Neurochirurgie

Am intraoperativen MRT kann man während

einer Operation am narkotisierten Patienten eine

Magnetresnanz-tomographie durchführen.

Die Neurochirurgie ist eine

anspruchsvolle Disziplin

mit groSSen

Herausforderungen

Das neurochirurgische OP-Team entfernt einen Tumor der Hirnhäute.


LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf: „Niederöster- reich steht für Spitzenmedizin in allen Regionen und Spitzenpersonal, das hochkomplex und hoch- spezialisiert arbeitet und operiert. Unsere Mitar- beiterinnen und Mitarbeiter erbringen täglich Höchstleistungen, für die Gesundheit der Patien- tinnen und Patienten.“

Modernste Technik und Geräte in den Operations- sälen im Universitätsklinikum St. Pölten

Spitzenmedizin gepaart mit Hightech und Herz: Das ist Primarius Camillo

Sherif wichtig.

fotoS: katharina gossow, istockphoto/ NSA Digital Archive

Jeder Millimeter zählt

Tumoren, Blutungen oder Lähmungen:

Neurochirurginnen und -chirurgen helfen in Extremsituationen – und nutzen dafür Hightech-Methoden.

Ein Tumor der Hirnhäute. Fünf Zentimeter groß. Der Patient wird im Universitätsklinikum St. Pölten operiert. Die Schwierigkeit dabei ist, dass blutableitende Gefäße involviert sind – diese dürfen nicht verletzt werden. Vor der OP wird der Kopf so gelagert, dass er nicht verrutschen kann. Der Patient ist bereits in Vollnarkose. Der erfahrene Neurochir- urg schneidet zu Beginn die Kopfhaut ein und hebt dann die Dura (harte Hirnhaut) hoch. Rund um das Gehirn legt er Wattetupfer, um es zu schützen. An jedem Tupfer hängt ein schwarzer Faden, damit er beim Entfernen keinen übersieht. Ein großes Mi- kroskop wird auf die Öffnung gerichtet und zeigt das Hirn in bis zu 40-facher Vergröße- rung. Der Arzt entfernt alle Zellen, die er als Tumorzellen erkennen kann – im Gegen- satz zu normalem Gewebe erscheinen sie gräulicher, härter und bluten leichter. Das macht er mittels Koagulation, einer Technik, bei der er mit hochfrequentem Wechsel- strom den Tumor gezielt schädigt bzw. verbrennt. Stück für Stück. Die Operation wird einige Stunden dauern. Ob der Tumor gut- oder bösartig ist, weiß man zu diesem Zeit- punkt noch nicht – das Ergebnis der Gewebsbekundung liegt erst in einigen Tagen vor.


Breites Spektrum

Eine Operation am Gehirn, der Schaltzentrale unseres Körpers, ist risikoreich. Jeder Handgriff muss sitzen. „Jeder Millimeter zählt“, sagt Prim. Assoc. Prof. PD Dr. Camillo Sherif, der Leiter der klinischen Abteilung für Neurochirurgie am Universitätsklinikum St. Pölten.

Die Neurochirurgie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Neurologie und Chirurgie. Dieses medizinische Fachgebiet befasst sich mit Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen des zentralen und des peripheren Nervensystems und ihrer umgebenden Strukturen. Entsprechend gehören folgende Erkrankungen zum Behandlungsspektrum:

Bandscheibenvorfälle, Epilepsie, Gefäßverschlüsse im Gehirn, Hirnblutungen, Hirntumoren, Hydrocephalus (Altershirndruck, Hirndruck), Schädel-Hirn-Trauma etc. Im Gegensatz zur Arbeit einer Allgemeinchirurgin oder eines Allgemeinchirurgen sind neurochirurgische Operationen meist auf kleinere Bereiche begrenzt und häufig sogar nur mikrochirurgisch (also minimalinvasiv unter Zuhilfenahme eines Mikroskops).

Fundierte Kenntnisse der Neuroanatomie, der Neuropathologie und des menschlichen Nervensystems sind Voraussetzung, denn die Strukturen und Funktionen von Gehirn und Rückenmark und ihre Erkrankungen sind komplex. Es ist eine anspruchsvol- le Disziplin mit großen Herausforderungen, weiß Camillo Sherif: „Man braucht mikrochirurgische manuelle Fertigkeiten.“ Doch bei Eingriffen zählen nicht nur das handwerkliche Geschick, sondern auch die intellektuelle und mentale Stärke. Denn man muss auch unter Belastung überlegt handeln, um bei Operationen irreversible Fehler zu vermeiden. Kurz zusammengefasst: Die Neu- rochirurgie ist kein Fach für schwache Nerven.


