Es gibt aktuell nur vier Gründe, um die eigenen vier Wände zu verlassen:


1. Um (sofern nicht anders möglich) zum Arbeitsplatz zu kommen

2. Um notwendige Einkäufe zu machen (Lebensmittel, Apotheke)

3. Um anderen Menschen zu helfen

4. Bewegung im Freien alleine oder mit Mitbewohnern – mit einem Meter Ab- stand zu allen anderen

FotoS: istockphoto/ Marco_Piunti, iTrinergy International

CORONAVIRUS SPEZIAL

Gestärkt durch die

Quarantäne

Häusliche Isolation ist ein Ausnahmezustand, den die meisten Menschen noch nie erlebt haben. Doch was macht das mit der Psyche?

Plötzlich ist die Wohnung oder das Haus nicht mehr nur der heimelige Ort, den man morgens verlässt und zu dem man abends wieder gerne zurückkehrt. Und Partner und Familie sind nicht mehr die Mitmen- schen, auf die man sich zwar tagsüber freut, mit denen man in der Regel aber nur am Wochenende und im Urlaub 24 Stunden des Tages verbringt. COVID-19 wirkt sich längst nicht mehr nur auf unsere körperli- che Gesundheit aus, sondern auch auf die Psyche – denn Quarantäne und häusliche Isolation können für Betroffene sehr belastend sein.


Es ist, wie es ist

Hilflosigkeit, Angst, Wut oder Einsamkeit: In Krisen kommen viele Gefühle zum Vorschein. Wichtig sei es jetzt vor allem, die Situation anzuerkennen, sagt Psychologe und Lebenscoach Dr. Roman Braun. „Die ak- tuelle Lage wird, gerade auch in den sozialen Netzwerken, kontrovers diskutiert. Einige Menschen möch- ten die Situation nicht wahrhaben. Das ist aber nicht zu empfehlen. Viel besser für die Psyche ist es, sich damit abzufinden.“ Der zweite Schritt, sagt Braun, ist das „Problemfasten“. Dabei gehe es darum, innezu- halten und den Blickwinkel zu ändern. Jedes Problem sei nur so groß, wie man es im Kopf werden lässt. „Wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir weder machtlos noch Opfer sind, können wir aufhören, un- sere Energie damit zu verschwenden, uns nur noch Sorgen zu machen.“ Doch was bedeutet Problemfas- ten in der Praxis? „Stündlich gibt es neue erschreckende Meldungen zu Corona. Man wird aber nichts ver- säumen, wenn man seinen Nachrichten- und vor allem Social-Media-Konsum in diesen Zeiten stark ein- schränkt und sich nur noch einmal am Tag über die Geschehnisse informiert. Denn das schürt nur Panik. Der Sinn dahinter: Uns wurde momentan die Kontrolle über ganz grundlegende Bereiche genommen, zum Beispiel, wann ich rausgehe oder jemanden treffe. Hier muss ich für mich selbst Bewältigungsstrategien entwickeln – nämlich mir zu sagen ‚ich habe zwar keine Kontrolle über die Situation, aber ich habe Kontrol- le darüber, wann ich etwas dazu in den Nachrichten lese. Denn auch wenn ich tausendmal am Tag einen Liveticker verfolge, kann ich die Lage nicht ändern.“


Keine Angst vor der Angst

Isolation ist die wirksamste Maßnahme, weitere Ansteckungen mit COVID-19 zu verhindern. Dass diese aber auch Nebenwirkungen mit sich bringt, sei ganz normal, sagt Braun: „Wir Menschen sind soziale We- sen. Dass es uns bei sozialer Isolation nicht gut geht, ist ein Zeichen dafür, dass unsere Psyche gesund ist.“ Das bedeute auch, dass Angststörungen und Depressionen durch die Quarantäne verstärkt werden können. „Wichtig ist es jetzt zu vermitteln, dass dieser Zustand typisch ist. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob es mein Fehler ist, dass ich mit der Situation nicht so gut umgehen kann. Man nennt das auch Metadrama: Um das eigentliche Drama, also das Coronavirus, mache ich noch ein weiteres Dra- ma, nämlich, dass es mir wegen der sozialen Isolation jetzt schlecht geht. Das führt zu einer Abwärtsspira- le, die unbedingt unterbrochen werden muss.“


