SOMMER

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Hilfe, Ferienzeit!

Corona, Pubertät, Familienstress – und jetzt auch noch Ferien. GESUND & LEBEN zeigt, wie Sie harmonisch durch den Som- mer kommen.

Fünfzig Euro. Die hat Lisa zur Verfügung, wenn sie mit ihrer Mutter Elisabeth Meixner shoppen geht. Fünfzig Euro, die die fast Vierzehnjährige wohlüberlegt ausgibt. Da wird kein Euro leichtfertig aus dem Fenster ge- schmissen. „Meistens bleibt am Schluss sogar noch was davon übrig“, erzählt Elisabeth Meixner. Die drei- fache Mutter aus Klosterneuburg genießt die gemeinsamen Shoppingtouren mit ihrer heranwachsenden Tochter. Auch Lisa liebt es, Zeit mit ihrer Mutter allein zu verbringen. Wertvolle Mama-Tochter-Zeit in einer Beziehung, die durch die beginnende Pubertät Lisas an einigen Facetten reicher geworden ist: heftige Ge- fühlsausbrüche, mehr Konflikte, der Drang nach Selbständigkeit gepaart mit Verunsicherung und dem Be- dürfnis wieder Kind sein zu dürfen. Meixner ahnt, dass die Sommerferien angesichts dessen zur Herausfor- derung werden können. So manche Auseinandersetzung habe es schon gegeben. „Unser Dauerkonflikt ist, dass Lisa gern mit Freundinnen und deren Familien ins Ausland reisen würde. Ich finde aber, dass das noch zu früh ist.“ Für Diskussionen in der Familie sorge außerdem das Schlafverhalten der Jugendlichen in den Ferien. Lange aufbleiben, spät aufstehen – für Meixner ist das zwar in Ordnung, ihr Mann sieht das anders.


Eltern auf dem Prüfstand

Dass Jugendliche morgens nicht aus dem Bett kommen, sei ein typischer Konfliktpunkt in Familien mit Pu- bertierenden, vor allem in den Ferien, sagt die Ehe- und Familienberaterin Ines Berger aus Mödling. „Eltern halten es oft nicht aus, wenn ihre Kinder bis zu Mittag schlafen. Wichtig ist, zu wissen, dass das auch hor- monell bedingt sein kann. Das Hormon Melatonin wird bei Jugendlichen erst später ausgeschüttet, deshalb können manche Jugendliche schwer einschlafen und kommen am Morgen auch nur mit Mühe auf.“ Berger berät unter anderem Familien, in denen die Pubertät der Kinder die gewohnte Ordnung so richtig durch-

schüttelt. Die Pubertät, sagt sie, sei ein Loslösungsprozess, eine gewaltige Aufgabe für die Jugendlichen und deren Eltern. „Wenn Kinder klein sind, nehmen sie das, was die Eltern sagen, für bare Münze. In der Pubertät stehen die Eltern, ihre Glaubenssätze und Werte auf einmal auf dem Prüfstand“, erklärt Berger. An immenser Bedeutung gewinnt die Peergroup. Freunde, bei denen man sich ausweinen kann, mit denen man so viel Zeit wie möglich verbrin- gen will, deren Anerkennung lebensnotwendig wird. Davon kann auch Elisabeth Meixner berichten: „Früher hat sich meine Tochter bei allem an mich gewandt. Jetzt bin ich eine der letzten Anlauf- stellen, und sie bespricht ihre Probleme zuerst mit ihren gleichaltri- gen Freunden.“ Die Abnabelung ihrer Tochter bedeutet auch für Meixner eine Umstellung, die ihr gar nicht so leicht fällt. „Für mich ist das schwer. Ich war ja gewohnt, mich in allen Bereichen – von der Schule bis zum Zähneputzen – um alles zu kümmern. Jetzt verzieht sich Lisa oft in ihr Zimmer, weil sie dort ihre Ruhe hat.“


Zuhören, verhandeln, Frust aushalten

An Konflikten mangelt es Eltern und ihren heranwachsenden Kin- dern meistens nicht. Diese drehen sich um Themen wie Schule, Fortgehen, Konsumverhalten oder den Freundeskreis. Ein Patent- rezept, wie diese Auseinandersetzungen zu lösen sind, gebe es nicht, sagt Ines Berger. Einen Rat hat die Familienberaterin den-

noch: „Es braucht die Bereitschaft der Eltern zuzuhören, echtes Interesse zu zeigen für das, was ihr Kind denkt und zu sagen hat.“ Viele Eltern würden fürchten, dass ihr Kind sofort mit unangemessenen Forderungen kommt, wenn sie es fragen, was es möchte. Dem sei meistens nicht so, erklärt Berger anhand eines Beispiels. „Nehmen wir das Geburtstagsfest der Großtante, zu dem der Jugendliche nicht mitmöchte. Ich setze mich also mit ihm hin und frage, warum er nicht mag. Ich will ehrlich wissen, was dahintersteckt. Und ich frage, was er braucht, damit er mitgehen kann. Wenn sich mein Kind gehört fühlt und spürt, dass es mir wirklich wichtig ist, dass es mitkommt, dann kann es sich wahrscheinlich leichter drauf einlassen.“ Eine gewisse Flexibilität helfe, Machtkämpfe mit den Jugendlichen zu vermeiden. Eltern sollten sich fragen, ob es wirklich immer notwendig ist, auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. „Warum will ich, dass mein Kind um Punkt elf Uhr nach Hause kommt? Kann es nicht auch elf Uhr fünfzehn sein?“, fragt Berger. Und stellt gleichzeitig klar, dass die Bereitschaft zu Dialog und Verhandeln nicht mit einem Laissez-faire-Erziehungsstil gleichzusetzen ist. „Eltern dürfen sagen, was ihnen wichtig ist und das einfordern, was sie möchten. Sie müssen nur aushalten, dass ihr Kind grantig und frustriert ist. Das darf es dann nämlich auch sein.“



Aus dem Kind wird ein Erwachsener

Anstrengend ist das Zusammenleben mit Pubertierenden für Eltern allemal. Eine große Chance allerdings auch. „Während der Pubertät meiner eigenen Kinder habe ich viele meiner Werte umgeworfen“, beschreibt Ines Berger ihre persönliche Erfahrung. Das permanente Hinterfragen ihrer Kinder habe sie angeregt, ihr eigenes Verhalten und ihre Grundsätze zu betrachten. „Ist es mir wirklich wichtig, dass mein Kind zur Familienfeier mitkommt? Oder will ich das, weil es die Schwiegermutter oder sonst je- mand erwartet?“ Noch ein Geschenk für Eltern sei es, zu erleben, wie aus ihrem Kind langsam ein Erwachsener wird, der seinen eigenen Weg geht. Für Elisabeth Meixner ist genau das das Faszinierende an dieser turbulenten Umbruchszeit: „Ich habe plötz- lich nicht mehr nur ein Kind vor mir, sondern jemanden, mit dem ich auf Augenhöhe über viele Themen reden kann. Ich merke, dass meine Tochter nachdenkt und eine Meinung hat. Es ist auf einmal richtig interessant, mit ihr zu diskutieren.“ Die eine oder andere spannende Diskussion wird es im Hause Meixner sicherlich auch in den Sommerferien geben. So manchen Konflikt auch. Und bestimmt auch Mutter-Tochter-Shoppingtouren.



sandra lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020