„Eine Delle in der Seele, eine Beule in der Psyche”
Franz Födinger vom Stadttheater Baden erlitt einen Schlaganfall – und steht heute wieder auf der Bühne.
Sein Arbeitsplatz: die Bühne. Seine Kunden: das Publikum. Sein Kapital: die Stimme. Franz Födinger, seit 40 Jahren „im Geschäft“, ist Sänger aus Leidenschaft. Engagements hatte er im gesamten deutschsprachigen Raum, arbeitete sogar mit Sir Peter Ustinov zusammen. Auf der Bühne zu stehen ist sein Lebenselixier. Einen anderen Beruf hätte er sich nie vorstellen können. Jede Rolle, sei sie noch so klein, ist für ihn ein Auftrag, den er präzise wie ein Spitzensportler als Höchstleistung ausführt.
Vor zwei Jahren hieß es für Franz Födinger aber: Halte inne! Mach Pause! „Es war ein heftiger Sommer“, erinnert er sich an ein schicksalhaftes Jahr 2005. Umstellungen in „seinem“ Theater, ein Engagement im Ausland und andere zusätzliche Auftritte rissen den 58-Jährigen zwischen den Fronten hin und her.
„Ich war immer ein arbeitender Mensch, aber diesmal hatte ich außergewöhnlich viel Arbeit, Stress und Verantwortung zu tragen“, analysiert er im Nachhinein. Zu Hause baute er gerade um, auch hier fand er keine Ruhe, keine Entspannung. Urlaub? Der lag einige Zeit zurück – 1984 war er das letzte Mal so richtig weg, zwei Wochen auf Kreta: „Als Sänger arbeitest du sogar im Urlaub“, man bekommt irgendwo ein Engagement, singt am Abend und entspannt höchstens ein wenig untertags, oder übt ... „Ich war schon ein singendes Kind, überall dabei, wo es was zum Singen gab.“ Wer seinen Beruf so liebt, ist bereit, vieles zu opfern.
Tage des Vergessens
„Dann kamen drei Tage des Vergessens über mich“, kann sich Födinger wieder erinnern. Eine Woche vor seinem Schlaganfall hatte er Sprachausfälle, vergaß bei Proben, wann er auf die Bühne sollte und verhielt sich „irgendwie seltsam, wurde sogar aggressiv“, schildert der Sänger. Erinnern kann sich Födinger an seinen Schlaganfall ganz genau: Es war gegen halb vier Uhr morgens, „ich wollte aufstehen und das Fenster schließen“, – er konnte aber nicht, verkrampfte sich, konnte nicht sprechen, um seiner Frau mitzuteilen, was los ist. Er konnte nur mehr gestikulieren. Seine Frau verstand zum Glück sofort und rief die Rettung. Drei Wochen später stand Födinger als Weihnachtsmann im Kindermärchen schon wieder auf der Bühne.
Was hat sich seither verändert? Wie lebt und liebt er sein Leben heute? Wie hat er die Zeit im Krankenhaus überstanden? „Die Untersuchungen waren unangenehm, aber man darf sich nicht versperren und verkrampfen“, so sein Rat, einfach Vertrauen in die Medizin zu haben. Gewandelt hat sich seither vieles: „Am Anfang hatte ich Probleme, die richtigen Worte zu finden, meine Sprache war drei Wochen gehemmt. Meine Ernährung musste ich komplett umstellen, ich war immer ein ‚Hetz-Fresser’“: Wie ein Raubtier verschlang er an allen möglichen und unmöglichen Orten sein Essen, z. B. auf Bahnhöfen, wenn er wieder zu einem Engagement reiste: „Was im Bauch ist, kann mir keiner wegnehmen“, scherzt er und denkt nun mit Freude an knackiges Wokgemüse und erfrischendes Obst.
