IMPFEN

FOTOS:istockphoto/ Yuliya Baranych, ZVG

CORONA, GRIPPE oder ALLERGIE?

Husten, Schnupfen, Halsweh und vielleicht ein wenig Fieber: In „normalen Zeiten“ ist das eine Be- gleiterscheinung des Herbstes. 2020 könnten diese Symptome auch auf eine Corona-Infektion schließen lassen. Daher sind Eigenverantwortung und eine gründliche Anamnese besonders wichtig.

Ob es sich bei Symptomen wie Husten und Schnupfen um einen grippalen Infekt, eine „echte Grip- pe“, eine Corona-Infektion oder um eine Ragweed-Allergie handelt, kann selbst der erfahrenste Mediziner im Akutfall kaum beurteilen. „Da müsste ich Gott sein“, sagt Dr. Michael Wehrl pragma- tisch, langjähriger Polizeiarzt und praktischer Arzt in Wiener Neustadt. Was können Patientinnen und Patienten tun, um die Diagnose zu beschleunigen? „Es ist die Selbstverantwortung jedes Ein- zelnen. Wenn jemand in einem Corona-Cluster Urlaub gemacht hat, muss er das dem Arzt des Ver- trauens sagen. Wenn man hingegen ein Wochenende lang durch Ragweed-belastete Zonen ge- wandert ist, ist das auch ein wertvoller Hinweis. Oder aber, wenn in der Familie grippale Infekte aufgetreten sind, ist das ein genauso wichtiger Aspekt für den diagnostizierenden Arzt“, erklärt

Michael Wehrl.


GROSSE VERUNSICHERUNG

Derzeit kommen viele verunsicherte Patienten zu Michael Wehrl in die Ordination. Viele Fragen be- treffen die Grippe-Impfung, die vom Gesundheitsministerium – auf jeden Fall für Risikogruppen – dringend empfohlen wird. „Patienten sind unsicher, ob die Grippe-Impfung in Corona-Zeiten über- haupt sinnvoll ist.“ Dahingehend beruhigt der Mediziner: „Das Grippe-Virus gehört einer anderen Gruppe von Viren an als das Corona-Virus. Beide haben eines gemeinsam: Es sind Viren, also Kei- me ohne eigenen Stoffwechsel, die einen Wirt brauchen. Charakteristisch für diese Parasiten ist: Sie mutieren sehr schnell. Über das Corona-Virus wissen wir zwar einiges, aber nicht alles. Fest steht: Das Corona-Virus ist seit langem unter uns, es geht vom SARS-Virus aus, das mehrfach mu- tiert ist. Auch das Grippe-Virus ändert sich jährlich, daher wird alljährlich eine adaptierte Impfstoff- Kombination empfohlen.“

Zu den Viren, die die „echte Grippe“ verursachen, gibt es mittlerweile weitgehend verlässliche Pro- gnosen. Diese gehen von Daten der Virusverbreitung auf der südlichen Welthalbkugel im Frühjahr aus – daraus ergibt sich wegen der Luftströmungen eine Datengrundlage, auf deren Basis die Wahrscheinlichkeit hochgerechnet wird, welche Viren sich im Herbst auf der nördlichen Welthalb- kugel verbreiten werden.


IMPFEN GEGEN GRIPPE

Zur Grippe-Impfung steht in diesem Herbst ein Vierfach-Impfstoff zur Verfügung, der gegen die am höchsten pathogenen Keime gerichtet ist. „Ob man sich impfen lässt oder nicht, muss jeder für sich entscheiden“, sagt Michael Wehrl. Schließlich ist unser Immunsystem höchst unterschiedlich: Ein 75-jähriger Almwirt, der sein Leben lang in den Bergen gelebt hat und nie krank war, hat wahr- scheinlich ein besseres Immunsystem als ein gleichaltriger Heimbewohner, der alljährlich im Herbst mit einem grippalen Infekt das Bett hüten muss. Eine Grippe-Impfung schützt nicht vor ei- ner Corona-Infektion, andererseits erhöht die Impfung aber auch nicht das Risiko, sich mit Covid- 19 zu infizieren.


CORONA-IMPFUNG?