Grenzen setzen

Für viele Menschen ist es eine große Umstellung, plötzlich von zuhause zu arbeiten. Hier empfiehlt Braun, zeitliche und räumliche Struktur in den Tag zu bringen. „Dazu gehören fixe Arbeitszeiten und fixe Zeiten, zu denen ich esse. Wir brauchen Kontrolle über unseren Tag. Es kann zwar durchaus sein, dass ich mei- nen Arbeitsrhythmus zuhause etwas anpasse. Trotzdem ist es wichtig, für mich festzulegen, in welchen Zeiträumen ich arbeite und wann die Arbeitszeit beendet ist.“ Ebenfalls bedeutsam sei es, zuhause einen Arbeitsplatz zu definieren, um klare Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zu ziehen. So falle es auch leichter, die Tag-/Nachtzeiten einzuhalten. „In einer Krise ist es enorm wichtig, die Schlafqualität auf hohem Niveau zu halten, denn sie ist die Basis unserer Immunabwehr, der kognitiven Fähigkeiten und der emotio- nalen Stabilität.“ Der Experte rät dazu, den üblichen Tagesrhythmus einzuhalten: „Morgens aufstehen, frühstücken, duschen und dann normale Kleidung anziehen, statt den ganzen Tag im Pyjama zu bleiben. Und wenn ich dann abends Zähne putze und mir die Nachtkleidung anziehe, gebe ich dem Körper viele Signale, die er jahrzehntelang gewöhnt war, die ihm zeigen, jetzt ist es Abend.“


Gemeinsam stark

Viele Menschen verbringen die Zeit in Isolation nun mit ihrem Partner oder Famili- enmitgliedern. Das bietet zum einen viele Chancen, da es leichter fällt, sich ge- meinsam die Zeit zu vertreiben. Zum anderen erhöht sich so auch das Konfliktpo- tential, sagt Braun. „Eine Gefahr von Menschen, die gemeinsam isoliert sind, ist aufkeimende Aggression. Das hängt damit zusammen, dass man nicht mehr im täglichen Hamsterrad ist, sondern plötzlich Zeit hat, alle Probleme, die man im Alltag oft unter den Teppich kehrt, zu diskutieren. Oft stellt man dabei fest, dass man große Differenzen hat. Deshalb meine dringende Empfehlung: Erkennen Sie an, wenn Sie Beziehungsprobleme haben, aber machen Sie sich gleich zu Be- ginn aus, dass dieser Lockdown der schlechteste Zeitpunkt ist, daran zu arbei- ten. Halten Sie stattdessen mehr Abstand zueinander.“ Der Psychologe empfiehlt eine Maßnahme, die dabei helfen kann, wenngleich sie etwas ungewöhnlich ist:

das Zurückkehren zum Sie-Wort – weil es Distanz schafft. Denn fremden Menschen gegenüber ist man oft viel höflicher als zu Men- schen, denen man nahesteht. Präventiv kann es für Paare auch gerade jetzt sinnvoll sein, mehr Sex zu haben, meint Braun: „Studien zeigen: Sexuell aktive Paare mögen einander mehr und verzeihen einander auch mehr. Körperkontakt, wie Händchenhalten oder ein- ander in den Arm nehmen, kann das Miteinander ebenfalls stärken.“

Wenngleich die Situation herausfordernd ist – gerade jetzt ist es wichtiger denn je, an einem Strang zu ziehen. Nutzen Sie die Zeit, um wieder mehr zueinander zu finden. Sprechen Sie über Ihre Träume und Ziele, bringen Sie gemeinsam den Garten auf Vorder- mann oder spielen Sie Gesellschaftsspiele. Zusammen überwinden Sie nicht nur die Krise, Sie stärken dabei auch Ihre Partnerschaft und den Zusammenhalt Ihrer Familie.


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2020