Vorbei die Wiener-Schnitzel-Zeiten; binnen kürzester Zeit hatte er 16 unnötige Kilos abgespeckt und ist heute ein Bühnenleichtgewicht – irgendwie hat er Ähnlichkeit mit Peter O’Toole bekommen. „Mit 12 Jahren war ich stolz, wie viel ich essen konnte – so lange, bis mir der Bauch stand“, erzählt er. Das ist heute umgekehrt: Stolz ist er, wenn er wenig und vor allem gesund gegessen hat. „Lass den Körper essen, was er verlangt, wir essen eigentlich alle viel zu viel!“ Schrecklich findet er, wenn Kinder dazu gezwungen werden, ihren Teller leer zu putzen. Niemals dürfe man das Sättigungsgefühl verlieren.
Warum ich?
Födinger führt seit seinem Schlaganfall vor über zwei Jahren ein sehr bewusstes Leben, ist ruhiger geworden, verzichtet auf vieles – aber irgendwie auch auf nichts. Er fühlt sich wohl, geht viel Rad fahren und denkt einfach mehr an sich. Er ist bemüht, die Balance in seinem Leben zu halten. Wichtig ist für ihn, dass seine Stimme im Lot ist: ohne Stimme kein Auftritt.
Seinen Schlaganfall wertet er als Zeichen. Früher habe er gemeint, gibt er zu, dass einem so etwas nicht passieren darf. Und er fragte sich schon einige Male: „Warum ich?!“ Gab sich im selben Gedankengang aber gleich die Antwort und dachte bei sich: „Warum nicht ich!“ Obwohl er seine Krankheit akzeptiert – „eine Delle in der Psyche, eine Beule in der Seele ist schon geblieben“, gesteht er.
Mit seinem Auftritt als Weihnachtsmann, knapp einen Monat nach seinem Schlaganfall, wollte er sich etwas beweisen. Er wollte aber nicht nur auf der Bühne stehen, sondern „ich wollte Menschen um mich haben. Einsamkeit ist keine gute Krankenschwester.“ Zu einem psychischen und physischen Heilungsprozess gehört die Angst und die Sorge dazu – zumindest für eine gewisse Zeit, dann sollte das schlechte Gefühl jedoch verblassen.
Ein Kompliment möchte er seiner Umwelt aussprechen, die ehrliche Anteilnahme zeigte – das habe ihm geholfen, ihn aufgerichtet. Auf der anderen Seite weiß Födinger, dass Anteilnahme schnell in negative Neugierde abrutschen kann. Schließlich plagten ihn doch noch Ängste wie beispielsweise „nicht mehr für voll genommen zu werden.“ Ein Jahr hat er an seinem psychischen Schmerz hart gearbeitet. Körperlich war er ja fast schon wieder in Ordnung: Nachdem er so viel abgenommen hatte, bekam er zwei Leistenbrüche, die operiert werden mussten. Aber Födinger biss sich auch hier wieder durch, stand kurz nach der Operation mit Schmerzen auf der Bühne und spielte und sang. Disziplin im Bühnengeschäft sei das Wichtigste, sonst lässt man sich hängen.
Neues Hobby
Wenn man eine Krankheit hat, „denkt man viel mehr nach, überlegt – wann kommt der nächste Schlaganfall?“ Födinger hat in dieser Zeit jedoch gelernt auf sich aufzupassen, sein Leben wertzuschätzen und war ehrgeizig genug, um schnell wieder gesund zu werden. Neben seinem oft nervenaufreibenden Beruf im Stadttheater Baden hat Födinger eine Tätigkeit gefunden, wo er richtig entspannen kann: Er blickt durch ein Fernrohr in die Sterne und vertieft sich etwa in das Sternenbild Antares, den Hauptstern des Skorpions, 520 Lichtjahre entfernt.
Und wenn er so in den nächtlichen Himmel blickt, kommt ihm vielleicht ein berühmter Spruch aus der Welt der Operette, aus der Fledermaus, in den Sinn: „Glücklich ist, wer ver-gisst, was doch nicht zu ändern ist“. Und unglücklich, wer nicht vergisst. Franz Födinger ist wieder zu einem glücklichen Mensch geworden, der gelernt hat zu vergessen!
Text + Fotos: Sandra Sagmeister