IM GESPRÄCH

„Sehr speziell, heraus- fordernd und wunder- schön“

FotoS:  istockphoto/fotostorm, zvg

GESUND&LEBEN befragt zwei Fachleute über die Chancen und Herausforderungen in den Pflegeberufen. Das Ergebnis: Es ist ein vielfältiger Beruf mit vielen Vorteilen.

Das Image der Pflege verändert sich – warum? Und wie wirkt sich das aus?

Thomas Mörth, BSCN, Direktor GuKG Baden: Das Pflegeverständnis und das berufliche Selbstverständnis haben sich deutlich verändert. Pflege ist heute ein hochprofessioneller Beruf mit hoher fachlicher Expertise, aber auch mit hoher sozialer und persönlicher Kompetenz. Pflege ist nicht Arzt-Assistenz. Im Mittelpunkt steht der pflegebedürftige Mensch mit seinem subjektiven Erleben und seinen Einschränkungen. Durch die Novelle zum Gesundheits- und Krankenpflegegesetz 2016 hat der Gehobene Dienst (drei Jahre Ausbildung) mehr Kompetenzen bekommen, um die Ärzte entlasten zu können.

Auch die Pflegeassistenz (PA, ein Jahr Ausbildung) hat mehr Kompetenzen als die frühere Pflegehilfe. Der neue Beruf der Pflegefachassistenz (PFA, zwei Jahre Ausbildung) wird künf- tig sehr gefragt sein. Im Vorjahr sind die ersten PFA fertig geworden. Jetzt geht es darum, sie in den verschiedenen Arbeitsplätzen zu integrieren. Noch fehlen im Gesetz für die Assis- tenzberufe die genauen Definitionen der Aufgabenbereiche. Wir haben auch noch keine Curricula, sondern nur die Inhalte für die Ausbildungen.

Mag. Adelheid Schönthaler, BSc, Studiengangsleitung Advanced Nursing Practice: Die Ge- setzesnovelle 2016 bringt die Ausbildung für den Gehobenen Dienst in die Fachhochschu- len. Diese Akademisierung der Ausbildung ist für die Zukunft der Pflege sehr wichtig, weil die Herausforderungen in der Praxis zunehmen und immer mehr Wissen gefragt ist. Die Ge- sundheitspflege steht jetzt neben der Krankenpflege mehr im Blickpunkt: Künftig wird es wichtiger, Krankheit zu vermeiden und Gesundheit zu fördern. Das ist ein Imagewandel, der noch mehr in den Fokus kommen wird.


Der Bedarf an Pflegekräften steigt. Das ist nicht nur, weil wir älter werden, oder?

Mörth: Dafür gibt es viele Faktoren: Die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt ins Pensi- onsalter und müssen in 15 bis 20 Jahren gepflegt werden. Laut WIFO brauchen bis 2030 um 39 Prozent mehr Menschen Pflege, bis 2050 ist der Bedarf sogar um 127 Prozent höher! Dazu kommen die steigende Berufstätigkeit der Frauen, die damit in der häuslichen Pflege nicht mehr zur Verfügung stehen, und das Zunehmen der dementiellen Erkrankungen mit sehr hohem Pflegebedarf. Außerdem steigen die Zahlen der ambulanten und extramuralen Behandlungen und es gibt laufend neue Entwicklungen in der Medizin, Medizintechnik und Pflegewissenschaft. Damit steigen die Ansprüche an die Kompetenzen von Pflegenden und der Bedarf an eigenverantwortlich geleisteter Pflegearbeit.

Schönthaler: Auch die Zahl der hochaltrigen Patienten steigt. Und die Zahl der chronisch Kranken – diese Menschen müssen zum Beispiel noch im Klinikum befähigt werden, mit Er- krankungen wie Diabetes oder Asthma zu Hause leben zu können. Deshalb wird es immer wichtiger, dass die Pflegekräfte auch im Fokus haben, Menschen zu befähigen, mit einer Er- krankung zu Hause leben zu können. Sonst wird es zum sogenannten Drehtür-Effekt kom- men - dass nämlich aus dem Klinikum Entlassene bald wieder im Klinikum landen. Wir brau- chen also Menschen in der Pflege, die komplexe Probleme und neue Themen (wie den Ge- sundheits- und Präventionsaspekt) gut bewältigen können und die interdisziplinär Mittlerin- nen sind, Veränderungsprozesse in Versorgungseinrichtungen anstoßen und Prozesse opti- mieren können. Dafür brauchen sie eine sehr gute Ausbildung, und die ist durch die Akade- misierung der Pflege gewährleistet.


