Falsche Freunde

Die chemische Keule kann gefährlich werden: Antibakterielle Reinigungsmittel schaden der Gesundheit meist mehr, als sie nützen.

Die Werbung hat unsere Häuser und Wohnungen zur Gefahrenzone erklärt. Überall sollen schädliche Bakterien und Keime lauern, die unsere Gesundheit bedrohen. Abhilfe verspricht ein uferloses Sortiment an „antibakteriellen“, „desinfizierenden“ und „keimtötenden“ Reinigungsmitteln. „Gut gemeint ist hier oft das Gegenteil von gut gemacht“, warnt Christian Mokricky, Experte für Chemie im Haushalt bei der Umweltberatung NÖ: „Natürlich soll ein Haushalt sauber und rein sein, antibakterielle oder desinfizierende Produkte schießen aber über das Ziel hinaus und schaden meist mehr, als sie nützen.“
Bakterien und Keime gehören zu unserem Leben: „Unsere Verdauung und unsere Hautflora könnten ohne diese unsichtbaren Mikroorganismen gar nicht auskommen. Und die Bakterien, die in einem sauberen Haushalt vorkommen, sind nur extrem selten gesundheitsschädlich.“ Im Gegensatz dazu stellen antibakterielle Reiniger sehr wohl eine Gesundheitsgefahr dar, warnt Mokricky: „Viele dieser Mittel enthalten Wirkstoffe, die Allergien auslösen können. Außerdem können sie die nützlichen Bakterien der Hautflora schädigen und ebnen Krankheitserregern so erst recht den Weg.“ Langzeitstudien haben gezeigt, dass antibakterielle Produkte keine Auswirkungen auf die Zahl von Infekten in einem Haushalt haben.
Besonders für Kinder birgt eine klinisch reine Umgebung Gefahren: Ihr Immunsystem kann sich nicht optimal entwickeln, dadurch sind sie weit anfälliger für Infekte und typische Zivilisationskrankheiten wie Asthma, Allergien und Ekzeme.

Milde Reiniger reichen

Besonders aggressive Produkte werden für Bad und WC angeboten: „Jeder vierte Reiniger enthält hier desinfizierende Wirkstoffe, die einfach nicht notwendig sind“, warnt Mokricky und rät, lieber schlechte Gerüche in der Küche ernst zu nehmen: „Die zeigen meist ein Hygiene-Problem an. Die Lösung heißt hier putzen, statt mit Duftstoffen zu übertünchen. Dazu reichen herkömmliche, milde Reiniger.“
Desinfizieren sollte man nur auf ärztliche Anordnung; als Dauerlösung rät Mokricky entschieden von antibakteriellen Produkten ab: „Was bei allen vollmundigen Versprechen der Hersteller meist nicht erwähnt wird: Es ist praktisch unmöglich, einen normalen Haushalt steril sauber zu halten. Eine Wohnung ist kein Krankenhaus und kein Labor. Zum Glück!“

Text: Roland Goiser
FOTO: Fotolia

Gefährliche Chemie

Diese Symbole warnen vor Produkten, bei denen besondere Vorsicht geboten ist. Von links nach rechts: sehr giftig/giftig, gesundheitsschädlich/reizend, ätzend, umweltgefährlich. Achtung, auch Produkte ohne Gefahrensymbole können der Gesundheit schaden!

Sauberkeit mit Köpfchen

  • Regelmäßig statt rigoros: Wer seinen Haushalt regelmäßig reinigt und lüftet, muss seiner Gesundheit nicht die chemische Keule zumuten.
  • Hände waschen: Gründliche persönliche Hygiene ist immer noch das beste Mittel gegen Bakterien und Keime. Werden die Hände regelmäßig gewaschen, reicht auch eine milde, hautschonende Seife.
  • Achtung in der Küche: Gegenstände, die rohe Eier, rohes Fleisch oder stark verschmutztes Gemüse berühren, direkt in die Spülmaschine räumen oder unter fließendem heißen Wasser mit Spülmittel reinigen.
  • Häufig wechseln: Spülschwämme, Wischlappen und Küchenhandtücher häufig wechseln; dann reicht auch die 60°C-Wäsche.
  • Ordnung im Kühlschrank: Verdorbene Speisen sofort entsorgen, Behälter gründlich reinigen. Den Kühlschrank einmal im Monat mit Essigwasser auswischen. Kondenswasserabfluss regelmäßig reinigen.
  • Bauliche Mängel beheben: Sanitärräume sind oft dunkel, feucht und schlecht belüftet und bieten damit einen optimalen Lebensraum für Mikroorganismen.
  • Vernünftig waschen: Richtiges Waschpulver wählen, nicht überdosieren und angegebene Temperatur nicht überschreiten. Mit Weichspüler gewaschene Wäsche verschmutzt schneller und kann Allergien fördern. Für angenehmen Duft besser zu Pflanzenölseife oder Lavendelsackerl im Wäscheschrank greifen.
  • Keine Panik im WC: Krankheitserregern ist die WC-Brille zu trocken. Desinfizierende Reiniger sind überflüssig und belasten das Abwasser.
  • Im Regal lassen: Je länger antibakterielle Substanzen verwendet werden, desto größer ist die Gefahr, dass die Bakterien dagegen resistent werden.
  • Schutz nicht vergessen: Wenn es ohne aggressive Produkte wirklich nicht geht, Handschuhe tragen und Dämpfe nicht einatmen!

Achtung, gefährlich!

Desinfektionsmittel in antibakteriellen Reinigungsprodukten stellen ein Risiko für die Gesundheit dar, auf das jedoch kaum entsprechend hingewiesen wird. Achten Sie beim Kleingedruckten auf folgende Inhaltsstoffe:

  • Natriumhypochlorit (Aktivchlor): wesentlicher Wirkbestandteil von desinfizierenden und bleichenden Haushaltsreinigern und Schimmelentfernern. Es wirkt stark ätzend und kann bei Kontakt mit einer Säure sogar giftiges Chlorgas bilden.
  • Glutaraldehyd: ist giftig und verursacht schwerwiegende Reizungen. Die Substanz ist ein Hauptauslöser für allergische Erkrankungen beim Krankenhauspersonal.
  • Alkylbenzyldimethylammoniumchlorid: ist in vielen Desinfektionsmitteln bekannter Hersteller enthalten und wirkt Allergie auslösend.
  • Wasserstoffperoxid: ist ein aggressives Bleichmittel und in höherer Konzentration ätzend.
  • Alkohol/Ethanol: wird oft in gesundheitsgefährdenden Konzentrationen in Reinigungsmitteln (Glas, Chrom, Kunststoff, Scheibenwaschanlage) verwendet.

Informationen

„die umweltberatung“ Niederösterreich

Tel: 02742/718 29
www.umweltberatung.at

Gratis-Broschüre „Nein zur Desinfektion im Haushalt“. Infos über Hygiene im Haushalt und den sinnvollen Einsatz von Reinigungsprodukten, bei „die umweltberatung“ NÖ unter 02742/718 29