„Der Patient steht für mich immer im Mittelpunkt aller Überlegungen“, betont Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky im Gespräch mit G+L-Chefredakteurin Mag. Riki Börner.

Mehr Gefühl für den eigenen Körper

Die neue Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky möchte den Menschen ein breites Angebot an Möglichkeiten zum Gesundbleiben eröffnen.

Mehr für die eigene Gesundheit tun - und das schon im Kindergarten -, dazu will die Ärztin und neue Ministerin die Menschen in Österreich bewegen. Im Gespräch mit GESUND+LEBEN-Chefredakteurin Riki Börner skizziert die bisherige Chefin der NÖ Landeskliniken-Holding ihre Pläne.

G+L: Kein Gesundheitssystem der Welt ist finanzierbar, wenn die Bevölkerung nicht gesund lebt. Wie wollen Sie die Menschen dazu bringen, besser auf ihre Gesundheit zu achten?
Kdolsky: Das ist ein sehr komplexes Thema und wir stehen da erst am Anfang. Aber diesem Thema gilt meine besondere Aufmerksamkeit und wir werden uns intensiv um wirksame Ansätze bemühen. Wirkliche Veränderungen schaffen wir nur, wenn wir bei den jungen Menschen ansetzen, bei Kindern und Jugendlichen. Aber natürlich geht es um alle Altersgruppen. Es geht um das Gefühl für den eigenen Körper, um die Balance zwischen Körper, Seele und Geist, um Entspannen, Ernährung und Bewegung.

G+L: Welche Rolle spielt die Bewegung Ihrer Meinung nach für die Gesundheit? In den Schulen wurden die Turnstunden ja reduziert.
Kdolsky: Das hat mich geärgert, das ist nicht der richtige Weg. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass Sport helfen kann, Jugendliche vor Alkohol und Drogen zu schützen. Als Jugendministerin werde ich da einen Schwerpunkt meiner Arbeit setzen. Und Bewegung, das weiß ich als Ärztin natürlich ganz genau, trägt sehr massiv dazu bei, uns vor Zivilisationskrankheiten zu schützen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Schmerzen im Stütz- und Bewegungsapparat. Bewegung gehört zu einem gesunden Leben, in jedem Alter. Zur Schule: Was nützt es, noch mehr intellektuelle Inhalte anzubieten, wenn sich die Kinder im eigenen Körper nicht mehr wohlfühlen? Wir müssen die Stundenpläne entrümpeln, um mehr Platz für Bewegung zu schaffen. Ich werde mit meinen zuständigen Kollegen Sportstaatssekretär Dr. Reinhold Lopatka und Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied intensiv darüber reden.

G+L: Aber das muss auch Spaß machen, sonst hört die Bewegungskarriere spätestens nach der Schule wieder auf.
Kdolsky: Bockspringen in abgestandener Luft ist nicht gerade reizvoll, da will man lieber nicht dabei sein müssen. Es ist wichtig, dass unsere Experten lust- und freudvolle Bewegungsprogramme entwickeln, passend für die einzelnen Altersstufen. Gruppendynamik kann eine Rolle spielen, und lustvolles Erleben des eigenen Körpers zu Musik.

G+L: Und wie wollen Sie die Erwachsenen dazu bringen, dass sie sich mehr bewegen?
Kdolsky: Sport muss in unser aller Leben mehr in den Vordergrund rücken. Wir brauchen ein breiteres Angebot für alle Bevölkerungsschichten. Ich hoffe, dass wir über die Motivation der Kinder auch die Eltern ins Boot bekommen.

G+L: Was machen Sie selbst an Bewegung? Viel Zeit bleibt Ihnen im neuen Amt ja sicher nicht.
Kdolsky: Ich stehe morgens um 5.30 Uhr auf und schwinge mich für 30 Minuten auf den Hometrainer. Das halte ich nur mit flotter Musik aus dem iPod aus. Am Wochenende trainiere ich dann 45 Minuten.

G+L: In der Prävention, wo wollen Sie da Schwerpunkte setzen?
Kdolsky: Ganz massiv bei der Prävention vor Drogen und vor Alkohol. Alkoholmissbrauch schädigt die Gesundheit, und viel zu viele Menschen in Österreich konsumieren zu viel Alkohol. Niemand soll zum Trinken genötigt werden, niemand als Spielverderber gelten, weil er nichts trinken will. Es ist nicht unhöflich, angebotenen Alkohol abzulehnen – das möchte ich in den Köpfen der Menschen verankern. Alkohol gehört zu unserer Kultur und wir haben da eine lange Tradition, das weiß ich. Aber harmlos ist er sicher nicht.

G+L: Und das Rauchen?
Kdolsky: Im Regierungsprogramm ist der Nichtraucherschutz verankert. Besonders für die, die sich nicht wehren können, will ich kämpfen: Ungeborene, Kinder – niemand soll mitrauchen müssen. Wenn ein Lokal keine getrennten Raucherbereiche anbieten kann, wird es eben ein Nichtraucherlokal werden.

G+L: Das wird eine große Umstellung für viele Menschen. Wird es für die, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen, Hilfe geben?
Kdolsky: Ganz sicher. Rauchen ist nicht einfach nur eine Frage des Lifestyles. Nikotinmissbrauch ist eine Sucht. Wer viel raucht, ist krank – er leidet an einer Suchterkrankung und braucht Hilfe wie jeder Süchtige. Wer aufhören will, der bekommt Unterstützung. Der Schlüssel ist, wie in allen Bereichen, die Aufklärung.

