|
|
||
Landesklinikum DonauregionTullnAlter Ziegelweg 10
Unser BuchtippPaulus Hochgatterer: Die Süße des LebensRoman. Ein psychopathischer Familienvater schlägt seine Töchter krankenhausreif, ein dauerlaufender Benediktinerpater hört Stimmen, die nichts mit Gott zu tun haben, ein pensionierter Postbote denkt an Selbstmord und eine junge Mutter glaubt, ihr neugeborenes Kind sei der Teufel. Das Psychogramm dieser Kleinstadt ist alles andere als beruhigend. 293 Seiten, geb., 2006, € 20,50
NÖ ist Pionier in der Kinder- und JugendpsychiatrieIm Oktober startet der Betrieb der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln, geleitet von Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Paulus Hochgatterer. Dies ist neben den Abteilungen Mödling/Hinterbrühl und Mauer die dritte Anlaufstelle für junge Patienten. Bisher musste, wer die Hilfe eines Kinder- und Jugendpsychiaters benötigte, auf einen Platz im Krankenhaus oft lange warten, da die existierenden Fachabteilungen extrem ausgelastet waren. Manche Kinder und Jugendliche mussten an die Erwachsenenpsychiatrie verwiesen werden. Seit Februar 2007 können Kinder und Jugendliche in Niederösterreich auf Krankenkassenkosten bei niedergelassenen Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden. Grundlage dafür ist, dass mit 1. Februar 2007 das Sonderfach „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ als eigene medizinische Fachrichtung anerkannt wurde. Eine wichtige Trennung, denn psychiatrische Krankheitsbilder stellen sich bei Kindern oft völlig anders dar als bei Erwachsenen. | ![]() „Vertrauen ins Kind“Dr. Paulus Hochgatterer leitet die neue kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung in Tulln. David ist ein aufgeweckter Schüler. Für viele seiner Lehrer ein wenig ZU aufgeweckt. Er ist kaum in der Lage, sich 30 Minuten durchgehend auf eine Arbeit zu konzentrieren, ist unruhig und redet immer wieder dazwischen. Die Eltern sind ratlos. Körperlich fehlt dem 12-Jährigen nichts und auch Hausarzt und Fachärzte sagen, dass der Bub völlig gesund ist. Nach einem Gespräch mit dem Schulpsychologen ist die Sache klar: David dürfte an einem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden. Er wird an den Jugendpsychiater überwiesen. Primar Dr. Paulus Hochgatterer: „Eine Kombination aus anscheinender Launenhaftigkeit, Wahrnehmungsproblemen und hyperkinetischem Verhalten ist nicht selten – auch bei Kindern, die aus völlig intakten familiären Beziehungen stammen. Gerade in solchen Fällen können Kinder- und Jungendpsychiater helfen.“ Neu: Hilfe in TullnSeit 1. Juni ist Dr. Paulus Hochgatterer Primarius der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln, die im Oktober 2007 in Betrieb gehen wird. Damit steht neben den Abteilungen Mödling/ Hinterbrühl und Mauer nun ein dritter Standort für junge Patienten mit kinder- und jugendpsychiatrischem Behandlungsbedarf zur Verfügung. Ein wichtiger Schritt, sagt Experte Hochgatterer, denn es sei nicht selbstverständlich, dass „die Politik wie in Niederösterreich die Bedarfslage erkennt und adäquat reagiert. Damit ist die Basis einer ordentlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen geschaffen.