reiseapotheke



Wer sich gegen Reisedurchfall rüsten möchte, für den sind Kohletabletten die erste Wahl.

Immer ratsam, das gilt auch hierzulande, ist die

Hepatitis-A-Impfung.  Mit Hepatitis A kann man

sich sogar über das Essen und

Trinkwasser infizieren.

FotoS: zvg, Istockphoto/ CentralITAlliance, Istockphoto: Mukhina1, Antagain, epantha, stockphoto: Bebenjy, Tero

Vesalainen

Ich packe meinen Koffer …

Nach Monaten des Lockdowns werden viele diesen Sommer wieder verreisen. GESUND & LEBEN verrät, was in Ihrer Reiseapotheke nicht fehlen darf.

Urlaub ist nicht gleich Urlaub. Die einen verbringen ihren Sommer auf Balkonien, andere treibt es mit dem Drahtesel quer durch Österreich, während die Dritten vom Rucksack-Abenteuer in Südostasien träumen. „Es kommt immer auf die Gegebenheiten an, auf die ich treffe und welchen Zugang ich zu medizinischer Versorgung und Apotheken habe. Danach muss ich entscheiden, was ich an Medikamenten und Erste-Hilfe-Material mitnehmen sollte und was ich gut und gerne daheimlassen kann“, bringt es Apo- thekerin Mag. pharm. Sabine Hofians auf den Punkt.


„Must-have“: Schmerzmittel

Ein absolutes Muss ist ein gutes Schmerzmittel, das sich in beinahe jeder medizinischen Krisensituation als hilfreich erweisen kann. Das Nonplusultra ist Ibuprofen, das sich sogar auf der Liste der sogenannten „unentbehrlichen Arzneimittel“ der WHO wie- derfindet. „Ibuprofen ist ursprünglich als Antirheumatikum entwickelt worden und hilft daher ideal bei Glieder-, Gelenks- und Rü- ckenschmerzen. Es wird aber gegen alle Formen von Schmerzen eingesetzt, ganz gleich, ob das die Zähne, den Kopf, die Oh- ren, den Hals, Verstauchungen, offene Wunden, Bauchkrämpfe oder sonstiges betrifft. Sogar wenn ich nur einen Tag in den Ber- gen wandern bin, habe ich es mit. Es genügt, bloß umzuknöcheln, und schon kann es mir helfen, zumindest nach Hause zu kom- men“, sagt Hofians. Außerdem wirkt Ibuprofen fiebersenkend und entzündungshemmend. Während Erwachsene das Schmerzmit- tel in Tablettenform rezeptfrei in der Apotheke erhalten, gibt es für Babys und Kinder einen Saft oder Zäpfchen mit dem gleichen Wirkstoff. Sie sind jedoch verschreibungspflichtig und verlangen eine Konsultation bei der Kinderärztin, beim Kinderarzt.

Für Schwangere ab Mitte des zweiten Trimesters sowie für Personen, die einen empfindlichen Magen-Darm-Trakt haben oder gar zu Magengeschwüren und -blutungen neigen, ist Paracetamol die erste Wahl. Zwar nicht entzündungshemmend, hilft es im Akut- fall zumindest vorläufig, Schmerzen erträglicher zu machen und eventuelles Fieber zu senken. „Wichtig ist natürlich immer, die vorgeschriebene Maximaldosis einzuhalten. Sollte man sich trotz Schmerzmittel nach zwei, drei Tagen nicht massiv besser fühlen, muss man auch im Urlaub eine Ärztin, einen Arzt aufsuchen“, macht es Sabine Hofians deutlich.


Urlaub in den Bergen

Die erfahrene Pharmazeutin fühlt sich den Bergen sehr verbunden und weiß daher genau, was in einen Wanderrucksack noch gehört, neben Jause und Ersatzkleidung: Pflaster, Desinfekti- onsmittel für Wunden und kühlendes Sportgel gegen Schmerzen: „Ich habe außerdem immer Kniebandagen mit, weil ich beim Bergabgehen empfindlich reagiere und mir schnell einmal die Knie weh tun. Wenn man weiß, dass man eine körperliche Schwachstelle hat, dann muss man sich genau für diese wappnen.“

Personen, die zu Wadenkrämpfen neigen, sollten sich noch Magnesium für unterwegs einpa- cken. Zuletzt darf man die UV-Strahlen im Gebirge nicht unterschätzen. Selbst wenn sich der Himmel bedeckt zeigt, strahlt die Sonne um ein Zigfaches stärker als im Tal. Am besten man steckt einen handlichen UV-Schutzstift mit Lichtschutzfaktor 50+ ein, mit dem man gezielt ex- ponierte Stellen, wie Stirn oder Nase, vor schädlichen Strahlen schützt.


Radlerinnen und radler, aufgepasst!