G+L: Wie ist das mit der Ernährung?
Kdolsky: Was wir brauchen, ist eine gesunde Mischkost, und die gibt es noch zu selten auf den Tellern der Österreicher. Ich bin nicht für Verbote, ich esse selber sehr gern. Und ich weiß, es ist ein wirklich großes Problem, Menschen zu einer Umstellung der Ernährung zu bewegen. Ein Starkoch wie Jamie Oliver hat es an den englischen Schulen nicht geschafft, die Essgewohnheiten nachhaltig zu ändern. Wir werden uns sehr viel einfallen lassen müssen, um die Menschen zu motivieren.

G+L: Wo wollen Sie da ansetzen?
Kdolsky: Lustvoll genießen, das ist wesentlich – das belegen zahlreiche Studien. Wer den Geschmack der Nahrung wirklich genießen kann, der stopft sich nicht einfach mit ungesunden Kalorien zu. Ich glaube, das ist ein guter Ansatzpunkt. Auch hier werden wir versuchen, über die Familien etwas zu bewegen. Sie sind meine wichtigsten Verbündeten. Lassen Sie mir noch etwas Zeit, wir werden die effizientesten Wege und Methoden suchen – und finden.

G+L: Können Sie sich auch vorstellen, dass ein gesünderer Lebensstil durch geringere Beträge zur Sozialversicherung belohnt wird?
Kdolsky: Anreize im Versicherungswesen halte ich für eine sehr geeignete Motivation. Dabei geht es aber nicht darum, jemanden zu bestrafen, sondern eher um einen Bonus für die, die etwas tun. Wir sind da bereits im Gespräch.

Text: Riki Börner
FOTOS: Bernhard Noll

Dr. Andrea Kdolsky

Geboren am 2. November 1962 in Wien. Nach der Matura an einem katholischen Gymnasium studierte sie Rechtswissenschaft an der Universität Wien sowie Handelswissenschaft an der WU Wien und arbeitete in der Privatwirtschaft.

1986 begann sie als „Spätberufene” ihr Medizin-Studium an der Uni Wien, das sie 1993 erfolgreich abschloss. Im Anschluss absolvierte sie einen Lehrgang für Krankenhausmanagement und Ökonomie an der WU Wien sowie den Lehrgang Prozessorientiertes Qualitätsmanagement am WIFI Wien.

Nach ihrer Turnusausbildung im Krankenhaus Eggenburg (1995) startete Kdolsky eine Facharztausbildung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie an der medizinischen Fakultät des AKH, die sie 2001 erfolgreich absolvierte. Von 2001 bis 2004 war sie Oberärztin an der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie.

Nach einem kurzen beruflichen Zwischenspiel als stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesinstituts für internationale Bildungs- und Technologietransfers (BIB) wechselte sie 2005 in die NÖ Landeskliniken-Holding, der sie ab März 2006 als medizinische Geschäftsführerin vorstand. Am 11. Jänner 2007 wurde sie als Bundesministerin für Gesundheit und Frauen angelobt.

Der Arbeitsplan der Ministerin

Kdolsky will

  • den Hausarzt zum Facharzt für Allgemeinmedizin aufwerten; seine genauen Aufgaben definieren und dann die Ausbildung reformieren.
  • Dadurch und durch eine Reihe anderer Maßnahmen sollen auch mehr Leistungen der Spitalsambulanzen von niedergelassenen Ärzten erledigt werden.
  • Fachärzte sollen sich in Ärztezentren zusammenschließen und auch die Infrastruktur von Kliniken nützen können.
  • Die im Regierungsprogramm festgeschriebenen 400 Millionen Euro will Kdolsky auch durch vermehrten Gebrauch von Generika einsparen – billigere Nachfolgemedikamente, die aber die gleiche Wirkung wie die Original-Präparate haben.
  • Auch durch die intensive Nutzung von e-Health (e-Card, elektronische Patientenakte, Vernetzung aller Partner im Gesundheitssystem) sollen Kosten eingespart werden, da die Mitarbeiter weniger Verwaltungs- und Schreibarbeiten haben und Doppel-Anamnesen wegfallen. Dies soll den Patienten massiv nutzen, weil sie beispielsweise vor einer Operation nur mehr einmal die gesamten Angaben über Allergien etc. machen müssen.
  • Die Ausbildung der Turnusärzte soll verbessert werden, das Ausbildungsprogramm durchforstet und auf den neuesten Stand gebracht werden.
  • Die Arbeitssituation aller Mitarbeiter im Gesundheitswesen soll etwa durch flexiblere Arbeitszeitmodelle verbessert werden. Kdolsky: „Warum muss ein über 50-Jähriger noch genauso viele Dienste machen wie ein 30-Jähriger? Das sehe ich nicht ein. Da geht es um ein gesundes Altwerdenkönnen in der Klinik, am Arbeitsplatz.”
  • Die Kommunikationsfähigkeit der Ärzteschaft soll verbessert werden, denn „90 Prozent aller Schwierigkeiten, die beim Patientenanwalt landen, sind auf schlechte oder schiefgegangene Kommunikation zurückzuführen”.