“ Das 50 bis 60 Mann starke Team der neuen Abteilung in Tulln wird auf 20 stationären und 10 tagesklinischen Plätzen junge Patienten versorgen. Weiters werden eine Ambulanz und ein kinderpsychiatrischer Konsiliardienst zur Verfügung stehen. Betroffene gibt es viele, weiß der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater: „Kinder machen Schwierigkeiten, weil sie Schwierigkeiten haben.“ Zuständig ist die Abteilung für alle zwischen 0 und 18 Jahren. Vorwiegend ab dem Schulalter brauchen Kinder medizinische Hilfe, etwa wegen schwerwiegender Entwicklungsstörungen, Autismus oder ADHS. „Oft kommen Eltern, weil der Sprössling sich im Kontakt mit anderen auffällig verhält, besonders unruhig ist oder, auf der anderen Seite, besonders zurückgezogen.“ Hilfe finden auch Kinder, die zusätzlich zu einer körperlichen Beeinträchtigung an psychiatrischen Störungen leiden. Hochgatterer: „Gerade diese jungen Patienten brauchen eine besonders genaue Abklärung und passende Therapien. Wir beraten die Eltern und das soziale Umfeld und unterstützen alle Beteiligten.“ Stärken fördernIn den meisten Fällen können Kinder durch eine entsprechende Behandlung ein relativ unbeeinträchtigtes Leben führen. „Das macht unsere Arbeit auch so besonders befriedigend“, lächelt Hochgatterer. „Den Ängsten der Erwachsenen sind die Kompetenzen der Kinder entgegenzuhalten.“ Nach den neuesten Ansätzen trachten Fachleute danach, die Stärken der Kinder hervorzuheben, damit sie sehen, wie sie ihre Schwächen kompensieren können. Hochgatterer: „Die Gesellschaft neigt glücklicherweise ohnedies eher dazu, bei beeinträchtigten Kindern auch ihre Fähigkeiten zu sehen. Das wollen wir mit Information und Aufklärung noch verstärken. Die Integrationsbereitschaft von Kindern gegenüber kranken oder behinderten Altersgenossen ist ein Phänomen, auf das man sich verlassen kann. Kinder tendieren viel eher dazu, Behinderte und Kranke in selbstverständlicher Weise in ihre Gruppe aufzunehmen als Erwachsene.“ Aggressiv und depressivOft sind es soziale Auffälligkeiten, die Eltern den Schritt zum Kinder- und Jugendpsychiater unternehmen lassen. „Wenn sich das Kind in einer Gruppe mit Gleichaltrigen – also im Kindergarten, in der Schule, unter Freunden – sonderbar verhält, sich isoliert und zurückzieht, ist ein Besuch beim Spezialisten ratsam; aber auch wenn sich das Kind offensiv bis aggressiv verhält. Dann kann unter anderem eine Erkrankung aus dem großen Bereich der affektiven Störungen vorliegen.“ Zum Beispiel ist die Depression ein häufiges Krankheitsbild bei Kindern und Jugendlichen. Leider wird sie immer noch zu oft übersehen. „Brave“ Kinder, die vorerst unauffällig sind, vielleicht ein wenig still, und gut lernen, können etwa in der Pubertät in depressive Zustände geraten, ohne dass in ihrer Umgebung jemand etwas wahrnimmt. Bleibt das Leiden länger unerkannt, kann das dramatische Folgen haben, die von Suzidgedanken bis zu Selbstmordhandlungen reichen. Hochgatterer: „Wenn Eltern derartige Symptome bei Jugendlichen erkennen, sollten sie den Schritt zum Facharzt nicht scheuen.“ Emotionale HochspannungViele Kinder leidet an neurotischen Störungen – von „einfachen“ kindlichen Ängsten, wie Angst vor dem Schlafengehen, vor dem Schlafen ohne Licht, bis hin zu komplexen phobischen Symptomen. Auch Zwangsstörungen, die häufig nicht nur das Kind, sondern die gesamte Familie hochgradig beeinträchtigen, gehören in diesen Formenkreis. Noch stärker betroffen sind Jugendliche. Hochgatterer: „In der Phase der Adoleszenz, die bei allen Jugendlichen durch eine erhöhte psychische Verwundbarkeit gekennzeichnet ist, kann es zu einer psychotischen Episode kommen. Man kann sich darunter einen Zustand vorstellen, in dem sich der Realitätsbezug verändert, das Denken sich selbständig macht und nur mehr schlecht steuerbar ist, in dem letztlich auch halluzinatorische Phänomene auftreten können.