KUREN & REHABILITATION IN NÖ - BVA

Sehen, was gut ist

Trotz Einschränkungen durch eine schwere Erkrankung wieder am Leben teilhaben, und das mit allen Sinnen – darum geht es bei einer Rehabilitation im Therapiezentrum Buchen- berg.

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Die Energie folgt der Aufmerksamkeit – dieses Prinzip macht man sich im Therapiezentrum Buchenberg in Waidho- fen/Ybbs zu Nutze. Denn gerade bei schweren Erkrankun- gen, wie einem Schlaganfall oder einer Stoffwechselstörung, ist es entscheidend, auf das zu schauen, was gut ist, um daraus Kraft für positive Veränderungen zu ziehen, erklärt Prim. Dr. Clemens Kaufmann, Ärztlicher Direktor des Thera- piezentrums: „Wir verwenden dafür die neue patienten-

bezogene Diagnostik ICF, die darauf schaut, welche Ressourcen jemand in den Rehabi- litations-Aufenthalt mitbringt.“

ICF steht für die „Classification of Functioning, Disability and Health“ und ist ein Modell der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie dient fach- und länderübergreifend als ein- heitliche und standardisierte Sprache zur Beschreibung des funktionalen Gesundheits- zustandes, der Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung und der relevanten Umge- bungsfaktoren eines Menschen. ICF klassifiziert die Komponenten von Gesundheit, wie Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Teilhabe sowie Umweltfaktoren. Es geht also um Ressourcen statt um

Defizite.


Rehabilitation für Körper und Seele

Clemens Kaufmann liegt viel daran, Menschen bei einem Rehabilitationsaufenthalt zu zeigen, dass das Leben trotz Beeinträchtigungen gut ist, wenn man es sich gut macht. „Unser ehrgeiziges Ziel ist es, diesen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.“ In der Stoffwechsel-Rehabilitation betreut er Patientinnen und Patienten mit

Diabetes mellitus, lebensstilassoziierten Erkrankungen wie erhöhtem Blutdruck, Fettstoff- wechselstörungen, Übergewicht und Störungen des Magen-Darm-Traktes. „Die zentrale Bedeutung der Achtsamkeit, auch in Bezug auf Ernährung und Bewegung, sind uns wichtig.“ In der neurologischen Rehabilitation behandelt das Team Patientinnen und Pati- enten mit Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall. Als Ziele der Rehabilitation nennt Kaufmann Berufsfähigkeit, größtmögliche Selbständigkeit im Alltag, Mobilität mit oder ohne Hilfsmittel und Kommunikationsfähigkeit. „Besonders am Herzen liegt uns das Wiedererlangen der sozialen Fähigkeiten und der Genussfähigkeit. Freude am Leben kann man trotz Einschränkungen haben. Wichtig ist, dass man genießen kann.“


Hightech als Unterstützung

Natürlich brauchen diese Menschen handfeste Therapien. Diese bekommen die Gäste mit neurologischen Erkrankungen im Therapiezentrum Buchenberg auf hochmodernen Therapiegeräten, sogenannten Robotics, mit denen sie das Gehen komplett neu lernen können. Der Lokomat ist ein Trainer in Form eines Laufbandes, der mittels Bildschirm so- gar einen Spaziergang durch den Wald simuliert, wobei man sich zwischen den Bäumen durchbewegen muss, ohne anzustoßen. Die unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten trainiert man dann im Therapiegarten, der neben Hochbeeten für die Gartentherapie die unterschiedlichsten Oberflächen bietet. Neben Asphalt übt man auf Rindenmulch, Stei- nen, Sand und Moos. „Die hohe Schule ist dann eine Wanderung am Buchenberg. Bis man die wieder schafft, unterstützt der Lokomat bei allen Lernschritten.“ Aber auch spe- zielle Geräte für das Wiedererlangen der Funktionsfähigkeit von Schultern,  Armen und Händen nutzt Kaufmann mit seinen multiprofessionellen Teams. Schließlich geht ohne Handfunktionen im Alltag so gut wie nichts. Sogar ein roboterunterstütztes Therapie- pferd, auf dem Patientinnen und Patienten aufrecht sitzend Ausgleichsbewegungen üben können, sorgt für witzige Abwechslung – und das ganz ohne Pferdehaar-Allergie.


Selbstständigkeit

Selbstständigkeit ist die Basis für Berufsfähigkeit. Was für gesunde Menschen selbstver- ständlich ist, muss nach einer Krankheit oder einem Ereignis wie einem Schlaganfall mühsam wieder erarbeitet werden. Man braucht nur kurz in einer alltäglichen Tätigkeit innehalten und überlegen, aus wie vielen Bewegungen und Handlungsfolgen sie zusam- mengesetzt ist. Etwas zu trinken bedeutet, das Glas und das Getränk zu holen, einzu- schenken, das Glas zum Mund zu führen, diesen mit der Flüssigkeit zu füllen und zu schlucken. Was, wenn die Hände nicht gehorchen oder das Schlucken ein Problem ist? „Das lernen die Menschen bei uns durch unsere multiprofessionellen Teams wieder. Es ist anstrengend, wenn man es nicht kann und neu lernen muss.“

Deshalb organisieren sich die Gäste am Buchenberg zum Beispiel ein Kaffeekränzchen: Sie laden ein, vereinbaren Raum und Zeit, kaufen ein, setzen sich zusammen, reden, trinken Kaffee, essen Kuchen –  alles begleitet durch Therapeuten. Gar nicht leicht, wenn man zum Beispiel nach einem Schlaganfall kaum sprechen kann oder zu scheu geworden ist, auf andere Menschen zuzugehen oder gar um Hilfe zu bitten.

Und da sind wir schon bei dem Thema Genussfähigkeit: Natürlich, der Kaffee, der Ku- chen, die nette Gesellschaft, die Freude am Beisammensein und Austauschen sind wichtig. Wenn man wieder ein gutes Leben haben will, trotz Einschränkungen, geht es auch um schmecken, riechen, reden, zuhören, spüren und all das auch wertzuschätzen und zu genießen. Die Freude an der Natur und die an den eigenen Fähigkeiten und an der Kreativität – das sind wichtige Faktoren. So kann zum Beispiel ein neues Hobby wie Seidenmalen oder Töpfern auch neues Glück im Leben bedeuten. Wenn man es wert- schätzt und genießt.


Riki Ritter-Börner

Prim. Dr. Clemens Kaufmann, Ärztlicher Direktor des Therapie- zentrums Buchenberg in Waidho- fen/Ybbs

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2019