KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

Moderne Geräte und eine spezielle Software haben die Bildbefundungs-Qualität auf ein neues Level gehoben.

Dr. Andi Binaj stellt sicher, dass alle Kolleginnen und Kollegen der Radiologie mit der Software vertraut sind.

fotoS: Philipp Monihart

Alles im Blick

Noch nie konnten die Bilder von Computer- oder Magnetresonanztomographien so genau und aussagekräftig ausgewertet werden wie heute. Dabei hilft künstliche Intelligenz.

Ein Patient kommt stark schwitzend, mit Engegefühl in der Brust, Atemnot und Übelkeit in die Notaufnah- me des Universitätsklinikums Krems. Er wird von einer Ärztin aufgenommen, die einige Tests durchführt und dann eine CT-Angiographie der großen herznahen- und Herzkranzgefäße anordnet. Untersucht wird der Patient durch ein Gerät auf dem neuesten technischen Stand. Dieses bildet das lebenswichtige Or- gan präzise in 3D ab. Nicht nur Einzelbilder entstehen bei der Untersuchung – sondern ein Volumen an aussagekräftigen Informationen. Der Radiologe Dr. Andi Binaj wertet diese Informationen anschließend aus. Auf den Bildern ist klar zu erkennen, dass es sich um eine Koronarstenose handelt, also um eine Verengung der Herzkranzgefäße. Binaj verwendet ein Computer-Programm, das mit künstlicher Intelli- genz arbeitet und ihm genau anzeigt, wie groß diese Verengung ist. Nun können die Kardiologen den er- forderlichen Herzkatheter-Eingriff exakt planen. Der Patient kann damit sicher sein, eine Therapie zu be- kommen, die optimal auf seine Erkrankung abgestimmt ist – und darauf, rasch wieder fit zu werden.


Exakte Diagnosen

Dr. Andi Binaj ist seit 2013 Oberarzt am Klinischen Institut für Radiologie des Uniklinikums Krems. Seinen Schwerpunkt hat er auf die Digitalisierung in diesem Fachbereich gesetzt. Doch wozu braucht man künst- liche Intelligenz in der Radiologie überhaupt? Künstliche Intelligenz (KI) kann beispielsweise sehr schnell den Gefäßbaum, das Achsenskelett oder die farblich dargestellte Durchblutung der Lunge rekonstruie- ren, Prozesse, die im Akutfall wertvolle Zeit in der Befunderstellung benötigen. Ein Computertomograph erzeugt in dem eingangs erwähnten Beispiel mehr als 1.500 Bilder. Eine spezielle KI-Applikation kann die Bilder dagegen schnell analysieren und die Anomalien nach Bestätigung durch den Radiologen exakt darstellen und vermessen. Die Radiologen können sich damit auf ihre Hauptaufgaben konzentrieren – Diagnose und Heilung. „Wir stehen vor der Herausforderung, dass die Anzahl an Untersuchungen stän- dig steigt. Wenn wir bei einem Patienten eine Krankheit diagnostiziert haben und er behandelt wird, wer- den die Zeiträume zwischen den radiologischen Untersuchungen kürzer. Immerhin will man ja wissen, ob die Therapie auch anschlägt“, erklärt Binaj. Umso wichtiger sei es, exakte Diagnosen stellen und den gesamten

Therapieverlauf genau abschätzen zu können. Das funktioniert zum einen durch moderne Geräte, die die Kontrastmittelmenge und Strahlenbelastung für die Patientinnen und Patienten so gering wie möglich hal- ten. Doch auch eine spezielle Bildbefundungs-Software mit künstlicher Intelligenz hilft den Medizinern da- bei, die jeweilige Krankheit richtig beurteilen zu können. Einen besonders großen Nutzen hat dieses Com- puter-Programm neben der Kardiologie auch in der Onkologie, Urologie, Prostata- und Brust-Bildgebung.

