GESUND WERDEN & BLEIBEN  - RHEUMA

Wenn jede Bewegung schmerzt

FOTOS: FELICITAS MATERN

Rheuma ist häufig und trifft nicht nur alte Menschen. Nehmen Sie die Erkrankung ernst und gehen Sie frühzeitig zum Facharzt.

Steife Gelenke, Kreuzschmerzen und Einschränkungen im alltäglichen Le- ben – Probleme, die man vor allem von älteren Mitmenschen oft zu hören be- kommt. Doch wer denkt, auf Rheuma müsse man sich erst nach der Pensio- nierung gefasst machen, für den hat Primarius Doz. Dr. Burkhard Leeb, Lei- ter des Kompetenzzentrums für Rheumatologie im Landesklinikum Sto- ckerau, ernüchternde Zahlen: Allgemein heißt es, das Risiko, irgendwann im Leben an Rheuma zu leiden, liege bei 80 Prozent. Leeb ist sogar der Mei- nung, dass es jeden Menschen einmal trifft. „Irgendeine rheumatische Be- schwerde kriegen wir alle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann im Leben“, meint Leeb. Rheuma ist grundsätzlich alles, was im Bewegungsapparat weh tut, sagt Leeb: „Das muss aber nicht heißen, dass diese Beschwerden wirklichen Krankheitswert haben, also langfristig beein- trächtigen.“ Rheumatische Beschwerden wie gelegentliche Rückenschmer- zen zum Beispiel sind also nicht dasselbe wie Rheuma als Erkrankung. Doch was verbirgt sich hinter dem ziemlich unscharfen Begriff Rheuma? „Darunter werden bis zu vierhundert verschiedene Krankheitsbilder zusammenge- fasst“, erklärt Leeb. „Allen gemeinsam ist der Schmerz in Gelenken, Sehnen und Muskeln.“ Der Schmerz ist es auch, der die meisten Patienten in das NÖ Kompetenzzentrum für Rheumatologie im Landesklinikum Stockerau führt. Es existiert seit 1999, von Beginn an unter der Leitung von Burkhard Leeb. Mit etwa 5.500 Patientenkontakten pro Jahr ist es die größte Anlaufstelle in Niederösterreich für Menschen, die an Rheuma leiden.


Eine Krankheit, viele Gesichter

Entzündungen und Schmerzen in den Gelenken und der Wirbelsäule können ganz verschiedene Ursachen haben. Man teilt sie in vier Gruppen ein:

entzündlich rheumatische Erkrankungen

nicht-entzündliche degenerative Erkrankungen (Arthrosen)

Weichteil-Rheumatismus

- Gelenksbeschwerden, die durch Ablagerungen in den Gelenken entste hen

Bekannteste Vertreterin der letzteren Gruppe ist die Gicht. Durch zu viel Fleisch- und Alkoholkonsum entstehen große Mengen an Abbauprodukten, die nicht ausgeschieden werden können und sich in den Gelenken abla- gern, wo sie Entzündungen verursachen. Ernährungsumstellung und Medi- kamente können hier effektiv helfen.

Nicht so einfach zu begründen sind die rheumatischen Beschwerden in Weichteilen, also Muskeln und Bindegewebe. Die Fibromyalgie ist ein Bei- spiel für Weichteil-Rheumatismus. Bei diesem Krankheitsbild, bei dem im schlimmsten Fall der ganze Körper schmerzen kann, stoßen Mediziner oft- mals an ihre Grenzen. Die Betroffenen haben starke Schmerzen und sind in ihren Bewegungen eingeschränkt. Vermutlich besteht eine Verbindung zur Psyche, wirklich erklärbar ist das Leiden jedoch noch nicht. Die Behandlung besteht meist aus antidepressiv wirksamen Medikamenten und Psychothera- pie.


Entzündlich-rheumatisch

Von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sind besonders häufig junge Menschen betroffen. Sie gehören zu den Autoimmunerkrankungen und kön- nen ohne Behandlung einen aggressiven Verlauf nehmen, sind jedoch eher selten. Die rheumatoide Arthritis ist wohl ihre bekannteste Vertreterin. Dabei kommt es zur Entzündung von Gelenken, wobei kein Erreger im Spiel ist, sondern das eigene Abwehrsystem den Körper angreift. Antikörper im Blut verwechseln das körpereigene Gewebe des Gelenks mit Fremdmaterial und attackieren es. Schwellung und Entzündung entstehen, besonders betroffen sind die kleinen Gelenke in Händen und Füßen. Die genaue Ursache ist nicht bekannt, die Erkrankung ist auch genetisch bedingt. Typisch für die rheumatoide Arthritis sind die Morgensteifigkeit und der Druckschmerz der Gelenke. Unbehandelt schreitet die Krankheit immer weiter fort und führt im Alter zu Deformationen und Versteifung der Gelenke. „Die meisten Patienten, die bei uns stationär behandelt werden, leiden an entzündlich-rheumati- schen Erkrankungen. Sie können jeden betreffen, vom Neugeborenen bis zum Greis“, sagt Leeb. Neben rheumatoider Arthritis fallen in diese Katego- rie auch Entzündungen der Wirbelsäule (Spondyloarthritiden), Kollagenosen (Bindegewebserkrankungen) wie zum Beispiel Lupus erythematodes, und Vaskulitiden, bei denen die Blutgefäße entzündet sind. „Die entzündlichen Gelenkserkrankungen, wie etwa rheumatoide Arthritis, haben längst ihren Schrecken verloren“, kann Leeb eine erfreuliche Bilanz ziehen. „Sie sind heute sehr gut behandelbar – je früher desto besser.“


Das NÖ Kompetenzzentrum für Rheumatologie ist die größte Anlaufstelle in Niederösterreich für Menschen, die an Rheuma leiden.

