Lotte Tobisch als die Jungfrau von Orleans 1959 mit Albin Skoda
Lotte Tobisch mit Placido Domingo 1995 am Opernball

„Ich lebe lieber heute”

Die Schauspielerin Lotte Tobisch sprüht mit ihren 80 Jahren nur so vor Lebenslust.

Heute findet die ehemalige Opernball-Organisatorin ihr Leben viel besser als in ihrer Jugend und blickt gern nach vorne. Sie ist aktiv als Präsidentin der Alzheimer-Liga und sammelt Geld für „ihr“ Künstlerheim in Baden.
„Ich beschäftige mich gar nicht so viel mit mir, alt werden ist nicht schlimm“, sagt eine vergnügte Professorin Lotte Tobisch-Labotyn, die vor Energie sprüht. Heute geht es ihr gut, obwohl sie 80 ist. Früher, als junges Mädchen, war sie oft unglücklich: „Ich habe damals sehr viel über das Sterben nachgedacht“, erzählt Tobisch, die heute ohne Sentimentalität lieber nach vorne blickt, als in alten Erinnerung zu schwelgen.
Ihre Jugend hat sie im zerbombten Wien verlebt, hat nach Kriegsende als 18-jähriges Mädchen erfahren, was es heißt zu hungern: „Wir bekamen ein Deka Fett pro Woche zugeteilt und kochten uns schimmelige Erdäpfel.“ Eine willkommene Abwechslung war da ein Erbsen-Sterz: „Die Russen brachten massenweise getrocknete grüne Erbsen, die wir erst einlegten, damit die Würmer hervorkamen, dann kochten und mit Genuss aßen“, erinnert sich die Schauspielerin an harte Zeiten, die sie nicht verbittert werden ließen. Schließlich wusste sie sich zu helfen; in Wien würde man sagen – sie war keine „Zezn“. Sie war schon immer ein Organisationstalent, wusste, wen sie wo zu fragen hatte und überlebte diese schwierige Zeit. Vielleicht ist diese Haltung das beste Rezept, wie man sich und seine Gedanken jung hält: nicht ständig im Gestern zu leben. Tobisch sagt: „Ich lebe lieber heute!“

Sparsam, diszipliniert

Lotte Tobisch stammt aus bestem Elternhaus und ist als ehemalige „Baronin von Labotyn“ sehr bescheiden erzogen worden. Ihren Eltern wäre es nie eingefallen, die kleine Lotte mit dem Auto zur Schule zu chauffieren. „Gewisse Dinge tut man einfach nicht“, ist Tobischs Lebensphilosophie. Sie weiß sich in Zurückhaltung zu üben: „Ich mag das Aufhauen nicht, man suhlt sich nicht im Wohlstand.“ Ihre Art zu leben: sich reduzieren, sparsam und diszipliniert sein.
Über ihre Zeit als mächtige Opernball-Chefin sagt sie: „Der Opernball ist nicht der Mittelpunkt der Welt“. Einen Großteil ihrer Abendkleider hat sie schon längst dem Verein „Künstler helfen Künstlern“ gespendet, dessen Präsidentin sie seit vielen Jahren ist. Sie weiß ja, wie man wo Geld aufstellt – da hilft sie gerne mit, anstatt an den vielen Erinnerungen zu hängen, die sie mit jedem Kleid verbindet.
Ihr einziges Laster gab sie schon lange auf: Tobisch war starke Raucherin. Vor 25 Jahren fuhr sie gut gerüstet mit einigen Stangen Zigaretten in den Urlaub nach Italien. „Man sagte zu mir, ich hätte Ähnlichkeit mit Humphrey Bogart, der hat auch ständig geraucht“, scherzt sie. Doch ein einschneidendes Erlebnis veranlasste sie von heute auf morgen aufzuhören: „Ich warf alle Stangen ins Feuer“, und mit dem Rauchen war Schluss.

Ein vergnügter Mensch

Die Schauspielerin, langjährige Grande-Dame des Opernballs, Präsidentin des Vereins „Künstler helfen Künstlern“ und Ehrenpräsidentin der Österreichischen Alzheimer-Liga, hat keine grantigen, altmodischen Ansichten, ist geistig rege und interessiert. Ist das ihr Geheimrezept, wie man mit 80 Jahren ein dynamischer, frischer Mensch sein kann? Lotte Tobisch, Muse von Geistesgrößen wie dem Philosophen und Musikwissenschafter Theodor W. Adorno (der Briefwechsel wurde 2003 veröffentlicht) ist von ihrem Denken her modern und progressiv geblieben. Sie akzeptiert und schätzt die Jugend und versteht die Welt, weiß um die Armut wie um die schönen Dinge Bescheid. Sie kann herzlich lachen, und bei ihrer Wohnung merkt man schon beim Eingang, hier wohnt ein vergnügter Mensch: Blumen und lustige Figuren stehen vor der Türe und heißen einen willkommen. Sie hat gerne Farbe, mag das Graue nicht.
Ihr Jungbrunnen? Vielleicht ist es die innere Akzeptanz, die sie sich, der Umwelt und der Zeit entgegenbringt. „Ein Jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde“, zitiert Tobisch eine Bibelstelle. Sie liest viel und gerne, intellektueller Input sei besonders wichtig. Und sie setzt auf Ehrlichkeit mit sich selbst: „Man soll in sich gehen, bei sich auf Forschungsreise gehen“, – und all den Dingen ins Auge blicken, die man viel lieber zudecken möchte.

Regelmäßige Vorsorge

Einmal im Jahr stellt sie sich einem Gesundheitscheck, lässt sich von oben bis unten durchleuchten, um abzuklären, „warum es manchmal da und dort zwickt.“ Nein, alt werden sei nicht schlimm, „schlimm ist nur, dass alle jung bleiben wollen.“ Fröhlich sein, so ihr Rat, denn „morgen kann alles vorbei sein“, – der Mensch ist nur Gast auf dieser Welt.

Text: Sandra Sagmeister
Fotos: Axel Zeininger, Hertha Hurnaus

Lotte Tobisch, Schauspielerin und Muse prominenter Denker wie dem Philosophen und Musikwissenschafter Theodor W. Adorno, zu Hause in ihrem Wohnzimmer

Prof. Lotte Tobisch-Labotyn

  • Geboren: 26. März 1926
    War Schülerin bei Raoul Aslan und debütierte als blutjunges Wiener Mädl an der Burg, wo sie bis 1947 spielte und wohin sie 1960 zurückkehrte, weiters spielte sie im Volkstheater und im Theater in der Josefstadt. Von 1981 bis 1996 war sie die Organisatorin des Wiener Opernballs.
  • Lebensmotto: „Leben und leben lassen!“ oder „Was Du selber tun kannst, sollst Du nicht von Gott machen lassen!“
  • Was sich die Tobisch wünscht: „Halbwegs gesund zu bleiben und dass man was tun kann.“
  • Lieblingsessen: Schinkenfleckerl und Teigwaren in allen Variationen
  • Was die Tobisch fasziniert: „Menschen!“
  • Was die Tobisch gar nicht mag: „Die Vereinsamung der Menschen“

khk.kuenstlerheim-baden(at)aon.at