Krebs

fotoS: r. nowak, istockphoto/ mustafahacalaki

Mit Swing gegen den Krebs

Wolfgang Gassner hat auf ganz eigene Art den Lymphdrüsenkrebs überstanden:

Mit Jazz-Musik swingte er sich durch acht Chemos.

Dr. Wolfgang Gassner ist Salzburger, 87 Jahre, pensionierter Anwalt und lebt nach dem Tod seiner Frau wieder in einer Part- nerschaft. Schon immer geht er mit viel Witz durch das Leben und erkundet die Welt mit „beswingtem“ Schritt. Denn Wolf- gang Gasser ist beherzter Jazz-Fan. Und diese Leidenschaft sei dafür verantwortlich, sagt er mit großer Überzeugung, dass er heute noch auf der Welt ist.

Im Oktober 2016 wird bei Gassner Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert, genauer: ein Non-Hodgkin-Lymphom. „Ich hatte ein ei- genartiges Gewächs an meiner Lippe und ging deshalb zu meiner Hausärztin“, erzählt er. „Nach einer Gewebeprobe war die Diagnose schnell und eindeutig gestellt.“ Die Nachricht habe er „recht gut“ aufgenommen, meint aber mit Augenzwinkern: „Naja, gefreut hab ich mich nicht drüber. Aber ich wusste von Anfang an: Ich besiege diese Krankheit. Ich sterbe nicht dar- an.“ Diese positive Einstellung ist unter herkömmlichen Umständen bereits bemerkenswert, im Fall von Gassner aber zieht man einmal mehr den Hut: „Die Diagnose galt angesichts meines schwachen Herzens, das von einer Infektion mit Borrelien herrührt, als Todesurteil. Die Prognose war also schlecht.“ Aber: „Mein Lebenswille war ungebrochen gut.“ Also willigt Gass- ner in eine Chemo-Behandlung ein – auch aufgrund der guten Zusammenarbeit und Beratung des behandelnden Kardiolo- gen und Onkologen.


Sport tut gut

Am Ende sollten es ganze acht Chemo-Behandlungen werden, die sich über rund ein Jahr erstreckten. „Ich habe sie alle gut vertragen, konnte relativ normal weiterleben“, erinnert sich Gassner. „Nur bei der letzten Behandlung gab es ein paar Proble- me, ich musste zum Beispiel erbrechen. Aber ich bin dankbar, dass diese Zeit nicht schlimmer war.“ Wie wichtig es ist, schon frühzeitig seinem Körper, aber auch seiner Seele etwas Gutes zu tun, um in dunklen Zeiten von der Finsternis nicht verschluckt zu werden, beweist der ehemalige Anwalt ebenfalls: „Ich war immer schon ein sportlicher Typ. Ich war leiden- schaftlicher Tiefseetaucher und Schwimmer. Ich habe die Welt bereist, viel Neues kennengelernt. Und: Bis heute bin ich be- geisterter Radfahrer. Während der Chemo-Zeit konnte ich fast bis zum Schluss mit dem Rad durch die Stadt fahren.“

Das lag aber nicht nur an seiner ohnehin guten körperlichen Verfassung, ist der Pensionist überzeugt: „Dass ich die acht Chemos geschafft habe und heute als geheilt gelte, habe ich neben der medizinischen Kunst auch der Jazz-Kunst und mei- nem positiven Denken zuzuschreiben.“ Sein Lebenselixier hat schon immer Jazz geheißen, erinnert sich Gassner: „Als Schul- bub in Salzburg war ich unmittelbar nach dem Weltkrieg mit amerikanischer Kultur und dem Lifestyle eng in Kontakt gekom- men. Meine Familie lebte mit US-Soldaten unter einem Dach. Die Musik von Frank Sinatra, Doris Day, Nat King Cole, Chet Baker ist mir damals in Herz und Blut übergegangen.“


Nie aus dem Takt gekommen

Als Student lernte er Fatty George kennen, Österreichs Genie auf der Jazzklarinette. „Jazz ist die beste Möglichkeit der freien Ausdrucksweise“, schwärmt er. „Mit dieser Lebensmusik swingte ich mich durch die acht Chemos, habe sie während der Be- handlung immer gehört.“ Jazz-Musik habe er am Handy immer dabei, lacht Gassner, auch damals im Krankenhaus. „Die Mu- sik ließ mich meine lebensbedrohliche Krankheit vergessen. Ich konnte lachen und Spaß machen.“

Das mag für das behandelnde Personal vielleicht wie Galgenhumor gewirkt haben, gibt er zu, aber: „Meine positive Art steckte an, auch die Krankenpflegekräfte. Und meine Mitpatientinnen und -patienten im Krankenzimmer nahmen ihre Situati- on mithilfe ‚meiner‘ Jazz-Musik weniger schwer.“


Sudern macht es nicht besser

Zu den schwungvollen Jazz-Nummern gesellte sich Gassners liebenswerter Humor, dem man sich schwer entziehen kann. „Ich hasse es, wenn man nur sudert. Damit wird’s nicht besser.“ Geht’s ihm schlecht, „wandle ich meine Situation in Humor um. Denn damit kann man sich selbst besser heilen.“ Und: „Ich denke sehr viel.“ Er beschäftigt sich, auch als er Krebs hatte, eingehend mit Atomphysik, auf diesem Gebiet ist Gassner firm. Das hält nicht nur jung, sondern fördert auch eine positive Einstellung, ist er überzeugt. Natürlich, gänzlich unbemerkt ist die Erfahrung mit dem Krebs auch an Gassner nicht vorbeige- zogen. „Ich lebe heute bewusster als früher, achte zum Beispiel mehr auf das Essen und trinke fast keinen Alkohol“, verrät er. Mit seinem Fahrrad ist er nach wie vor unterwegs, etwa acht Kilometer täglich.


Das Leben ist schön

Die letzte Kontrolluntersuchung war vor zwei Monaten, im Halbjahresintervall geht es nun so weiter. „Es geht mir gut“, bestä- tigt er. „Abgesehen von einer beginnenden Lungenentzündung, die mich ein bisserl schwächt. Aber das halte ich aus.“ Da sind wir uns sicher. Denn wer wiederholt betont, das Leben sei „immer noch schön, interessant und lebenswert“, der hat noch viele, viele Jahre vor sich. Der Swing geht Wolfgang Gassner so schnell nicht aus.


Manuel Simbürger

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021