GESCHWISTER

„Müsst ihr euch denn

immer streiten?“

FotoS: istockphoto/ Katarzyna Bialasiewicz, zvg

Geschwister streiten um das Spielzeugauto, das letzte Stück vom Kuchen und den besten Platz im Auto. Das ewige Gezanke nervt GESUND&LEBEN-Autorin Sandra Lobnig wie so viele Eltern. Die positive Seite: Kinder können dabei lernen, wie man Konflikte löst.

Wenn man mich fragt, ist es ganz einfach. Die Linie in der Mitte teilt unseren Esstisch in zwei gleich große Hälften. Auf jeder Seite ausreichend Platz für Teller, Besteck und Ellenbogen. Kein Grund also zu streiten, wer wem wie viel

Platz beim Abendessen wegnimmt. Meine Kinder sehen das anders. „Du bist über der Gren- ze!“, motzt die Schwester. „Geh wieder auf deine Seite!“, schreit der Bruder. Schon ist das herrlichste Gezanke im Gange. „Warum müsst ihr euch denn schon wieder streiten?!“, denke ich. Oder ich sage es laut und bin selbst Teil des Gefechts, das soeben am Esstisch ent- brannt ist. Wenn ich Pech habe, geht es nach dem Abendessen munter mit dem Streiten weiter. Wer läuft zuerst die Treppe runter? Wem hilft der Papa beim Pyjamaanziehen? Wer sucht das Buch zum Vorlesen aus? Am Ende eines langen Tages lauern Konflikte an jeder Ecke, die Kinder sind müde und können keine Geduld mehr aufbringen. Ich gebe zu: Mir geht’s genauso, und ich bin oft froh, wenn die Streithansel friedlich in ihren Betten schlafen.


Streiten ist normal

Manchmal frage ich mich schon: Woher kommt all dieses Gezanke? Bei unseren vier Kin- dern zwischen zwei und acht Jahren geht es oft heiß her. Ist Geschwisterstreit in diesem Ausmaß normal? Ist es, beruhigt mich Nicola Schmidt, Autorin des Buches „Geschwister als Team. Ideen für eine starke Familie“ und selbst Mutter zweier Kinder. „Geschwister streiten bis zu sechsmal pro Stunde.“ Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Häufig steckt hinter Auseinandersetzungen die Frage, wer mehr von der elterlichen Liebe und Aufmerksamkeit bekommt. Auslöser können auch Hunger, Müdigkeit oder Zeitdruck sein. Richtig: Wenn ich meine Kinder morgens antreibe, damit wir pünktlich in die Schule und den Kindergarten kommen, krachen sie besonders schnell aneinander. „Ein Grund für Streit sind auch die un- terschiedlichen Temperamente der Kinder“, sagt Schmidt. „Früher, im Clan oder großen Dorf, konnte man seinen Geschwistern gut aus dem Weg gehen, heute geht das nicht.“ Auch der Altersabstand zwischen den Kindern spielt eine Rolle. Sind Geschwister weniger als drei Jahre auseinander, können sie sich zwar emotional besonders nahe sein, streiten sich dafür tendenziell öfter. Dazu kommen entwicklungspsychologische Faktoren. Für einen Zweijähri- gen ist das rote Spielzeugauto wie ein Teil von ihm selbst. Düst die Schwester damit über den Wohnzimmerteppich, wehrt er sich. Das ist nachvollziehbar.