Welche Chancen bringen denn die neuen Berufsbilder in der Pflege?

Schönthaler: Wir brauchen alle Berufsbilder – die große Masse der Assistenzberufe, den ge- hobenen Dienst und die Spezialisierten, wie gerade gezeigt. Ob für die Prozessoptimierung oder für die Forschung in der Pflege, die jetzt auch bei uns immer mehr ein Thema wird, was sehr wichtig ist. Zum Beispiel um gute Wege zu haben, wie man die drei Berufsgruppen gut integriert in den Abteilungen. Oder wie man die Interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Woh- le der Patienten verbessert. Es ist eine große Entwicklungschance für die Pflege, wenn wir Angebote schaffen, die die Lebensqualität der Patienten verbessern.

Mörth: Vielen jungen Leuten ist es heute wichtig, eine herausfordernde, sinnvolle Aufgabe zu haben. Sie suchen selbstbestimmtes Arbeiten und freie Entfaltung. Das kann die Pflege bie- ten, denn im Kernkompetenzbereich kann man sehr selbstständig arbeiten. Pflegeberufe bieten gute Karrierechancen – in der fachlichen Weiterentwicklung oder in Richtung Führung gibt es zahlreiche Möglichkeiten.


Die Änderungen in der Ausbildung bereiten junge Menschen also gut auf ein geänder- tes Arbeitsumfeld vor?

Mörth: Der Diplomlehrgang PFA beispielsweise bringt heute nicht mehr den klassischen Fä- cherkanon, sondern eine ganzheitliche Ausbildung nach Themenfelder. Im Vordergrund steht die Handlungskompetenz. Sehr schön bei den Assistenzberufen ist, dass verstärkt drauf geachtet wird, dass Theorie und Praxis Hand in Hand gelehrt werden. Wir trainieren also in den Schulen am sogenannten 3. Lernort die Praxis, und zwar nach dem Wissens- stand der Pflegewissenschaft. Pflegepädagogen machen mit den Auszubildenden in Kleinst- gruppen Praxistraining mit der Praxisanleitung, um das in der Theorie Gelernte durch prakti- sches Tun zu festigen und damit schon in der Schule mehr Handlungskompetenz zu erwer- ben (statt erst am Krankenbett). Unsere Auszubildenden haben Praktika in unterschiedlichen Settings wie der Akutpflege, der Langzeitpflege, dem

extramuralen Bereich oder im Palliativbereich.


Pflege als Beruf – wie steht es um die Zukunftssicherheit und die Entwicklungschan- cen?

Mörth: In allen Bereichen ist eine Karriere möglich, der Bedarf steigt, man kann sich fach- spezifisch qualifizieren oder Führungsaufgaben übernehmen, es ist eine Aufgabe, die auch Spaß macht und es gibt eine solide Bezahlung. Man kann sich die Freizeit regeln, es gibt Teilzeit-Möglichkeit – und einen sicheren Arbeitsplatz.

Schönthaler: Der Beruf ist durchlässig geworden – ich kann als Pflegekraft bis zum PhD, dem Doktorat, gehen. Wir arbeiten heute auf Augenhöhe mit den Ärztinnen und Ärzten. Pfle- ge ist so viel mehr als Essen eingeben und Körperpflege, weil es die unterschiedlichsten Aufgaben, Funktionen und Positionen gibt, in denen man arbeiten kann. Es ist ein Beruf für alle Lebenslagen. Ich bin seit fast 40 Jahren Pflegekraft mit Leib und Seele. Es ist ein verant- wortungsvoller Beruf mit hoher Methoden-Kompetenz, in dem auch soziale und persönliche Fähigkeiten gefragt sind. Sehr speziell, herausfordernd und wunderschön. Ich kenne keinen zweiten Beruf, der so vielfältig ist.


Riki Ritter-Börner

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 06/2019