Geleitet wird es von Prim. Doz. Dr. Burkhard Leeb (Foto oben rechts).

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Für immer verloren

Weitaus weniger spektakulär und eher schleichend präsentieren sich die degenerativen Erkrankungen, die Arthrosen. Der Volksmund kennt sie als Abnützungserscheinungen oder „Alters-Wehwehchen“. Die Arthrosen sieht Leeb in seiner Ambulanz am häufigsten. „Das sind die rheumatologischen Erkrankungen, die sozioökonomisch die größte Be- deutung haben“, weiß der Experte, weil durch sie Menschen arbeitsun- fähig werden. „Aber es sind leider auch die Erkrankungen, gegen die wir am wenigsten tun können.“ Denn bei den degenerativen rheumatis- chen Erkrankungen wird die Knorpelschicht, die den Knochen am Ge- lenk schützend umgibt und das reibungslose Gleiten des Gelenks er- möglicht, dünner und verschwindet schließlich ganz. Das passiert im Alter oder wenn das Gelenk falsch belastet wird, wie etwa bei starkem Übergewicht, Fehlstellungen oder Wirbelsäulenverkrümmung. Knorpel- gewebe hat die unerfreuliche Eigenschaft, nicht nachzuwachsen, wodurch einmal verloren gegangener Knorpel nicht ersetzt werden kann. Am häufigsten trifft es Hüft- und Kniegelenke (man spricht von Gonarthrose und Coxarthrose), aber auch Hände und Wirbelsäule. Die Schmerzen werden typischerweise durch Belastung ausgelöst und ver- schlimmern sich im Laufe des Tages. Oft kann man auch ein reibendes oder knirschendes Geräusch bei Bewegung hören. Entzündet sich das Gelenk durch die übermäßige Belastung zusätzlich, spricht man von einer aktivierten Arthrose, die äußerst schmerzhaft sein kann.

Da der Knorpel unwiederbringlich verloren ist, kann der Schmerz nur medikamentös unterdrückt oder das Gelenk künstlich ersetzt werden. Das Ziel ist, genauso wie bei allen anderen rheumatologischen Krankheiten, die Schmerzen zu lindern und die Funktion des Gelenks so lange wie möglich zu erhalten. „Die Herausforderung der Zukunft ist definitiv die Behandlung der Arthrose“, ist sich Leeb sicher.

Untersuchungen mittels Röntgen oder Ultraschall können Auskunft darüber geben, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist.

Sehen, hören, fühlen

Kommt ein Patient oder eine Patientin mit schmerzenden oder geschwolle- nen Gelenken in die rheumatologische Ambulanz, ist der wichtigste Schritt eine genaue körperliche Untersuchung und ein ausführliches Gespräch: Wann und wo die Beschwerden genau auftreten, was sie besser und was sie schlimmer macht, ist essentiell und führt oft direkt zu einer Diagnose – ohne Blutabnahme und Röntgen. Leeb erklärt: „Nach der Untersuchung und we- gen der Informationen, die wir vom Patienten bekommen, wissen wir in den allermeisten Fällen, womit wir es zu tun haben. Bildgebende Verfahren und Blutlabor dienen eher der Erhärtung oder Entkräftung einer schon gestellten Diagnose.“ Untersuchungen mittels Röntgen oder Ultraschall können außer- dem Auskunft darüber geben, wie weit die Erkrankung schon fortgeschritten ist und welche Gewebe geschädigt sind. Im Blut kann man Entzündungszei- chen und Antikörper nachweisen, wie sie zum Beispiel bei der rheumatoiden Arthritis vorkommen.

Landesklinikum

Stockerau

Landstraße 18

2000 Stockerau

Tel.: 02266/9004

www.stockerau.lknoe.at

Therapie

So vielfältig wie die unter dem Begriff Rheuma zusammengefassten Krankheitsbilder sind auch ihre Therapiemöglichkeiten. „Im Vordergrund ste- ht die Behandlung des Schmerzes“, fasst Leeb zusammen. „Dazu gibt es Medikamente, Ergotherapie und physikalische Therapie. Wichtig, wenn auch bei den Patienten sehr unbeliebt, ist dabei, dass man selbst etwas tut.“ Im Alltag trotz der Erkrankung aktiv zu bleiben, dieses Ziel wird mit Ergo- und Physiotherapie verfolgt: Wie führe ich Bewegungen gelenkschonend aus? Wie bleiben die Muskeln kräftig genug, um die betroffenen Gelenke zu stützen? Physikalische Therapie mit Strom, Wärme- oder Kältebehandlungen kann Beschwerden lindern. Medikamente werden gegen die Schmerzen eingesetzt, oder wie zum Beispiel bei der rheumatoiden Arthritis, zur Unter- drückung des überaktiven Immunsystems. Zuletzt gibt es auch die Möglichkeit der Operation, bei der Teile des Gelenks entfernt oder das Ge- lenk künstlich ersetzt werden kann.

Laut Leeb hat sich die Prognose rheumatischer Erkrankungen in den letzten dreißig Jahren stark verbessert. Das heißt, dass Arbeitsfähigkeit und Leben- squalität lange erhalten und Schmerzen immer besser beherrscht werden können. „Es ist meist nicht so, dass man nichts mehr von der Krankheit spürt, aber es ist möglich, einen Zustand zu erzielen, der ein im Wesentlichen normales Leben erlaubt.“


JANA MEIXNER

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2016