Wer den Wanderrucksack gegen die Radtasche tauscht, sollte sein Erste-Hilfe-Paket noch um ein, zwei Dinge ergänzen. Dabei sollte man vor allem an Gesäß und Oberschenkel denken. Die Oberschenkelinnenseiten, der Po und die Leistengegend sind schnell vom klassischen Wund- scheuern betroffen. Leichtes Anschwellen, Juckreiz oder Hautrötungen sind erste Anzeichen. „Dann sollte man rasch eine spezielle Wundsalbe verwenden. Weiß man, dass man zu einem Wolf – wie die Sache im Volksmund genannt wird – neigt, dann sollte man sich bereits vorbeu- gend eincremen“, sagt Hofians.

Statt Sonnenlotion oder -creme sollte man bei sportlicher Betätigung ein Sonnen-Gel verwen- den, das beim Schwitzen nicht verläuft. Hat man vor, sich beim Radeln körperlich zu verausga- ben, schützen Elektrolytlösungen und ein Päckchen Traubenzucker vor einem ungewollten En- ergieeinbruch. Sie können einen übrigens auch nach einem Sonnenstich oder Hitzeschlag zu

erneuter Kraft verhelfen.


Gute Sonne, böse Sonne

Klar, wir alle lieben die Sonne. Aber: Sie kann auch sehr schaden. Erste Anzeichen eines Sonnenstichs sind Kopf- und Nackenschmerzen, ein roter, heißer Kopf, Schwindel- und Schwächeanfälle, Übelkeit und in starken Fällen Erbrechen sowie Fieber. Hofians: „Ein Medikament dagegen gibt es nicht. Damit der Sonnenstich nicht zur Gesundheitsbedrohung wird, muss man sofort aus der Sonne raus und für ein paar Tage drinnen bleiben. Ab ins Kühle, Beine hochlagern, ausreichend trinken und kühlen. Am besten ein nasses Tuch oder ein Coolpack in den Nacken legen. Für unterwegs kann man sich eine Kälte-Sofort-Kompresse besorgen, die man mit nur einmal Knicken zum Erkalten bringt. Sie kann eben- so nützlich bei der Behandlung diverser Verletzun- gen sein.“

Weniger akut als ein Sonnenstich, dennoch unange- nehm, kann ein Sonnenbrand sein. Trotz Eincremen mit einem Lichtschutzfaktor ist man nicht davor ge- feit, doch einmal zu heiß von der Sonne geküsst zu werden. Vor allem hellhäutige Personen sollten sich vor dem Urlaub mit SOS-Sprays oder Aloe-vera-Gels ausstatten, um den Heilprozess eines frischen Son- nenbrandes zu beschleunigen.


Vorsicht vor Insektenstichen!

Mücken, Moskitos, Bienen, Wespen und ähnliches

Getier mit fiesen Stechapparaten lauern beim Heimaturlaub in Österreich ebenso wie in Überseegebieten. Ein guter Insektenspray sorgt für einen Allroundschutz. Wem der Spraygeruch zu chemisch erscheint, entscheidet sich besser für ein Insek- ten-Armband, das die Krabbel- und Flugtierchen fernhält. Für Babys und Kleinkin- der gibt es spezielle Angebote: Am besten lässt man sich von einer Kinderärztin, ei- nem Kinderarzt oder in der Apotheke beraten, damit es nicht zu Hautreizungen kommt. „Ist man mit Kindern unterwegs, schadet es nicht, ein kühlendes Gel gegen Insektenstiche dabei zu haben. Das nimmt den ersten Schmerz. Besonders Acht geben müssen Personen, die wissentlich allergisch auf Insektenstiche reagieren. Sie benötigen unbedingt einen verschreibungspflichtigen EpiPen, den sie immer da- beihaben sollten. Der Pen ist für die Einmalinjektion in den Muskel gedacht und ent- hält Adrenalin. Bei Menschen mit einer Allergie kann er über Leben und Tod ent- scheiden“, sagt Hofians.

Allergikerinnen und Allergiker jeglicher Art, egal, ob bei ihnen Insektengift, Nüsse oder Pollen Asthmaanfälle oder anaphylaktische Schocks auslösen, müssen sich mit

adäquaten Medikamenten bewaffnen. Das gilt für zu Hause ebenso wie für unterwegs. Ge- nerell sollte man vor Reiseantritt ein paar Wochen Buch darüber führen, welche Arzneimittel und Sanitätsartikel man im Alltag häufig benötigt, denn genau die sind es, auf die man un- terwegs nicht verzichten will. Besonders wichtig sind jene, die regelmäßig eingenommen werden müssen, beispielsweise Blutdrucksenker, Blutverdünner, Insulin oder Schilddrüsen- medikamente. Viele Arzneimittel sind verschreibungspflichtig, man sollte daher rechtzeitig für Vorrat sorgen, damit im Urlaub nicht die Ration zu Ende geht.


