche Auswirkungen hat das Nichtreden?

Schweigende leiden genauso wie diejenigen, die Dinge nicht mitgeteilt bekommen, sondern nur ahnen, dass etwas nicht stimmt. Manche Geheimnisse werden über Generationen hinweg gehütet. Das kann fatale Auswirkungen haben. Über Suizid etwa wird auch heute noch in Familien meist nicht offen gesprochen. Das Verheimlichen ist wohl oft eine Bewältigungsstrategie, um mit der enormen Trauer, die mit einem Suizid in der Familie verbunden ist, umzugehen, doch gerade solches Nicht- Gesagte kann Sympto- me wie Ängste und Panikattacken hervorrufen.


Wie können Eltern und Kinder damit umgehen?

Das kommt natürlich ganz darauf an, wie reflektiert die Eltern sind und welche Erfahrungen sie selbst in ihrer Kindheit und Jugend gemacht haben. Viele Jugendliche erzählen mir, dass ihre Eltern sagen, dass man „Probleme nicht durch Reden“ lösen könne, denn in ihren eigenen Ursprungsfamilien wurden auch nie Probleme besprochen. Wenn ein solches Glaubensmuster in einer Familie vor- herrscht, ist es natürlich schwierig, in einen offenen und liebevollen Dialog auf Augenhöhe zu treten. Das Wichtigste in jeder Bezie- hung ist eine sichere Bindung – also dass man keine Angst haben muss, verlassen oder verstoßen oder weniger geliebt zu werden, wenn Dinge, die für einen nicht passen, ehrlich angesprochen werden. Es geht darum, gemeinsam zu einer Lösung zu finden, die für alle Beteiligten passt. Therapeutische Unterstützung kann dabei helfen.


Gabriele Vasak

Von Generation zu Generation


Zwischen Eltern und Kindern bestehen Bindungen, die das Leben entscheidend beeinflussen. Alles, was Kinder von den Eltern gesehen, gehört, erfahren und erlebt haben, prägt ihre Realität und ihr Bindungsmuster. Eltern können von ihren Kindern lernen – von neuen Impulsen in Sachen Lifestyle bis hin zur „anderen“ Gestaltung von Freundschaften oder der Kunst der Lockerheit. Freilich gibt es in vielen Eltern-Kind-Beziehungen offene und unausgesprochene Konflikte, nicht selten geben Eltern Belastendes an die nächsten Generationen weiter, und auch Kinder geben ihren Eltern oft Rätsel auf. Eine neue psychotherapeutische Me- thode, entwickelt von dem Psychotherapeuten-Ehepaar Dr. Sabine und Dr. Roland Bösel in Wien, kann helfen, sich konstruktiv mit familiären Anliegen auseinan- derzusetzen – nicht zuletzt, um alte Wunden zu heilen: Der Workshop „Generationen im Dialog“ findet zwischen einem Elternteil und einer erwachsenen Tochter bzw. einem erwachsenen Sohn statt und will durch achtsame und respektvolle Versöhnung mit der Vergangenheit Frieden schaffen und neue Zugänge zur eige- nen Realität und zu der des anderen schaffen. Ziel ist es, den jeweils anderen als erwachsenen und eigenständigen Menschen anerkennen zu können.


-Workshop „Generationen im Dialog“

29.06.–01.07.2018 und/oder 23.–25.11.2018

Leitung: Dr. Karin Neumann und Dr. Monika Weis-Danhofer

(Psychotherapeutinnen)

Seminarort: Diesterweggasse 2/7, 1140 Wien

Anmeldung: Tel.: 0676/4022151 oder 0676/7613898, weisdanhofer@gmail.com

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2018