Es geht nicht ohne Geduld

Sprache, Sprechen, Stimme, Hören, Schlucken:
Logopäden sind Experten für Kommunikationsstörungen.

Vergnügt rutscht der kleine Florian auf seinem Sessel hin und her, hochkonzentriert und gleichzeitig lebendig wie ein Sack Flöhe. „Steinbock. Storch. Specht“, ordnet er den Tieren auf den Kärtchen vor sich treffsicher ihre Namen zu und strahlt bei jedem Lob von Alexandra Lehner. Was aussieht wie ein lustiges Spiel, hat durchaus einen tieferen Sinn, wie der nächste Kartenstapel zeigt: „Seepferdchen. Stinktier. Smetterling.“ Ein zweifelnder Blick von Alexandra Lehner und schon hat der kleine Mann seinen Fehler erkannt: „SCHmetterling, so geht’s!“, lacht er und klopft sich auf die Stirn.

Florian hat einen Sch-Fehler und Alexandra Lehner ist als Logopädin die Expertin dafür: „Sprachtherapie mit Kindern, das ist der Bereich unserer Arbeit, den die Menschen am ehesten kennen. Aber unser Arbeitsfeld ist weit größer“. Die Wurzeln des Begriffs Logopädie liegen im Altgriechischen: „logos“ bedeutet Wort, Sprache, und „paideia“ steht für Erziehung, Bildung. „Logopäden kümmern sich um die Diagnostik und Therapie bei Kommunikationsstörungen“, erklärt Lehner, leitende Logopädin im Landesklinikum Weinviertel Mistelbach, und steckt – mit auffallend klarer und deutlicher Stimme – ihr Einsatzgebiet ab: „Die zentralen Bereiche unsere Arbeit sind Sprache, Stimme, Hören, Schlucken und Mimik. Wir beschäftigen uns unter anderem mit der Atmung, dem Redefluss, mit der Wiederherstellung der gesunden Stimme nach Operationen, der Überprüfung des Hörvermögens oder der Optimierung der Schluckfähigkeit.“

Logopäden kümmern sich um alle Altersgruppen, von Kindern mit Schwierigkeiten bei der Sprachentwicklung bis zur Therapie neurologischer Patienten: Erwachsene machen heute einen großen Teil der Patienten aus, der Bereich Rehabilitation wird ein immer wichtigeres Arbeitsfeld.

Ein guter Start

Der erste Kontakt mit Logopäden erfolgt schon in den ersten Lebenstagen. „Bei Neugeborenen sind heute sogenannte Hörscreenings Standard. Früher sind Hörschwächen bei Kindern oft jahrelang nicht erkannt worden, erst die verzögerte Sprachentwicklung hat die Eltern hellhörig gemacht“, erzählt Alexandra Lehner von langen Leidenswegen, die Kinder oft in ihrer sozialen Entwicklung eingeschränkt und ihnen viel Kummer bereitet haben. Heute lösen spezielle Hörgeräte für Kinder ab sechs Monaten dieses Problem.

Die nächste große Altersgruppe, um die sich Logopäden kümmern, sind Kinder vor dem Schul-Eintritt, bei denen nicht das Hören Schwierigkeiten bereitet, sondern das Sprechen: „Wenn Laute fehlen oder das Kind mit grammatikalischen Strukturen Probleme hat, dann bedeutet das einen erschwerten Start ins Schulleben und zusätzlichen Druck für die Kinder. Wir sind dafür da, diese Schwierigkeiten zu beheben, bevor sie für das Kind zu einem wirklichen Problem werden.“ 

Neu erlernen

Während in der Arbeit mit Kindern meist ein spielerischer Zugang gefragt ist, ist erwachsenen Logopädie-Patienten oft gar nicht zum Lachen zumute: In einem anderen Therapieraum übt Herr Steinberger gemeinsam mit Logopädin Janina Förster ganz alltägliche Kommunikationssituationen – mit sichtlicher Mühe. Nach einem Schlaganfall leidet er an einer halbseitigen Gesichtslähmung und muss vieles neu lernen, was jahrzehntelang problemlos funktioniert hat. „Ein großer Teil unserer Arbeit passiert mit Erwachsenen“, erklärt Förster: „Schlaganfall, Kehlkopfkrebs oder Hirnschädigungen stören oft die Kommunikationsfähigkeit.“ Hier gelte es, besonders geduldig zu sein und mit allen Kräften zu motivieren: „Wenn einem plötzlich eine wesentliche Fertigkeit versagt, die bis dahin selbstverständlich war, ist das natürlich eine zusätzliche, enorme Belastung.“

Wachsender Bereich

Bis dato ist die Logopädie eine überwiegend weibliche Domäne: „Es gibt zwar Männer in unserem Beruf, aber nur sehr wenige“, weiß Lehner. „In den letzten Jahren kommen aber immer mehr männliche Kollegen nach.“ Woher dieses Ungleichgewicht kommt, kann sie auch nur vermuten: „Wahrscheinlich kommt es von dieser veralteten Vorstellung von der Logopädin als ‚Sprachtante’, die den ganzen Tag mit Kindern Nachsprech-Übungen macht.“ Das ist aber weit gefehlt, betont Lehner, Menschen seien oft überrascht, in wie vielen Bereichen man heute auf Logopäden treffe: „Unser Arbeitsfeld ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Besonders im neurologischen Bereich haben sich neue Einsatzbereiche ergeben.“ Je rascher die Betreuung nach einem Schlaganfall startet, desto leichter finden die Betroffenen wieder zu den notwendigen Fähigkeiten zurück.

