bewegungslandschaften

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otoS: Herbert Wojta-Stremayr; »Tut gut!«

Spielerisch in Bewegung

Dass sich Kinder ausreichend bewegen und austoben können, ist wichtig für ihre En- twicklung. GESUND & LEBEN und »Tut gut!« zeigen, wie das auch in den eigenen vier Wänden gelingt.

Kinder brauchen Bewegung – für ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden, aber auch für ihre geistige Entwicklung. So wird die Welt für Kinder begreif- und erfahrbar: Bereits Kleinkinder bewegen sich aus einem inneren Bedürfnis heraus auf ihre Umwelt zu. Sie ergreifen Gegen- stände, betasten und belutschen sie. Später kommen komplexere Bewegungen wie Balancie- ren, Hüpfen oder Klettern hinzu. Dadurch spüren die Kinder ihre Kraft und können ihre Ge- schicklichkeit auf die Probe stellen. Bewegungsspiele regen auch das Denkvermögen an: „Be- wegung, Lernen und Entwicklung sind eng miteinander verwoben“, sagt Birgit Amenitsch-Frei- berger, fachliche Begleitung und Betreuerin der »Bewegten Klasse« bei »Tut gut!«. „Balancie- ren, Rutschen, Rollen, Krabbeln oder Schaukeln fördern die koordinativen Fähigkeiten, beson- ders das Gleichgewicht und die räumliche Orientierung. Diesen Fähigkeiten kommt auch beim schulischen Lernen eine große Bedeutung zu.“ Umgekehrt weisen Kinder, deren Spiel- und Be- wegungsbedürfnisse nicht befriedigt werden, häufig nicht nur in ihrer körperlichen Entwicklung Defizite auf, sondern haben auch Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Außerdem ist Bewe- gung für verschiedene Körpersysteme notwendig – wie Knochen, Muskeln, Herz-Kreislauf und Atmung.


Erlebnisse zuhause

Ein Schultag bietet vielfältige Bewegungsanlässe für Kinder, meint Amenitsch-Freiberger. „Der Schulweg, der Bewegungs-und Sportunterricht, die Bewegte Pause, das Bewegte Lernen und die Pause während einer Unterrichtseinheit – ergänzt durch Aktivitäten am Nachmittag – er- möglichen Kindern reichhaltige Erfahrungen.“ Gerade in Zeiten von Corona sind Eltern aber mehr denn je gefordert, ihren Sprösslingen auch zuhause diese Vielfalt zu ermöglichen, gibt die Expertin zu denken. Hier kommen Bewegungslandschaften zum Einsatz: Mit Alltagsmate- rialien wie Kartons, Zeitungen, Wäschekluppen, Schwämmen, Pölstern, Decken, Dosen, Be- chern, Getränkeuntersetzern oder Wolle können ganz einfach Reize innerhalb der Wohnung

oder des Hauses gesetzt werden. Diese regen die Kreativität und Experimentierfreude der Kinder an: So stellen sie sich zum Beispiel vor, dass der Bo- den mit Lava bedeckt ist und nicht berührt werden darf und sie sich nur über Möbelstücke fortbewe- gen können. „Die selbstgestalteten Bewegungsräu- me fördern Lernen mit allen Sinnen – mit Kopf, Herz und Hand“, sagt Amenitsch-Freiberger. Und er- gänzt, dass sich auch Entspannungsräume und Rückzugsorte gut aus Alltagsmaterialien gestalten lassen. Denn es sei auch wichtig, auf eine Balance zwischen Aktivität und Ruhe zu achten. Mit Massa- gematerialien wie Bürsten, Pinseln, Schwämmen, Malerrollen oder Staubwedeln können sich die Kin- der gegenseitig massieren.


Nicht in Watte packen

Herbert Wojta-Stremayr ist Programmleiter der »Ge- sunden Gemeinde« bei »Tut gut!« und Papa von drei Mädels. Zuhause lässt er seine Töchter toben, während er ein Auge auf ihre Sicherheit hat: „Die bespielbare Wohnung eignet sich gut, um in einem geschützten Rahmen und unter Aufsicht der Eltern Erfahrungen zu machen, Gefahren zu erkennen und Grenzen auszuloten. So ist es sicherlich bes- ser, das Kind zuhause klettern und auch einmal wo hinunterspringen zu lassen, damit es Höhe erfährt und ihm notfalls zur Hilfe zu kommen, als dass es sich später vielleicht zu einer gefährlichen Mutpro- be mit Freunden hinreißen lässt.“ Wojta-Stremayr ermutigt Eltern, ihren Kindern etwas zuzutrauen: „Natürlich möchte kein Elternteil, dass seinem Kind etwas zustößt. Allerdings sollten Kinder auch nicht immer in Watte gepackt werden – denn durch Spiel und Bewegung entwickeln sie wichtige motorische Fähigkeiten, die ihnen im späteren Leben dabei helfen, sich nicht so leicht zu verletzen.“ Die Aufga- be von Erwachsenen sei es, diese Risiken zu be- werten und überschaubar zu halten. Fazit: Beim gemeinsamen Bewegen, Spielen, Bauen, Entspan- nen mit den Eltern erleben Kinder Anerkennung, Zuwendung, Vertrauen und Verbundenheit und können auf der Basis dieser bedeutsamen Bezie- hungserfahrungen sicher und mutig ihre Welt erforschen.

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021