Wenn man immer wieder seine Ziele und Ambitionen hinterfragt und sich selbst vernünftige Limits setzt, schwindet das Risiko, auszubrennen.
Andauernder Stress kann der Gesundheit massiv schaden. Sport hilft, ihn abzubauen.
Therapie für Körper und Seele im Psychosomatischen Zentrum Waldviertel Eggenburg

Diagnose: Ausgebrannt

Es trifft die Eifrigsten und Vorbildlichsten: Überzogene Erwartungen und
Ansprüche können als „Burnout“ zu chronischer Erschöpfung führen.

100 Mails und mehr pro Tag, ständig klingelt das Telefon, eine Besprechung nach der anderen, mehrmals pro Woche Termine bis spät in den Abend, praktisch rund um die Uhr erreichbar sein. Oder aber gar keinen Job haben, deswegen zunehmend verzweifeln, sich unnötig fühlen und keinen Sinn mehr im Alltag sehen. Oder Tag und Nacht für die Kinder da sein, daneben einen Haushalt in Schuss halten, vielleicht noch Geld dazuverdienen und sich in der Nacht vom schreienden Baby den wohlverdienten Schlaf rauben lassen. Oder all seine Energie in eine kriselnde Beziehung stecken, um jeden Preis Konflikte vermeiden, die eigenen Bedürfnisse hintanstellen und dann doch irgendwann einsehen müssen, dass es keine Rettung mehr gibt.
Was all diese Dinge gemeinsam haben? Sie erzeugen Stress, und zwar oft gehörig. Und nicht selten wird es den Betroffenen irgendwann zu viel, sie können nicht mehr, der Ofen ist aus – Burnout, wie das akute Ausgebranntsein in der Fachsprache heißt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Stress zur größten Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts erklärt; aus gutem Grund, wie Psychotherapeutin Brigitte Mayer vom Mödlinger Institut für Psychotherapie erklärt: „Die Häufigkeit, mit der Stress zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führt, ist alarmierend. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass in Österreich jeder achte Arbeitnehmer an Burnout-Symptomen leidet; Tendenz steigend.“

Notfallprogramm mit Tücken

Dabei ist Stress eigentlich eine gute Sache: Als selbstverständliche körperliche Reaktion auf eine Herausforderung ermöglicht er es uns, mit Druck, Spannung oder Veränderung umzugehen. Erkennen wir eine Situation als kritisch oder gefährlich, werden in Sekundenschnelle Stresshormone (u. a. Adrenalin) in die Blutbahn ausgeschüttet und so die Energiereserven des Körpers freigesetzt. Für unsere Vorfahren war dieser Mechanismus in akuten Gefahrensituationen, etwa bei der Begegnung mit einem Feind, überlebensnotwendig.

Stress führt zur Erregung des vegetativen Nervensystems, zu einem erhöhten Blutzucker- und Cholesterinspiegel sowie zu einer gesteigerten Muskelspannung – allesamt wesentlich für eine maximale Handlungsbereitschaft. Gleichzeitig werden Darmtätigkeit und Immunabwehr heruntergeschraubt, um Ressourcen einzusparen.

Stress ist nicht gleich Stress

„In normalen Mengen ist Stress nicht schädlich, ganz im Gegenteil: Er treibt uns an, setzt Kraft frei und ist damit die Voraussetzung, dass wir auf unsere Umwelt reagieren können“, erklärt Mayer das Prinzip des positiven Stress. Bei der Jagd sind wir früher vor einem Angreifer geflohen oder haben selbst die Verfolgung aufgenommen, dabei wurden die freigesetzten Stresshormone auch wieder abgebaut; heute wird das freigesetzte Adrenalin meist nicht verbraucht.

Gefährlich wird Stress, wenn die Herausforderung zur Überforderung wird. Primar Dr. Andreas Remmel, Ärztlicher Leiter des Psychosomatischen Zentrums Waldviertel Eggenburg, erklärt, wann es kritisch wird: „Wenn die Belastungen größer sind als meine Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, sprechen wir von negativem Stress, auch Distress genannt.“

Wenn Stress krank macht

Unser Körper reagiert eindeutig auf diesen negativen Stress: Die Symptome können Müdigkeit, Erschöpfung, Unruhe, Konzentrationsstörungen oder auch Schlafstörungen sein. Wenn wir diese Warnzeichen zu lange ignorieren, droht Schlimmeres: „Permanenter Stress belastet Herz, Immunsystem und Psyche. Häufige Folge sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vermehrte Infektanfälligkeit, ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, Magen-Darm-Erkrankungen, Erschöpfung, Leistungsverlust und Verspannungen“, warnt Remmel.

