PSYCHIATRIE

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Eine Brücke fürs Leben

Findet sich ein Kind oder ein Jugendlicher in seinem Alltag nicht mehr zurecht, ebnet die Abteilung für Kinder- und Ju- gendpsychiatrie des Landesklinikums Baden-Mödling am Standort Hinterbrühl mit einer klaren Struktur und verschiedenen Therapien den Weg zurück ins Leben.

Wie stark das Leben auch unter schwierigen Bedingungen ist, erfährt Primaria Dr. Judith Noske in Ne- pal. Die Ärztin arbeitet dort in einem Krankenhaus und begleitet viele Geburten. Sie ist erstaunt, „wie viel möglich ist“, wenn man auf diese Kraft vertraut und günstige Bedingungen für Entwicklung schafft. Heute arbeitet sie als Kinder- und Jugendpsychiaterin im Landesklinikum Baden-Mödling am Standort Hinterbrühl und ist überzeugt: „Es kann einen Lebensweg entscheiden, wenn zum richtigen Zeitpunkt die Weichen gestellt werden.“


Schnelle Hilfe

Betritt man das Gelände der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Landesklinikums Baden-Mödling am Standort Hinterbrühl, erschnuppert man zunächst einen Pferde- geruch. Dieser kommt von einem kleinen Stall, der sich, gesäumt von Bäumen und Wiesen, zwischen die Häuser reiht. Als vierbeinige Therapeuten unterstützen die Pferde unter anderem Jugendliche mit Bindungsstörungen. Diese können durch massive Traumata im Kindesalter entstehen. Dann können emotionale Schwierigkeiten, Aggressionen oder Angststörungen die Folge sein. Für Kinder mit einem gestörten Bindungsverhalten ist heilpädagogisches Reiten oder Voltigieren ideal. Das sensible Tier spiegelt die Befindlichkeit des Kindes und hilft ihnen dabei, sich zu öffnen, sagt Noske. Meist muss es schnell gehen, wenn Kinder und Jugendliche mit einer akuten Krise in die Hinterbrühl kommen, denn die Belastung und Ängste sind groß. Dabei gefährden die jungen Patienten sich selbst oder andere. Manchmal kommen die Kinder aus einem zerrütteten Umfeld, psychische Erkrankungen kommen aber in jeder sozialen Schicht vor.  „Wir vermitteln ihnen dann, dass es auch gesunde Beziehungen gibt“, sagt die Ärztin. Zunächst versuchen die Psychiaterinnen und Psychiater, die Symptome der jungen Pa- tienten zu verstehen. Sie achten auf mögliche körperliche Ursachen, wie auch psychosoziale Belastun- gen und untersuchen die Entwicklungsbedingungen des Kindes. Die Diagnostik erfolgt auf mehreren Achsen. Verschiedenen Ansätzen und Therapien tragen dazu bei, dass die Patientinnen und Patienten wieder genesen. Basierend auf dieser Diagnostik erstellt das Team, das unter anderem aus Ärzten, Pflegekräfte, Pädagogen, Logopäden, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern be- steht, einen Behandlungsplan. Die Ziele der Therapie bespricht das Team gemeinsam mit dem Kind und der Familie.


Blick in die Zukunft

Mit welchen Erkrankungen die Kinder und Jugendlichen an die Abteilung kommen, ist unterschiedlich. Sie leiden zum Beispiel an Entwicklungsstörungen, zeigen autistische Symptome oder sind hyperaktiv. Depressive Tendenzen kann man schon bei den ganz Kleinen beobachten. Sie drückt sich anders aus als bei Erwachsenen. Hier ist fehlende Neugierde und die Unmöglichkeit zu spielen, charakteristisch.