“ Problem EssstörungBei den immer noch zunehmenden Essstörungen wird der neue Tullner Primarius auch verstärkt mit der Pädiatrie, der Kinderheilkunde, zusammenarbeiten. Statistisch gesehen sind wesentlich mehr Mädchen als Burschen von Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) betroffen. Letztere ist oft nicht nur durch das selbst herbeigeführte Erbrechen nach dem Essen gekennzeichnet, sondern geht auch mit anderen Symptomen einher. Typisch ist beispielsweise, dass sich bulimische Mädchen selbst Verletzungen zufügen, etwa Brandwunden oder Schnitt- und Ritzverletzungen mit Rasierklingen oder Glasscherben. „Es sind vor allem Mädchen betroffen, die mit den emotionalen Spannungen ihrer Situation, also des Erwachsen-Werdens, nicht alleine klarkommen; sie sollten unbedingt behandelt werden, eine solche Erkrankung verschwindet nicht ‚von selbst’“, appelliert Hochgatterer an die Eltern. Schwerpunkte SchulproblemePaulus Hochgatterer möchte in der neuen Abteilung in Tulln über den Versorgungsauftrag hinaus inhaltliche Schwerpunkte setzen. „Einer davon ist die Beschäftigung mit schulassoziierten Störungen.“ Die Dringlichkeit dieses Anliegens ergab sich für Hochgatterer aus seiner Familiengeschichte: Der Vater ist Lehrer, seine Schwestern Lehrerinnen. „Die Schule ist der Ort, an dem sich die Probleme von Kindern besonders deutlich darstellen. Ich weiß, dass sich ‚auffällige’ Kinder in der Schule oft alleingelassen fühlen, und ich weiß auch, dass es den Lehrern ‚auffälliger’ Kinder immer wieder ganz ähnlich geht. Für beide, die Kinder, die in der Schule ihre psychischen Auffälligkeiten zeigen, und die Lehrer, die fachliche Unterstützung suchen, wollen wir Partner sein.“ Schulassoziierte Störungen – das kann bedeuten: zurückgezogene Kinder, aggressive Sprösslinge, Schulvermeider und -verweigerer, Kinder und Jugendliche, die Angst vor der Schule haben, hochbegabte Kinder, die sozial auffällig sind, Kinder mit massiven Teilleistungsstörungen. Sie alle werden bei Hochgatterer und seinem Team offene Ohren und Arme finden. „Die Schule ist häufig ein Aktionsfeld für pubertäres Opponieren, ein typisches Podium, um Verweigerungshaltungen zu zeigen“, sagt Hochgatterer. Statistisch am häufigsten betroffen ist die Gruppe der 10- bis 14-Jährigen, „in späteren Jahren, in der Adoleszenz, beruhigen sich diese Konflikte in der Regel – oder sie verlagern sich dann von der Schule in das soziale Umfeld.“ Konfliktthema AlkoholDer derzeit so häufig benutzte Begriff Komatrinken sollte, mahnt Paulus Hochgatterer, mit Vorsicht verwendet werden, denn „er führt zu einer a-priori-Entwertung von Jugendlichen. Natürlich gibt es Jugendliche, die Alkohol konsumieren und psychiatrische Hilfe bedürfen. Andererseits ist nicht jeder Jugendliche, der am Wochenende einen über den Durst trinkt, ein potenzieller Komatrinker.