PSYCHOLOGIE

Liebe 2.0

Wenn wir lieben, gedeiht unsere Gesundheit und unser

Wohlbefinden.

Text.

Foto: istockphoto/ Jovanmandic

Die Positive Psychologie kennt ein radikal neues Konzept von Liebe,

das mit vielen Irrtümern aufräumt. GESUND&LEBEN hat mit der

Psychologin Natalia Ölsböck darüber gesprochen.

Was bedeutet Liebe für Sie? Ist das eine romantische Beziehung, von der Sie Ihr Lebensglück erwarten? Etwas Stabiles und Dauerhaftes, das Sie und Ihren Partner oder Ihre Partnerin für immer verbindet, bis dass der Tod Sie scheidet? Das größte und wichtigste Gefühl, das Sie kennen? Mit letzterem liegen Sie wohl richtig, aber alles andere oben Genannte lohnt sich einmal in Frage zu stellen. Denn wie oft schon sind wir mit dem Konzept von der großen, wahren und einzigen Lebensliebe gescheitert …


Liebe ist nicht gleich Liebesbeziehung

„Manch einer spricht von der großen Liebe und beschreibt dabei ein Idealbild, das er von einer Person hat. Solche Vorstellungen und Erwartungen sind schwer erfüllbar, deshalb gibt es oft eine große Enttäuschung“, berichtet die niederösterreichische Kommunikationspsychologin Mag. Natalia Ölsböck aus ihrer Praxis. „Tatsächlich ist Liebe nicht mit Liebesbeziehung gleichzusetzen. Liebe ist ein wunderbares Gefühl, das auftreten kann, wenn zwei Menschen miteinander in Verbindung treten“, sagt sie und vertritt damit eine neue Anschauung, die aus der Positiven Psychologie stammt.

Eine Wissenschaftlerin, die dieses Konzept weiterentwickelt hat, ist die US-amerikanische Psychologin Barbara Fredrickson. In ihrem Buch „Die Macht der Liebe“ erklärt sie: „Liebe ist keine Beziehungskategorie. Und sie ist auch nichts, das da draußen auf Sie wartet und Ihnen auf magische Weise zuteil wird oder Ihnen – Jahre später – wieder verloren geht. Die Liebe als besonderes zwischenmenschliches Band zu definieren ist üblich, führt aber in die Irre.“


Ein flüchtiges Gefühl

Aus Sicht der Positiven Psychologie und Emotionsforschung ist Liebe wohl ein fundamentales Gefühl und eine Art Über-Emotion, in der auch viele andere positive Emotionen in Erscheinung treten können. Aber: „Eine Beziehung zweier Menschen – mit ihrer oftmals einhergehenden Verbindlichkeit – sollte man nicht als Liebe per se auffassen, sondern vielmehr als Produkt der Liebe – als Ergebnis der zahllosen kleineren Augenblicke, in denen die Liebe beide Partner erfasst“, meint Barbara Fredrickson. Liebe ist aus dieser Sicht also ein flüchtiges Gefühl, das entstehen kann, wenn sich ein Mensch völlig unvoreingenommen und wohlwollend auf einen anderen einlässt. Es geht um innige Verbundenheit gepaart mit Wärme und Offenheit, denn dadurch stellt sich eine physiologische und körperliche Synchronizität ein.


Mikromomente der Liebe

Barbara Fredrickson spricht auch von Mikromomenten der Liebe, die ganz individuell sind. Und das sind sie in der Tat. „Die Eskimos hatten zweiundfünfzig Namen für ‚Schnee‘, weil er für sie wichtig war. Es sollte ebenso viele Ausdrücke für Liebe geben“, schrieb die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood. Ja, jeder Mensch ist für sich einzigartig. Unsere Gefühle bauen sich auf und verschwinden wieder. „Das ist der Charakter von Emotionen. Der Vorteil ist: Wir müssen auch Angst oder Ärger nicht dauerhaft aushalten“, sagt Natalia Ölsböck. „Emotionen machen unser Leben lebendig, sie schaffen die Hochs und Tiefs in unserer Lebenslinie. Leben ist Veränderung, so wie unser Körper sich jeden Augenblick durch unsere Gedanken, Einstellungen, Bewertungen und Gefühle verändert. Alles unterliegt Veränderungen.“


Liebe ist nicht dauerhaft

Auch Liebe ist also nicht dauerhaft, aber das Beständige an ihr liegt in ihrem Zweck. Positive Emotionen wie Liebe stellen ebenso wie negative Emotionen einen Überlebensmechanismus dar. Evolutionär betrachtet sichern die negativen Gefühle, wie zum Beispiel Angst oder Wut, kurzfristig das Überleben. Doch die positiven Gefühle bewirken langfristig dauerhaft, dass Menschen Gemeinschaften

bilden, zusammenhalten, füreinander da sind und sich fort- pflanzen. Somit sichern sie nachhaltig unser Überleben.