Extremsituationen

Camillo Sherif hat sich für die Neurochirurgie entschieden, um Menschen in Extremsituationen helfen zu können – sei es bei Tu- moren, Blutungen oder Lähmungen. Nach beruflichen Stationen im AKH Wien, im Kantonsspital Aarau in der Schweiz und an der Wiener Rudolfstiftung zog es ihn im Vorjahr ins Universitätsklinikum St. Pölten. Was war ausschlaggebend für den Wechsel? „Die tollen Möglichkeiten, die das Haus bietet, etwa der Hybrid-Operationssaal, in dem man endovaskuläre Operationen, also das Innere eines Gefäßes betreffend, durchführen kann, genauso wie normale Eingriffe.“

Eine Besonderheit im Klinikum ist das intraoperative MRT: „Hier können wir beispielsweise während einer Operation am narkoti- sierten Patienten eine Magnetresonanztomographie machen, um zu kontrollieren, ob der Tumor vollständig entfernt wurde“, er- klärt der 44-Jährige. Mit dieser Methode kann man die Resektion von Hirntumoren bzw. auch Tumorerkrankungen an der Schä- delbasis noch effizienter und sicherer durchführen. Alle Operationssäle sind mit der modernsten Technik- und Gerätegeneration ausgestattet.


Hightech als Routine

Die Neurochirurgie hatte stets einen hohen apparativen und instrumententechnischen Anspruch, um das Eingriffsrisiko zu mini- mieren und die Patientensicherheit so hoch wie möglich zu halten. Wichtige Impulse zur medizinischen, technischen und chirur- gischen Weiterentwicklung sind von diesem Fachgebiet ausgegangen, wie zum Beispiel der Einsatz von Navigationssystemen bei chirurgischen Eingriffen, mikrochirurgische Techniken, miniaturisierte Endoskope und das Neuromonitoring zur Überwa- chung von Nervenfunktionen und Rückenmarksbahnen während der Operation. Beeindruckend ist auch die Weiterentwicklung der Endoskopie in eine dreidimensionale Visualisierung, sodass das OP-Team über 3D-Brillen das Monitorbild räumlich auflösen kann.

Auch die Behandlung von chronischen Schmerzen ist ein wichtiger Teil des Fachs. Bei Tumorpatientinnen und -patienten wer- den mit Kathetern Analgetika direkt in den Spinalkanal oder in das Ventrikelsystem geleitet – dort wirken die Medikamente bis zu tausendmal stärker als oral. Hinzu kommen Verfahren wie die Neuromodulation, bei der Hirnregionen mit Stromstößen gezielt be- einflusst werden. Die Neurochirurginnen und -chirurgen nutzen verschiedene Hightech-Methoden, von denen viele mittlerweile Standard sind.


Gemeinsam

Seit seinem Studium habe sich viel in der Neurochirurgie getan, weiß Camillo Sherif – es sei ein Fach, das sich stetig weiterent- wickelt. Seinen Einstieg als Abteilungsleiter im März des Vorjahres bezeichnet der erfahrene Neurochirurg als „unkonventionell“ – es war mitten im ersten Lockdown. Großer Dank gilt seinem versierten Team, mit dem die Abteilung gut durch die Krise ge- kommen sei. Das Gemeinsame ist ihm wichtig: „Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei: Behandlungs- und Operationsmethoden – alles ist komplexer geworden. Man braucht viele Berufsgruppen, die einander ergänzen.“ In vielen fachlichen Bereichen wird ko- operiert: In der Hirntumorchirurgie inkl. Schädelbasischirurgie etwa mit der Neurologie, der Radiologie, der Pathologie im Haus und der Strahlentherapie im Universitätsklinikum Krems. Ein weiteres großes Thema ist die zunehmende minimale Invasivität der Eingriffe, wo sich vor allem im Bereich der Wirbelsäulenchirurgie neue Operationstechniken der Schlüssellochchirurgie entwickeln.


Dynamisches Fach

Als nächstes Leuchtturmprojekt bezeichnet Sherif die Implementierung von Operationen am wachen Menschen – diese Methode sei beispielsweise geeig- net, um einen Gehirntumor im Bereich der Sprachregion zu entfernen, erklärt er: „Die Patientin, der Patient wird während der OP aufgeweckt, damit wir kontrollie- ren können, dass keine Defizite wie Lähmungen oder Sprachverlust bleiben.“ Als weiteren Meilenstein der medizinischen Entwicklung sieht der Primarius die künstliche Intelligenz – es sei allerdings noch ein weiter Weg von der Vision zur Umsetzung. „Es geht hier um Individualisierung der Medizin, um individuelle Ri- sikoprognosen: Welches Aneurysma wird platzen? Welcher Tumor wird bösartig und welcher nicht?“ Darin sieht er einen großen künftigen Forschungsschwer- punkt. Ein dynamisches Fach und Menschen mit Visionen – eine Kombination, die noch vieles ermöglichen wird.


Spitzenmedizin mit Herz

Neben all dem Hightech darf man aber eines nicht vergessen, sagt der Abteilungsleiter: „Die Patientinnen und Patienten sollen sich auch menschlich bei uns geborgen fühlen. Sie kom- men mit schweren Erkrankungen oder Ein- schränkungen zu uns, sind in einer Ausnahme- situation. Hier gilt es einfühlsam und umsichtig zu sein.“ Spitzenmedizin mit Herz lautet die Devise. Camillo Sherif ist stolz auf sein kompe- tentes und gut eingespieltes Team. Jede Ärz- tin, jeder Arzt hat seinen Bereich, auf den sie/er spezialisiert ist, denn das Spektrum der Erkrankungen ist groß.


karin schrammel

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021