„Das Uniklinikum Krems setzt einen besonderen Schwerpunkt auf die Krebstherapie. Mithilfe dieser Soft- ware können wir bösartige Tumore genau vermessen und auch metastasierte Lymphknoten viel besser erkennen als noch vor wenigen Jahren. Die Ergebnisse stellen wir tabellarisch dar, damit sie der behan- delnde Onkologe gut nachvollziehen kann. Außerdem sehen wir durch die Software viel früher, wie gut die Patientin oder der Patient auf eine Therapie anspricht“, sagt Binaj. Darüber hinaus diene die Compu- ter-Software als Zweitbefunder. „Haben wir zum Beispiel die Lunge nach Metastasen abgesucht, lassen wir zur zusätzlichen Kontrolle noch einmal die Software darüber laufen. Sie ist in der Lage, selbst die kleinsten Knoten aufzuspüren. So können wir uns sicher sein, alle Veränderungen frühzeitig zu erkennen.“


Mehr als nur Bilder

In den vergangenen Jahren habe sich in der Radiologie viel getan, erzählt der erfahrene Oberarzt: „Die Befundungs-Qualität ist enorm gestiegen. Bilder sind nicht mehr nur Bilder, sondern enthalten viel mehr Information als in der Vergangenheit. Dort, wo wir früher viel Zeit verloren haben, um zu vermessen oder Bilder zu rekonstruieren, übernimmt die künstliche Intelligenz. Dadurch haben wir Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit, uns mit jedem einzelnen Fall zu beschäftigen, um zu befunden oder uns zu beraten.“

Außerdem, meint der Radiologe, bleiben Patientinnen und Patienten durch die moderne Technik immer öfter auch unangenehme Eingriffe erspart. „Ein Beispiel dafür ist die urologische Bildgebung: Mithilfe un- serer Software können wir genau sagen, ob Nierensteine harnsäurehaltig sind und damit einfach durch Medikamente aufgelöst werden können. Sie müssen dann nicht durch Stoßwellen zertrümmert oder bei einem Eingriff entfernt werden.“

Sinn und Zweck der künstlichen Intelligenz sei es immer, das Wohlbefinden von Patientinnen und Patien- ten zu steigern und ihnen die Sorgen zu nehmen, sagt Binaj. „Wir können ihre Erkrankungen präziser dia- gnostizieren, ihnen eine Behandlung anbieten, die genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist und ihren Therapieverlauf exakt darstellen.“ Die letzte Instanz bleibe aber nach wie vor die Ärztin oder der Arzt. „Ein Gerät oder eine Software soll nie dazu dienen, einen Befund zu liefern, sondern immer nur dazu, eine Er- krankung bestmöglich aufzuzeigen.“


Am Ball bleiben

Andi Binaj war immer schon fasziniert von künstlicher Intelligenz. Wie wichtig diese für die Radiologie sein kann, wurde ihm auf internationalen Kongressen bewusst. Das richtige Anwenden der Bildbefun- dungs-Software hat er sich selbst beigebracht. Doch dabei wollte er es nicht belassen: „Der Schlüssel zum Erfolg war es, alle Kolleginnen und Kollegen, ob Ärzte, Radiotechnologen oder EDV- und Medizin- techniker in das Projekt einzubinden.“ Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll die Software auch in allen anderen niederösterreichischen Landes- und Universitätskliniken eingesetzt werden. Auf diese Weise will man sicherstellen, dass die Befunde in allen Kliniken standardisiert ausgewertet werden können – unab- hängig davon, wer den Befund liefert oder eine Messung durchführt. „Momentan befinden wir uns am letzten technischen Stand. Doch darauf ruhen wir uns nicht aus. Die Technik entwickelt sich ständig wei- ter und wir müssen am Ball bleiben. Zum Wohl unserer Patientinnen und Patienten – damit sie weiterhin die beste und modernste medizinische Betreuung erhalten.“


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2020