Hilfe im Notfall?

Im absoluten Notfall bekommt man fast immer und überall fast jedes Medikament und erhält fast immer erstklassige medizinische Hilfe. Es kann nur anstrengend und teuer werden, macht Apothekerin Hofians deutlich: „Es kann sein, dass ich im Ausland mühevoll meine Ärztin, meinen Arzt konsultieren muss, um das Rezept für ein verschreibungspflichtiges Me- dikament zu erhalten. In einer ausländischen Apotheke kann es dauern, bis man dort die passende Arznei gefunden hat, da die Hersteller und Produktnamen in anderen Ländern an- dere sind. Außerdem muss man das Medikament privat bezahlen und weiß nicht, ob man den Wert von der Krankenkasse zurückbekommt. Ebenso kann es sein, dass das Geld für die medizinische Versorgung nicht rückerstattet wird.“ Hinzu kommt die Sprachbarriere, die eine Notfallsituation zusätzlich erschwert.


Akut & unangenehm

Nicht lang fackeln will man, wenn Erbrechen oder Durchfall auftreten. Personen, die zum ersten Mal eine Schiffsreise antreten oder wissen, dass ihnen während Autofahrten oder Flugreisen leicht übel wird, können aus einer Vielzahl an vorbeugenden Mitteln wählen. Tra- vel-Lollipops, Travel-Gums, Ingwer-Kaudragees und Akkupressurbänder, die den Brechreiz unterbinden, gibt es für Erwachsene, Schwangere und Kinder.  Wer sich wiederum gegen Reisedurchfall, der etwa durch verunreinigtes Trinkwasser oder exotische Speisen verur- sacht wird, rüsten möchte, für den sind Kohletabletten die erste Wahl. „Sie können von jeder Personengruppe eingenommen werden und haben keine Nebenwirkungen. Sie absorbieren

Schadstoffe, saugen Bakterien quasi wie ein Schwamm auf und binden die Flüssigkeit im Darm“, erklärt Hofians. Wer lange Bus- Rundreisen plant, der sollte sich besser mit etwas Härterem ausstatten, denn lang auf eine Toilette warten, kann und will man in solch einer Lage nicht. Durchfallmedikamente, die akut Abhilfe schaffen, legen jedoch den Darm lahm, überschüssige Flüssigkeit und pathogene Bakterien bleiben dort liegen, sagt Hofians: „Diese Arzneimittel sind nur für die kurzfristige Anwendung gedacht. Am besten man sucht zeitnah eine Ärztin, einen Arzt auf, sollte der Durchfall nicht rasch besser werden.“


Gut durchblutet reisen

Lange Bus- und Zugfahrten sowie Auto- und Flugreisen belasten die Venen, andauerndes Sitzen erhöht das Thromboserisiko. Wer sichergehen möchte, dass es nicht zu gesundheitlichen Problemen kommt, sollte seine Hausärztin, seinen Hausarzt konsul- tieren, denn bei einer vorbeugenden Thromboseprophylaxe handelt es sich um verschreibungspflichtige Einweginjektionen. „Man erhält im Normalfall ein Paket, bestehend aus zwei Spritzen, die subkutan unter die Haut zu setzen sind. Eine Injektion gibt man sich zu Hause, kurz vor Reiseantritt, die andere packt man in den Koffer und verwendet sie für die Rückreise. Wie man bei Bus- Rundreisen vorgeht, sollte man detaillierter mit seiner Ärztin, seinem Arzt besprechen“, sagt Hofians. Weiters können Stützstrümp- fe aus dem Sanitätsfachgeschäft die Durchblutung unterstützen.


Fernweh

Urlauberinnen und Urlauber, die es in fremde Kontinente zieht, sollten sich bereits Wochen vor Reiseantritt intensiv mit der Vorbe- reitung ihrer Reiseapotheke auseinandersetzen. Malaria, Wurmbefall des Darmes, Japanische Enzephalitis und sogar Cholera sind Krankheiten, über die wir uns in Europa keine Gedanken machen müssen. Wer Abenteuerreisen plant, muss sich rechtzeitig informieren, seinen Impfpass kontrollieren und über eine mögliche Krankheitsprophylaxe nachdenken. Viele Arzneimittel sind ver- schreibungspflichtig, nicht vorrätig und müssen bestellt werden. Impfungen benötigen Extravorplanzeit und sensible Beratung. „Immer ratsam, das gilt auch hierzulande, ist die Hepatitis-A-Impfung. Mit Hepatitis A kann ich mich sogar über das Essen und Trinkwasser infizieren“, sagt die Pharmazeutin.

Es gibt viele Gebiete der Erde, in denen die Qualität der medizinischen Versorgung nicht ansatzweise mit jener in Österreich zu vergleichen ist. Daher: Planen Sie vor für eine gute Reise!


Lisa Strebinger

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021