Von Mensch zu Mensch

Im Gegensatz zu vielen anderen medizinischen Berufen sind Logopäden vergleichsweise wenig auf  Technik und Gerätschaften angewiesen: „Natürlich, wir haben Geräte und Programme zur Diagnose und für gewisse Therapien und es kommen auch immer wieder neue Technologien, aber der Großteil unserer Arbeit passiert von Mensch zu Mensch.“ Daraus ergibt sich auch eine der zentralen Anforderungen für Logopäden: „Man muss wirklich gerne mit Menschen arbeiten. Und zwar mit Menschen, die oft in ihrem Sozialleben eingeschränkt sind und deshalb unter großem psychischen Druck stehen.“
Resignation erlebe man vor allem bei älteren Patienten gar nicht selten, verrät Lehner: „Geduld ist eine Grundvoraussetzung in unserem Beruf, ebenso wie Einfühlungsvermögen.“

Kleine Fortschritte
„Gerade bei schweren Fällen dauert es oft lang, bis wir unser Ziel erreichen. Kinder mit weitreichenden Sprachstörungen kommen manchmal über Jahre hinweg zu uns“, erzählt Alexandra Lehner. Oft sind es kleine Fortschritte, über die Logopädinnen sich freuen, „zum Beispiel wenn einer von unseren kleinen Patienten das Erlernte nicht nur in der Übung, sondern auch in der Spontansprache im Alltag umsetzt.“ Oder wenn ein Patient nach einer Kehlkopfkrebs-Operation wieder essen und trinken kann und gelernt hat, mit seiner Stimmprothese umzugehen, „damit er sich nicht mehr zuhause einsperrt, sondern wieder am sozialen Leben teilnehmen kann – und auch will.“

Höhen und Tiefen

Und was, wenn sich trotz aller Mühen kein Erfolg einstellen will? Janina Förster räumt ein, dass auch der geduldigsten Logopädin Grenzen gesetzt sind. „Bei Kindern gibt es seltener Probleme. Die einen lernen schneller, die anderen langsamer, aber zum Schluss können sie es fast alle.“ Schwieriger seien oft erwachsene Patienten, wenn sie nach einer Operation resigniert haben oder wenn Alter oder Demenz einem Therapieerfolg im Wege stehen. „Helfen können wir fast jedem, aber erzwingen kann man eben nichts. Und es ist schon bitter, wenn ein Erfolg greifbar erscheint und sich trotzdem partout nicht einstellen will.“

Jederzeit wieder

Die Berufsentscheidung ist bei Alexandra Lehner erst kurz vor der Matura gefallen. Beim Blick in den Katalog der medizintechnischen Berufe sprang ihr die Logopädie ins Auge, weil sie „mit Menschen zu tun haben wollte, anstatt in einem Büro zu sitzen und den ganzen Tag niemanden zu sehen und zu hören.“

Bereut hat sie ihre Entscheidung bis heute keinen einzigen Tag, betont sie: „Es ist wirklich ein toller, abwechslungsreicher Beruf! Jeder Tag ist anders, ich arbeite mit vielen verschiedenen Menschen aller Altersgruppen. Wenn ich noch einmal vor der Wahl stünde, ich würde sofort wieder Logopädin werden.“

Ausbildung zum Logopäden

Seit 2006 gibt es auch in NÖ eine Ausbildung zum Logopäden: An der Fachhochschule Wr. Neustadt kann man in sechs Semestern das international anerkannte Bachelor-Studium Logopädie absolvieren (Titel: BSc, Bachelor Of Science), ein aufbauender Master-Studiengang ist in Planung.
Im Mittelpunkt des Studiums stehen die Diagnostik und Therapie bei Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- und Hörstörungen sowie die Prävention. Parallel zur umfassenden theoretischen Ausbildung absolvieren die Studenten praktische Module in ihren späteren Einsatzbereichen. Absolventen arbeiten angestellt oder freiberuflich im Gesundheitswesen (in Krankenhäusern, Ambulatorien, Pflegeheimen), in Bildungseinrichtungen oder in der Wirtschaft.

Tag der offenen Tür: 17. März 2007

Fachhochschule Wr. Neustadt, Johannes Gutenberg-Straße 3
2700 Wr. Neustadt, Tel: 02622/890 84-0, www.fhwn.ac.at

Hören, Sprache, Stimme, Sprechen

Die Kernaufgaben der Logopäden beinhalten die Prävention, Beratung, Diagnostik, Therapie und wissenschaftliche Erforschung von menschlichen Kommunikationsstörungen im verbalen und nonverbalen Bereich. Die Fachbereiche im Detail:

Sprache und Sprechen

  • Verzögerte Sprachentwicklung
  • Artikulationsfehler
  • Stottern und Poltern
  • Neurologische Sprach- und Sprechstörungen (z. B. nach Schlaganfall, Unfall)

Stimme

  • Organische Auffälligkeiten (z. B. Stimmbandlähmung)
  • Funktionelle Störungen   (z. B. durch Überbelastung)
  • Psychogene Stimmprobleme

Schlucken und Mimik

  • Schluckstörungen z. B. Aspiration)
  • Gesichtslähmung
  • Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten
  • Unterstützung bei kieferorthopädischen Behandlungen

Hören

  • Gehörlosigkeit, Hörverschlechterung
  • Akustische Wahrnehmungsstörungen
  • Cochlea-Implantat (implantierbare Hörhilfe)