Gesellschaftliche und soziale Faktoren haben einen großen Einfluss auf die reizoffene, noch unge- schützte kindliche Seele. Immer mehr Kinder leiden heute an Angststörungen. „Sie kommen mit der schnelllebigen und vielseitig gestalteten Welt nicht zurecht. Wenn sie dann nicht den nötigen Halt ha- ben, sind sie gefährdet, sich zu verlieren und dabei verloren zu gehen“, sagt die Psychiaterin. Moder- ne Leidenszuständen nehmen ebenfalls zu, wie beispielsweise die Transsexualität – wenn Jugendliche nicht mehr wissen, „wie sie lieben und welches Geschlecht sie sein wollen“, sagt Noske.  Aber auch das Phänomen der Schulverweigerung und Folgen von Internetkonsum nehmen massiv zu. Je jünger das Kind ist, desto unspezifischer seien die Auffälligkeiten. „Oft ist es schwierig, festzustellen, ob es sich um ein pädagogisches Problem handelt oder an der Frühform einer Erkrankung leidet“, erklärt No- ske. In der Hinterbrühl kommt die sogenannte Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) zum Einsatz. Dieses Verfahren berücksichtigt mehrere für die Behandlung wichtige Achsen wie Krank- heitsverarbeitung, Behandlungsvoraussetzung, Beziehungen oder Persönlichkeitsstruktur und entwick- lungshemmende Konflikte. Eltern mit Kleinkindern kommen in die Tagesklinik, um an Therapien teilzu- nehmen. Die Therapeutinnen und Therapeuten richten sich hier vor allem an die Eltern, um zu sehen, was sie brauchen, um gut mit der Erkrankung ihres Kindes umgehen zu lernen. In der Tagesklinik wer- den Kinder im Vorschulalter aufgenommen, aber auch jene Kinder und Jugendlichen betreut, die vor- mittags in der Heilstättenklasse schulisch unterstützt werden oder die Tagesstruktur der Werk-Stadt be- suchen. Hier entdecken sie ihre eigenen Interessen - auch im Hinblick darauf, wie es später weiter ge- hen soll. Sie essen gemeinsam Mittag, verbringen den Nachmittag in Therapie und üben sich - beglei- tet von Pädagogen und diplomierten Pflegepersonal – in sozialen Gruppen. Geschlafen wird zuhause. Häufig dient die Tagesklinik auch dazu, einen stationären Aufenthalt einzuleiten oder nach einem sta- tionären Aufenthalt langsam zurück ins Leben zu finden. Denn eines soll der Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht sein: Ein Ersatz für das Leben draußen. Deshalb ist die Vernetzung mit dem Außen wichtig. In Helferkonferenzen überlegt das Team gemeinsam mit den Eltern, Lehrern, Ju- gendamt, externen Therapeuten etc., welche Unterstützungsmaßnahmen für das Kind bzw. den Ju- gendlichen geeignet sind und wie sie umgesetzt werden können.


Eltern mit ins Boot

In der Hinterbrühl finden die jungen Patienten Entwicklungsräume vor, in denen sie sich ausprobieren dürfen, sagt Noske. Aber auch von den Erfahrungen mit den anderen Kindern profitieren sie: „Fast alle unserer Patientinnen und Patienten haben Mobbingerfahrung. Hier gelingt es ihnen gut, Gemeinsam- keiten zu finden und voneinander zu lernen.“ Die Logopädie hilft dabei, die richtige Sprache zu finden, um die eigene Schüchternheit abzulegen und sich mit anderen austauschen zu lernen. Bei der Musik- therapie gelingt es jungen Patienten, ihr Erlebtes auszudrücken. Ein wichtiger Teil jeder Therapie ist je- doch die Eltern-Arbeit. Ziel ist es, einerseits das Vertrauen der Eltern zu erlangen und andererseits, zu hohe Erwartungen zu minimieren. Dass ihre Arbeit erfolgreich ist, bekommen Primaria Noske und ihr Team immer wieder zu hören: „Manchmal erzählen uns mittlerweile erwachsene Patienten, bei denen die Behandlung eine große Herausforderung für das Team war, dass sie geheiratet und ein Kind be- kommen haben. Das gibt Hoffnung für die Zukunft.“ Das ist Ziel des Teams der Kinder- und Jugend- psychiatrie: eine Brücke zu bauen zwischen der Innenwelt und der Außenwelt eines Kindes.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020