IM GESPRÄCH

Der Schützer der Bäume

Umweltschutz-Urgestein Gerhard Heilingbrunner arbeitet ehrenamtlich an der Verwirklichung des Besucherzentrums für das UNESCO- Weltnaturerbe-Gebiet Dürrenstein.

Das Besondere am Wildnisgebiet Dürrenstein ist … dass dieser Wald noch nie seit der Eiszeit von Menschenhand beeinflusst worden ist. Hier können Kinder und Erwachsene lernen, was unberührte Natur ist – und das geht nur mehr im Urwald, denn alle anderen Wälder sind von Menschen gestaltete und bewirtschaftete Wälder. Dieser einzigartige Urwald ist ein Highlight an Schönheit. Wir verdanken es vor allem Viktoria Hasler vom Umweltministerium und Christoph Leditznig von der Schutzgebietsverwaltung, dass der Wald Weltnaturerbe wurde. Die beiden und viele andere Menschen haben jahrelang daran gearbeitet, bis die UNESCO ihn gemeinsam mit Hotspots in Rumänien zum Weltnaturerbe erklärt hat.


Ich liebe diese Landschaft, weil … ich dort den Großteil meiner Jugend verbracht habe. Gerade Lunz am See war damals unser Ausflugsgebiet, das wir mit dem „Schafkasexpress“ besucht haben.


In diesen Urwald hineinzugehen … ist ein echtes Erlebnis – das wir aber wirklich nur selten tun sollten, weil wir dort einfach nichts zu suchen haben. Wir wollen ja den Wald nicht be- schädigen und die Tiere nicht stören. Das heißt aber nicht, dass wir auf das Erlebnis verzich- ten müssen: Dieses Weltnaturerbe ist eingebettet in eine großartige Naturlandschaft, die von den Menschen betreten werden darf und kann – vom imposanten Dürrenstein bis zu den Ötschergräben.


Für das Besucherzentrum mache ich mich stark, weil … wir dort durch modernste Tech- nik vielen, vielen Menschen ermöglichen können, in den unberührten Urwald einzudringen und alles über ihn zu erfahren, ohne dass er belastet oder die Tiere gestört werden. Man kann die Flora und Fauna erleben, als wäre man wirklich dort und sieht Dinge, die man viel- leicht gar nicht wahrnimmt, wenn man durchgeht.


Ich engagiere mich ehrenamtlich für dieses Projekt … weil ich mich schon immer für Bäu- me und Wälder eingesetzt habe – von der Hainburger Au an bin ich da dabei. Früher war es der Kampf gegen den sauren Regen. Den haben wir mit Katalysatoren in den Autos gegen den Schwefeldioxid-Ausstoß gewonnen. Heute geht es um den Klimawandel mit all seinen Folgen für den Wald und die Bäume.


Bäume … sind mein Lebensthema, und das seit meiner Kindheit. Meine Tante Martha Sills- Fuchs, mit der ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, war Kelten-Forscherin, durch sie bin ich auf den keltischen Lebensbaumkreis gekommen, den es jetzt hier am Rande von Wien gibt.


„Himmel-Vater“ heiße ich, weil … der Lebensbaumkreis die Anschrift „Am Himmel“ hat. Das Grundstück hier an der Höhenstraße habe ich von der Katholischen Kirche gekauft. Die Kirche hat mir also den Himmel verkauft.


Für die Zukunft ist es wichtig, die Bäume zu schützen, weil … sie durch den Klimawan- del und daraus resultierende Bedrohungen vielfach gefährdet sind. Durch die klimatischen Änderungen wächst die Bedrohung durch Pilzkrankheiten. Der Klimawandel selbst lässt eini- ge Baumarten immer mehr in die Defensive geraten, wie etwa die Fichte, die ein Flachwurz- ler ist. Wir brauchen andere Bäume in unseren Wäldern, die mit der steigenden Temperatur besser zurechtkommen. Tannen zum Beispiel sind Tiefwurzler, die kommen in tieferen

Schichten an Wasser.

In 20 Jahren sehen unsere Wälder, die fast die halbe Landesfläche ausmachen, ganz anders aus. Wir müssen aber auch in den Dörfern und Städten mehr für die einzelnstehenden Bäu- me tun, für Alleebäume, für Solitärbäume auf Hügeln. Es kann nicht sein, dass diese alten

Riesen abgeschnitten werden, weil vielleicht ein Ast herunterfallen könnte. Damit tötet man jahrhundertalte Seelen!

Das ist mittlerweile sogar in Naturparks so, dass entlang der Wege auf 100 Meter rechts und links alles abgeschnitten wird. Hier müssen wir ganz dringend umdenken, weg von der Voll- kasko-Mentalität hin zu einem echten, tiefen Respekt vor der Natur.


Riki Ritter-Börner

Foto: ZVG

Zur Person


Gerhard Heilingbrunner, Ju- rist, Gastronom und Umwelt- aktivist, aufgewachsen im südlichen Waldviertel, initiier- te 1984 als Leiter des Alter- nativ-Referates der Österrei- chischen Hochschülerschaft gemeinsam mit den Journa- listen Günther Nenning, Jörg Mauthe und anderen die Hainburger Aubesetzung zur Rettung der Donauauen und das sogenannte Konrad-Lo- renz-Volksbegehren, dessen Zustellungsbevollmächtigter er war. 1987 bis 1991 arbei- tete er im Kabinett von Um- weltministerin Marilies Flem- ming. 1992 wurde Heiling- brunner (ehrenamtlicher) Präsident des Umweltdach- verbandes, der sich als über- parteiliche Plattform für 38 Umwelt- und Naturschutzor- ganisationen bzw. alpine Ver- eine aus ganz Österreich mit rund 1,3 Millionen Mitglie- dern versteht. Zu seinen Er- folgen zählen unter anderem die Verwirklichung des Natio- nalparks Gesäuse, der Kampf gegen die Privatisie- rung der Wasserver- und - entsorgung sowie die Ver- wirklichung des Biosphären- parks Wienerwald.

Heilingbrunner ist Mitbegrün- der und Präsident des „Kura- torium Wald“. 1997 erwarb das Kuratorium große Teile des Areals „Am Himmel“ und schuf dort den „Lebens- baumkreis“. Er betreibt seit 2000 das Café-Restaurant „Oktogon“ am Himmel und ist Weinbauer.

Quelle:

www.geschichtewiki.wien.g- v.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2019