Doch nicht nur organisch schlägt sich eine zu hohe Stressbelastung nieder, auch psychisch kann ein eklatantes Zuviel an Stress verheerende Folgen haben: „Wenn wir mit akuten oder chronischen Überforderungen konfrontiert sind, kommen wir körperlich und seelisch zumeist in einen Alarmzustand. Wir können uns mit diesen Belastungen auseinandersetzen und versuchen, diese Probleme aufzulösen. Oder aber wir bündeln unsere Energie noch lange, um durchzuhalten, länger zu arbeiten oder noch mehr zu erreichen. Dabei ignorieren wir unsere eigenen Belastungsgrenzen und Bedürfnisse. Wenn dies zu lange geschieht, erlöschen unsere Kräfte irgendwann. Die Folge ist dann eine massive körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung“, erklärt Remmel den typischen Verlauf eines Burnouts und betont, dass es sich dabei um das Endstadium eines schleichenden Prozesses handelt und nicht um einen kurzfristigen Zustand.

Totale Erschöpfung

Betroffene verlieren ihre Motivation, ihre Kräfte, ihre seelische und körperliche Stabilität. Sie sind gleichgültig, frustriert und werfen sich oft vor, versagt zu haben. Obwohl sie sich einsam fühlen, gehen sie Freunden und Bekannten meist aus dem Weg. Auch körperlich schlägt sich die Überbeanspruchung nieder, etwa in Form von Rückenschmerzen, Verdauungsstörungen oder andauernder Müdigkeit.
Wie kann es überhaupt so weit kommen? „Die Betroffenen haben ja ein Ziel vor Augen, wollen etwas erreichen und dafür auch Bestätigung bekommen. So lange es irgendwie geht, halten sie durch und daran fest. Dieser Prozess kann sich über Jahre hinziehen, bis es zu einem Zusammenbruch des körperlichen und seelischen Systems kommt“, erklärt Primar Remmel.

Erloschenes Feuer

In den späten 70ern als „Manager-Krankheit“ entdeckt, schlägt das Phänomen Burnout heute auch immer öfter außerhalb der Chefetagen zu: „In unserer hektischen und schnelllebigen Zeit kann es jeden treffen“, betont Psychotherapeutin Mayer. Typisch für die Betroffenen ist, dass sie einst „Feuer und Flamme“ für ihre Aufgabe waren und dafür besonderes Engagement gezeigt haben. „Gefährdet sind daher alle, die vor lauter „Brennen“ zu lang ihre sonstigen Bedürfnisse vernachlässigen“, erklärt Mayer. Besonders gefährdet: „Zum Beispiel besonders ehrgeizige Menschen mit hohen Erwartungen oder Perfektionisten. Oder doppelt belastete erwerbstätige Mütter. Überdurchschnittlich oft sind Menschen aus helfenden Berufen betroffen; Ärzte, Lehrer oder Altenpfleger, die es nicht schaffen, sich ausreichend abzugrenzen und an Problemen verzweifeln, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen.“

Gegenstrategien

Der erste Schritt aus dem Burnout ist Selbsterkenntnis: „Man muss sich das Problem eingestehen und sich damit auseinandersetzen, denn von allein vergeht ein Burnout nicht“, betont Primar Remmel, „und auch Schlaf- und Beruhigungsmittel lösen nicht das Problem, sondern überdecken nur die Symptome. Ein fortgeschrittenes Burnout gehört in jedem Fall in die Hände von Experten.“ Erste Hilfe: bewusste Erholung und ein kritischer Blick aufs eigene Umfeld, um die Stressfaktoren zu bestimmen und seine Lebensbereiche neu strukturieren zu können. Besondere Aufmerksamkeit gehört dem „inneren Antreiber“, um die eigenen Ansprüche und Erwartungen mit den persönlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten abzustimmen.

Neues Leben

Ziel einer Burnout-Therapie ist, den eigenen Lebensstil nachhaltig zu verbessern. „Die Patienten müssen zurückfinden zu einer Work-Life-Balance, also zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen beruflichen und privaten Anforderungen, bei dem kein Lebensbereich zu kurz kommt“, zerstreut Psychotherapeutin Mayer die Hoffnung auf einen Erfolg oberflächlicher Ansätze: „Wir sprechen von einer ernsten Störung, die tief in der Seele sitzt. Was sich da über lange Zeit angestaut hat, verschwindet nicht über Nacht wieder. Die Betroffenen müssen meist wochenlang, in schweren Fällen gar ein Jahr aus dem Berufsleben aussteigen.“

Auf sich schauen

Damit es gar nicht erst so weit kommt, rät Mayer, aktiv etwas gegen die chronische Überforderung zu tun: „Entspannen kann man lernen, und übermäßigen Stress entweder vermeiden oder zumindest abbauen, durch Sport zum Beispiel.“ Wichtig ist eine gesunde Psycho-Hygiene: „Wenn man immer wieder seine Ideale, Ziele und Ambitionen hinterfragt, sich selbst vernünftige Limits setzt und darauf achtet, seine Energien in alle Lebensbereiche zu investieren, schwindet das Risiko, auszubrennen.“
Beim Verdacht, jemand aus dem persönlichen Umfeld könnte seinen Herausforderungen nicht mehr gewachsen sein, rät Mayer, behutsam das Gespräch zu suchen und das persönliche Wohlbefinden zum Thema zu machen, bevor ein Zusammenbruch zur Einsicht zwingt.

Text: Roland Goiser
FOTOS: Waldhäusl, Franz Weingartner

Schrittweises Ausbrennen

Burnout-Erkrankungen entstehen nicht über Nacht, vielmehr gibt es meist deutliche Warnhinweise und typische Verlaufsmuster.