Laut Barbara Fredrickson ist Liebe übrigens auch nicht bedin- gungslos. Denn um Liebe zu empfinden, bedarf es einiger Voraussetzungen. Zum einen können wir Liebe nur gemein- sam mit anderen empfinden, weil es dabei um eine tiefe Ver- bundenheit geht.

Zum anderen brauchen wir Zeit, Vertrauen, Sicherheit und die Zuwendung, bei der man tatsächlich präsent ist. „Um lieben zu können, bedarf es einer gewissen Achtsamkeit. Wer nicht im Hier und Jetzt ist, kann sich nicht vollkommen unvoreinge- nommen auf andere Menschen einlassen. Und das ist eines der größten Hindernisse unserer Zeit. Wir sind zwar oft vor- handen, aber dabei nicht wirklich anwesend, weil wir ins Smartphone schauen statt dem Gegenüber in die Augen. Oder weil wir im Geist überlegen, was wir noch alles zu erle- digen haben, statt eine qualitätsvolle Pause zum Energietan- ken zu genießen, indem wir uns auf ein anregendes Gesprä-

che mit einer anderen Person einlassen“, erklärt Natalia Ölsböck. Auf der anderen Seite sind die großen Verhinderer der Liebe Depression, Frustration, Überlastung, Stress und ein getrübter Selbstwert. Dann fühlen wir uns unsicher und können uns gar nicht unvoreingenommen auf andere Menschen einlassen.


Liebe ist immer möglich

Doch Liebe ist grundsätzlich in allen menschlichen Beziehungen möglich. Barbara Fredrickson spricht von Liebe als „Posi- tivitätsresonanz“, einem Gefühl inniger Verbundenheit, das bei jedem Mensch auftreten kann, und zwar gleichgültig, ob das Gegenüber noch fremd oder schon Freund ist. „Genau darum geht es“, sagt auch Natalia Ölsböck. „Wenn im Ge- spräch mit einer fremden Person diese Verbundenheit auftritt, ist dieses Gefühl so wohlig angenehm, dass wir es wieder erleben wollen. Diese Person hinterlässt ein gutes Gefühl. Das führt dazu, dass wir gerne wieder in Kontakt treten. Durch jeden weiteren innigen Kontakt lernen wir die Person besser kennen, kommen wir ihr noch näher. So entstehen Bekannt- schaften, Freundschaften, Familienbande, Liebesbeziehungen. Der Mensch als soziales Wesen braucht solche Gemein- schaften, um gedeihen zu können.“


Liebe ist gesund

Was noch gedeiht, wenn wir lieben, ist unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Denn wenn zwei Menschen tiefe Ver- bundenheit erleben, stellt sich die Physiologie des einen auf die Physiologie des anderen ein. Sie wirken wechselseitig aufeinander ein, bis sie synchron sind. „Neben positiven Auswirkungen auf Körperwerte wie Herzschlag und Blutdruck, kommt es auch zur Ausschüttung von Oxytocin. Das ist ein Wohlfühl- und Kuschelhormon“, erklärt Natalia Ölsböck. „Wir nehmen andere Menschen dadurch unvoreingenommener wahr, sind positiver eingestellt, finden mehr Gemeinsamkeiten. Das wiederum verbindet. Aber es hat auch enorm gute Auswirkung auf unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Wenn wir mit anderen Menschen besser auskommen, tun wir uns in der Arbeit leichter, können mit Kunden und Kollegen besser kommunizieren und haben auch im Privatleben wesentlich weniger Stress. Jeder Moment inniger Verbundenheit gibt uns einen enormen Energieschub. Wir tanken dadurch psychische Energie, was uns

resilienter und stressresistenter macht.“


Liebe bringt Liebe hervor

Die beste Botschaft von Barbara Fredrickson und Natalia Ölsböck sei an den Schluss gestellt. Sie lautet: Liebe bringt wie- der Liebe hervor. Denn, so die niederösterreichische Kommunikationspsychologin: „Je häufiger wir gemeinsam das Gefühl der Liebe erleben, umso leichter springen wir darauf an. Deshalb macht es auch Sinn, auf diesem Gebiet ein wenig zu trainieren. Man kann Liebe nicht erzwingen, aber man kann sich bewusst darauf einstellen und Bedingungen schaffen, da- mit Liebe stattfinden kann.“ In diesem Sinne: Lieben Sie!


Gabriele Vasak

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2019