“ Hochgatterer vermisst in der Diskussion den Konnex dieses Phänomens zu gesellschaftlichen Gegebenheiten. Warum fällt uns das jetzt eigentlich auf? Was haben wir Erwachsenen damit zu tun, dass sich viele Jugendliche am Wochenende bis zur Bewusstlosigkeit betrinken? „Das Phänomen hat es bei uns Erwachsenen doch immer schon gegeben. Wenn sich jemand besinnungslos machen will, hat er in der Regel einen Grund dafür. Er will die Augen verschließen, will bestimmte Probleme aus seinem Bewusstsein streichen. Jugendliche und Eltern wollen sich mit vielen Dingen nicht auseinandersetzen: mit missglückten (familiären) Beziehungen, mit gescheiterten Ausbildungslaufbahnen, mit Pubertätskonflikten.“ Phänomene wie das sogenannte Komatrinken müsse man immer im entwicklungspsychologischen Kontext sehen: Pubertät heißt – für Familie und Jugendliche – sich zentral mit dem Thema ‚Konflikt’ auseinanderzusetzen. Ziel ist es, Mittel und Wege zu finden, um Konflikte austragen zu können. Hochgatterer: „Rauschmittel sind sicher nicht die Lösung, aber sie sind seit jeher ein Weg, um zu opponieren, um Konflikte zu provozieren oder die Augen davor zu verschließen. Wir Erwachsene sollten jedenfalls stets überlegen: Verstehen wir unsere Kinder noch? Was bedeuten ihre Handlungen für uns?“ Kindern Vertrauen schenkenDie Hemmschwelle, einen Kinderpsychiater aufzusuchen, ist nach wie vor groß, weiß Hochgatterer: „Eltern glauben dann oft, in der Erziehung versagt zu haben. Sie fürchten den erhobenen Zeigefinger und meinen, dass die Probleme auch von selbst wieder vorübergehen.“ Vor allem jedoch sollten Eltern lernen, sich auf die Beziehung zu ihren Kindern zu verlassen. „Wenn Sie mit Ihrem pubertierenden Kind vereinbaren, dass es um 22 Uhr zu Hause ist, sollte ein Spielraum von 30, 40 Minuten drin sein. Verfallen Sie nicht in Panik, Sie haben in Ihrer Erziehung alles richtig gemacht. 30, 40 Minuten später wird Ihr Kind zu Hause sein. Diese Verspätung drückt beides aus: das Bedürfnis des Kindes, mit den Eltern in Konflikt zu treten, und die Fähigkeit, die elterlichen Richtlinien ja doch in sein eigenes Leben zu integrieren. Daher: Vertrauen Sie Ihrem Kind!“ Gegenseitiger Respekt und die richtige Balance zwischen Loslassen und Festhalten – das ist der Weg, den es zu finden gilt. Auch Davids Eltern leben diesen Rat nun. Auf Medikamente können sie bei David glücklicherweise verzichten. Einige Sitzungen beim Facharzt haben gezeigt, dass es auch anders geht. Und dass David ein bisschen anders ist als die anderen. Aufgeweckt eben. Der Primarius als SchriftstellerDass ihn Kinder und Jugendliche, die anders sind, bewegen, dass ihn Grenzgänger fesseln, beweist Paulus Hochgatterer auch in seiner Literatur. Sein letztes Buch, der Roman „Die Süße des Lebens“, ist ein Psychogramm einer Kleinstadt mit all ihren schrägen und skurrilen Charakteren. Ein Krimi, den das Leben schrieb. Aber auch andere erfolgreiche Romane, wie „Caretta, Caretta“ (dass wie „Die Süße des Lebens“ auch verfilmt wird), zeigen die hohe Affinität des Autors zu den Abgründen der menschlichen Seele. „Schreiben ist meine zweite Berufung“, sagt er. Den Stoff dafür liefert ihm sein Umfeld. Nicht weil er Krankengeschichten transkribiert, sondern weil ihn das Anderssein des Menschen fasziniert. Seit 1990 erscheinen Paulus Hochgatterers Bücher in renommierten Verlagen und werden von Kritikern hoch gelobt. „Schreiben ist für mich ein Prozess der inneren Ordnung.“ Nicht Befreiung oder Selbsttherapie. Beim Schreiben strukturiert Hochgatterer innere Prozesse.
Text: Doris Simhofer |
|