Daran, dass es eine valide Corona-Impfung bereits Anfang 2021 geben könnte, glaubt Michael Wehrl nicht: „Um einen Impfstoff nach Maßgaben der evidenzbasierten Medizin zu entwickeln, be- darf es groß angelegter Studien, die auch in Phase drei abgeschlossen sein müssen.“ Mit Phase drei meint der Mediziner, dass die Impfung erst nach Nachweis eines Wirkstoffs gegenüber Place- bo oder dem Therapiestandard geprüft als valide gilt. Verkürzungsverfahren seien bisher nur Spe- kulationen, sagt Michael Wehrl. Wozu der Mediziner rät, ist Selbstvorsorge: „Wir alle wissen, dass Händewaschen und Hygiene enorm wichtig sind und das Tragen von Masken die Übertragungs- wege von Flüssigkeit oder großen Tröpfchen blockiert.“


IMPFEN GEGEN RAGWEED

Ähnliche Symptome wie Grippe, ein grippaler Infekt oder Corona verursacht auch die Ragweed- blüte, die von August bis September/Oktober Hochsaison hat. Typische Symptome sind Husten und juckende Augen. Etwa elf Prozent der Allergikerinnen und Allergiker leiden, wenn Ragweed blüht, das sind etwa dreimal so viele als vor 30 Jahren. Die Pflanze, ursprünglich in Nordamerika beheimatet, fühlt sich besonders in trockenen Gegenden im Osten Österreichs wohl. Langfristig rechnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit, dass die Häufigkeit von Allergien auf Ragweed weiter zunehmen wird. Grund dafür ist die globale Erwärmung, mit der sich die klimati- schen Bedingungen für die Pflanze auch hierzulande verbessern werden.


HOCH ALLERGEN

Der HNO-Facharzt Dr. Arpad Csernay aus Wiener Neustadt warnt: „Ragweed ist hoch allergen, noch allergener als Gräser, die Reizschwelle liegt bei vier Pollen pro Kubikmeter Luft, bei Gräsern liegt diese bei 20 Pollen.“ Grund dafür ist, dass die Pollen um ein Vielfaches kleiner sind als Grä- serpollen, weiß Csernay: „Dadurch dringen sie leichter und schneller in die Atemwege ein und ver- ursachen Symptome wie Reizhusten oder Atembeschwerden.“ Wer also zu juckenden Augen, trie- fender Nase und Husten neigt, sollte beim Facharzt einen Allergietest durchführen lassen, denn bleiben die Symptome unbehandelt, können ernsthafte Lungenerkrankungen entstehen. Aber nur durch ein klares Arzt-Patienten-Gespräch können die unterschiedlichsten Symptome einem Ver- dacht zugeordnet, erst danach der richtige Test durchgeführt werden. Ragweedpollen sind tü- ckisch und können mit anderen Pollen aus der Familie der Korbblütler kreuzreagieren, sagt der HNO-Arzt: „Wer auf Ragweed allergisch ist, kann auf Kamille, Sellerie, Bananen, Sonnenblumen- kerne oder Gewürze wie Muskatnuss und weißen Pfeffer allergisch reagieren.“ Wer also seine ju- ckenden Augen mit kühlen Kamillenkompressen beruhigen will, bekommt möglicherweise eine hef- tige allergische Reaktion.


SCHUTZ DURCH IMPFUNG

Neben der bisherigen Ragweed-Impfung mit Spritzen stehen nun auch Tabletten zur Verfügung. „Mit dem Einnehmen der Tabletten sollte man drei Monate vor der Pollensaison beginnen, die Be- handlung kann bis zu drei Jahre dauern. Der Vorteil dieser Impfung ist, dass sie auch die Ursa- chen der Allergie bekämpft. Verabreicht wird ein standardisiertes Allergen aus Ragweedpollen, die das Immunsystem gezielt trainieren, sodass es nach der Behandlung eine Toleranz gegen Rag- weed entwickelt hat“, sagt Facharzt Csernay. Die Erfolgsquote der Impfung ist beachtlich. Bei etwa

90 Prozent der Betroffenen verringern sich die Symptome um 50 bis 100 Prozent; Studien zeigen aber, dass diese nach zwei Jahren um mindestens 50 Prozent reduziert werden. Im Unterschied zur subkutanen Immuntherapie (SCIT), bei der das Allergen alle vier bis sechs Wochen unter die Haut gespritzt wird, lässt man die Tablette unter der Zunge zergehen (sublinguale Immuntherapie), sodass die Substanz über die Mundschleimhaut in den Körper gelangt. Die Impfung ist in Öster- reich derzeit nicht für Kinder zugelassen.


Doris Simhofer

Wie kommt man

zu einer sicheren

Diagnose?

Welche Impfungen

und Behandlungen

gibt es?

erschienen in GESUND & LEBEN 10/2020