Eltern befördern Streit

Und dann ist da der große Einfluss von uns Eltern auf die Beziehungen zwischen den Kin- dern. „Häufig befördern Eltern Geschwisterstreit, ohne es zu wollen“, sagt Nicola Schmidt. Sätze wie „Schau mal, dein Bruder hat seine Jacke schon angezogen!“ oder „Deine Schwester konnte in deinem Alter bereits super Rad fahren!“ erzeugen Rivalität und Neidge- fühle. Das kann Geschwisterbeziehungen bis ins Erwachsenenalter hinein belasten. Verglei- che zwischen den Geschwistern sind für Eltern ein absolutes Tabu – wenn sie möchten, dass ihre Kinder gut miteinander auskommen. Eltern sollten jedes Kind mit seiner Persön- lichkeit wahrnehmen. Sein Temperament, seinen Weg, sich geliebt zu fühlen, sehen und ihm die Aufmerksamkeit schenken, die es gerade braucht. Mit jedem Kind abends die Vokabeln lernen? Natürlich nicht. Nur mit dem, das Hilfe benötigt. Nicola Schmidt sagt: „Wenn Gerech- tigkeit heißt, alle kriegen das Gleiche, muss man fragen: Ist es das, was alle brauchen?“ Wir Eltern wissen das ja eigentlich: Das eine Kind ist überglücklich, wenn Papa mit ihm an der Legoburg baut, das andere Kind interessiert sich nicht für Lego und will lieber mit dem Papa lesen. Auch Liebe ist nichts, was auf jedes Kind genau gleich abgemessen verteilt werden kann. Und wenn die Kinder fragen, ob man jedes von ihnen gleich lieb hat? Nicola Schmidt schlägt als Antwort vor: „Ich habe jedes von euch Kindern auf eine ganz eigene Art lieb!“


Konfliktlösungen üben

Was also tun, wenn der Nachwuchs sich wieder einmal in die Haare kriegt? Auf keinen Fall einmischen oder jede Auseinandersetzung moderieren? „Wenn wir jedes Mal zu den Kin- dern gehen, wenn sie sich einfach nur zanken, kommen wir ja zu sonst nichts mehr“, meint Nicola Schmidt. Allerdings: „Wenn sich die Kinder mit Worten oder Händen verletzen, greife ich ein. Im Idealfall mit einer guten Strategie oder indem ich die Kinder trenne.“ Die Streitsi- tuation kann für die Kinder so zu einer Gelegenheit werden, zu lernen, wie man Konflikte löst. Eltern sollen dabei nicht Partei ergreifen und Schiedsrichter spielen, sondern zunächst ein- fach einmal zuhören. „Jedes Kind darf seine Variante erzählen. Der ganze Stress muss erst einmal raus“, erklärt Schmidt. „Und dann spiegel ich und sage: ‚Schau, du hast deinen Bru- der gehauen und jetzt weint er!‘ So trainieren wir Empathie.“ Kindern über sechs Jahren kann man an dieser Stelle zutrauen, selbst eine Lösung zu finden. Das ist zwar am Anfang schwierig für sie, letztlich aber eine Frage von Training. Bei kleineren Kindern ist man meist selbst Teil der Lösung. Das ist auch meine Erfahrung. Streiten sich meine zwei Kleinen, zwei und vier Jahre alt, beim Turmbauen, setze ich mich einen Moment zu ihnen auf den Boden und baue mit. Nach wenigen Minuten sind sie wieder im Flow, und ich schleiche mich davon.


Geschwister respektieren

Eltern als Coachs, die ihren Kindern beibringen, Konflikte zu lösen – in der Theorie klingt das wunderbar. Im Alltag raubt es mir mitunter den letzten Nerv, wenn meine Kinder erbar- mungslos um die letzte Erdbeere streiten. In mir brodelt es, wie soll ich so das Familienschiff sicher durch den Sturm der Emotionen steuern? Dass Eltern vom ewigen Zanken ihrer Kin- der genervt sind, kann Nicola Schmidt verstehen. „Da hilft es, zuerst einmal tief durchzuat- men.“ Und sich bewusst zu machen, dass Kinder nicht streiten, um ihre Eltern zu ärgern. Nachsichtig mit den Kindern sein, aber auch nachsichtig mit sich selbst. Denn nicht immer reagieren Mama und Papa gelassen. „Ich kann sagen: Okay, drei Konflikte am Tag kriege ich gut hin. Dann falle ich wieder in alte Muster.“ Das ist keine Katastrophe, findet Schmidt: „Kin- der lernen die guten Dinge von uns, auch wenn wir nicht immer perfekte Konfliktlösungen anbieten.“

Dass die eigenen Kinder beste Freunde werden, dürfen sich Eltern zwar wünschen. Erzwin- gen können sie es nicht. „Es gibt Temperamente, die passen nicht zusammen, das ist nicht schlimm“, sagt Schmidt. „Die Kinder müssen sich nicht mögen, aber sie sollen sich respek- tieren.“



Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019