  • Vorstufen: extremes berufliches Engagement bis hinein in die Freizeit, starkes Streben nach Erfolg und Perfektion. Private Interessen, Hobbys und Beziehungen kommen oft zu kurz.
  • Warnsignale: Angst, Langeweile und zynische Grundhaltung. Gefühl der Leere und Unausgeglichenheit in der Freizeit. Schwierigkeiten, sich zu erholen. Körperliche Symptome: häufige Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindel, Blutdruckinstabilität, Schwächegefühl.
  • Früh-Stadium: Steigendes Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit bei alltäglichen Aktivitäten, Infekte (z. B. grippale Erkrankungen) führen plötzlich zu längeren Krankenständen, häufigere Wirbelsäulenbeschwerden. Oftmals Zug zu oberflächlichen Vergnügungen oder Alkohol.
  • Fortgeschrittenes Stadium: Die Bewältigung der Arbeit wird anstrengender, Fehler häufen sich. Lust- und Interesselosigkeit auch bei Tätigkeiten, die bisher Freude machten. Emotionen (Freude, Ärger) werden immer schwächer. Urlaub bringt keine oder nur kurzzeitige Erholung.
  • Voll ausgeprägtes Burnout: Die Betroffenen resignieren, empfinden alles als sinnlos und fühlen sich frustriert, schwach, hilflos und abgestumpft. Die berufliche Leistungsfähigkeit ist extrem beeinträchtigt. 

Körper und Seele

Wenn seelische Probleme sich auf die körperliche Gesundheit niederschlagen, beginnt für die Betroffenen oft ein langer Leidensweg.
GESUND+LEBEN sprach mit Primar DDr. Dipl.- Psych. Andreas Remmel, dem Ärztlichen Leiter des Psychosomatischen Zentrums Waldviertel Eggenburg.


G+L: Psychosomatik ist ein relativ junges medizinisches Fach. Worum geht es dabei?
Remmel: Psychosomatik beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen körperlichen und seelischen Prozessen bei der Entstehung, der Aufrechterhaltung und dem Verlauf von Krankheiten. Wir wissen heute, dass das innere, seelische Erleben auch körperliche Phänomene hervorrufen und beeinflussen kann, und umgekehrt körperliche Prozesse seelisches Erleben nachhaltig beeinflussen. Diese Zusammenhänge spielen für die Gesundheitsförderung und für Erkrankungen eine wichtige Rolle. Zu oft werden bislang nur Symptome bekämpft, ohne an den Ursachen zu arbeiten; die Psychosomatik betrachtet den leidenden Menschen in seiner Ganzheit, und damit zugleich die subjektive und die objektive Seite von Krankheiten.

G+L: Aus welchen Gründen kommen die Patienten in Ihre Klinik?
Remmel: Wir behandeln Menschen mit körperlich klar erkennbaren Beschwerden, für die es aber keine ausreichenden körperlichen Ursachen gibt. Unsere Patienten werden von niedergelassenen Ärzten oder anderen Kliniken an uns überwiesen, zum Beispiel wegen chronischer Schmerzsyndrome, Angst- oder Panikstörungen, depressiven Verstimmungen, Essstörungen, Erschöpfungszuständen oder funktionellen Störungen des Muskel- und Skelettsystems oder des Herz-Kreislaufsystems. Außerdem versorgen wir Patienten, die eine gezielte stationäre Psychotherapie brauchen.

G+L: Wie steht es um das öffentliche Bewusstsein für Psychosomatik?
Remmel: Es gibt eine enorm hohe Dunkelziffer von Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen, die nicht als solche erkannt werden und somit viel unnötiges Leid und hohe Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Trotz modernster Medizin und ausführlicher Untersuchungen lautet die Diagnose oftmals „ohne Befund“ und viele Betroffene haben einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bevor sie zu uns kommen. Aber wir sehen, dass das Bewusstsein – auch unter den Kollegen – für psychosomatische Zusammenhänge steigt und dass Menschen heute eher die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

G+L: Welche Therapiemöglichkeiten stehen den Patienten zur Verfügung?
Remmel: Wir verfolgen ein integriertes Behandlungskonzept, das auf den Säulen der kognitiven Verhaltenstherapie, körperorientierten Verfahren, achtsamkeitsbasierter Ansätze, systemischen Verfahren und der Gestalttherapie basiert. Neben der medizinischen Betreuung bieten wir unseren Patienten klinische Psychotherapie in Einzel- und Gruppenverfahren, ausdrucks- und körperorientierte Verfahren wie Gestaltungs-, Musiktherapie, Tanztherapie, bioenergetische Verfahren, Sozialarbeit und auch Angehörigen- und Familiengespräche.

Psychosomatisches Zentrum Waldviertel Eggenburg

Grafenbergerstraße 2
3730 Eggenburg
Tel: 02984/202 28-0
E-Mail: info(at)pszw.at

MIP - Mödlinger Institut für Psychotherapie

Brigitte Mayer
Babenbergergasse 7/3/2
2340 Mödling
Tel: 0676/417 57 28