Günther Falkensteiner geht mit voller Kraft durchs Leben und meistert so seine Erkrankung.

IM PORTRÄT

FotoS:  istockphoto/ Imgorthand Charlotte Fischer

Mit Biss durchs Leben

Günther Falkensteiner leidet seit seiner Geburt an einer schwe- ren neurologischen Erkrankung. Dank seines unermüdlichen Willens und vieler Therapien lebt der 40-Jährige heute ein glück- liches und selbstbestimmtes Leben.

Von nichts kommt nichts“ ist das Motto von Günther Falkensteiner. Seit seiner Geburt lebt der heute 40-Jährige danach – und zwar in allen Bereichen. Dem selbstgesteckten Ziel, ohne Schwimmhilfe schwimmen zu lernen, kommt er immer näher. Dabei ist das nicht selbstverständlich. Denn Günther Falken- steiner leidet seit seiner Geburt an einer infantilen Zerebralparese, einer Be- wegungsstörung, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung

liegt. Heute wirkt Günther Falkensteiner jugendlich. Er trägt eine schwarze Brille, seine hellbraunen Haare sind kurz geschnitten.

Einfühlsam, ehrlich und warmherzig beschreibt er sich selbst. Seit gut einem Jahr arbeitet der gebürtige Türnitzer in der Poststelle des Logistikzentrums im Universitätsklinikum St. Pölten. Dort schlichtet er die Post und kontrolliert Inhalte in Excel-Listen. Dass der Mann heute ohne jegliche Gehhilfe einem Beruf nachgehen kann, grenzt an ein Wunder: Bei seiner Geburt kommt es zu einem Sau- erstoffmangel, bald darauf stellen die Ärzte eine infantile Zerebralparese fest. Die ersten Jahre ist er ein Pflegefall und wird von sei- ner Familie zuhause liebevoll betreut. In den Kindergarten kann er nicht gehen, denn damals ist Integration noch kein Thema. Er be- kommt verschiedene Therapien, unter anderem Physiotherapie und Logopädie, die seinen Zustand zusehends verbessern.


Immer in Bewegung

Mit sechs Jahren kommt Günther Falkensteiner schließlich in die Waldschule in Wiener Neustadt. Dort lebt er insgesamt zehn Jahre lang im Internat und schließt den Polytechnischen Lehrgang ab. Danach besucht er einen Vorbereitungslehrgang für die Handels- schule in Wien. Sein Bezug zum Schwimmen ist in jüngeren Jahren noch ein schwieriger: „Das Schwimmen war anfangs sehr müh- sam, da ich große Angst vor dem Wasser hatte“, erzählt er. Mit 13 Jahren gewinnt er dann mehr Vertrauen und der Wassersport macht ihm immer mehr Spaß. Ab diesem Zeitpunkt braucht Günther Falkensteiner auch keinen Rollstuhl mehr. Zuvor war er wegen seiner Gleichgewichtsstörungen immer auf einen Rollator, einen Buggy oder einen Rollstuhl angewiesen. Nach dem Schulabschluss fällt es dem Türnitzer zunächst schwer, eine passende Ausbildung zu finden. Seine therapeutischen Maßnahmen betreibt er daheim weiter: Er schwimmt mit Schwimmflügeln, geht spazieren, fährt Rad auf dem Heimtrainer und spielt sogar Fußball und Tennis. Sein Antrieb damals: „Es war wichtig, in Bewegung zu bleiben. Dadurch habe ich meine komplette Verfassung verbessern können.“ Ab 2002 bekommt er die Möglichkeit, durch einen speziell geschulten Betreuer zwei Praktika im Landesklinikum Lilienfeld zu absolvie- ren. Zur selben Zeit – von 1999 bis 2004 – arbeitet Günther Falkensteiner im Jugendbereich der Türnitzer Fußballmannschaft mit.


Balsam für die Seele

2004 die Wende: Bei einem Badeausflug in der Therme Bad Schallerbach lernt er seine jetzige Ehefrau kennen. Er spielt sofort mit offenen Karten: „Ich habe meine Frau von Anfang an über meine körperliche Behinderung aufgeklärt. Sie hat mich so genommen, wie ich bin und mir die Chance gegeben, mit ihr eine Beziehung aufzubauen. Das ist für einen Menschen mit einer körperlichen Be- hinderung keine Selbstverständlichkeit. Ich verdanke ihr sehr viel.“ Ab diesem Zeitpunkt kann Günther Falkensteiner offener über seine Behinderung sprechen. Gemeinsam mit seiner Frau lebt er in seinem Elternhaus, später zieht das Paar nach Enns. Er arbeitet zu diesem Zeitpunkt im Klinikum in Lilienfeld. Täglich pendelt er von Enns nach Lilienfeld, eher er 2019 ins Universitätsklinikum St. Pölten wechselt. Das Schwimmen begleitet den ehrgeizigen Mann über all die Jahre: 2018 findet er in Linz eine Schwimmtrainerin, die ihn bei seinem sportlichen Ziel unterstützt. Zwei- bis dreimal in der Woche hat Günther Falkensteiner nun Schwimmtraining. „Das körperwarme Wasser ist Balsam für die Seele“, sagt er. Und es sorgt dafür, dass sich spastische Blockaden lösen, seine Beweglich- keit besser und sein Organismus aktiviert wird. Darüber hinaus nimmt er

15 Kilogramm ab und sein Gangbild, seine Spastik und die Feinmotorik verbessern sich. Parallel zum Schwimmunterricht macht Günther Falkensteiner eine Traumatherapie. Sein Leben mit der infantilen Zerebralparese hat seine Spuren hinterlassen. Für seinen Weg bekommt er aber viel Positives zu hören: „Ich bekomme sehr viel Lob, Respekt und Anerkennung.“


Herausforderung statt Schicksal

Günther Falkensteiner hat gelernt, seinen Alltag zu meistern. Ob er trotzdem et- was vermisst? „Ich würde gerne Skifahren. Aber ich bin glücklich mit dem, was ich machen kann. Und beim Schwimmen kann ich mir nicht wehtun, das ist mir lieber.“ Einige Male habe er schon mit seiner Erkrankung gehadert und sich ge- fragt, warum ausgerechnet er daran leidet. Doch irgendwann hat sich Günther Falkensteiner eines geschworen: „Meine Erkrankung ist kein Schicksal, sondern eine Herausforderung, die ich annehme.“ Und so verfolgt er auch sein Ziel weiter, eines Tages in jedem Schwimmbad selbstständig und komplett ohne Schwimmhil- fe schwimmen zu können. Bei jeder Wassertiefe. Irgendwann möchte er auch ans Meer fahren und dann in einem tiefen Gewässer schwimmen. Bei allem Ehrgeiz ist sich Falkensteiner auch bewusst, dass seine Entwicklung nicht selbstverständ- lich ist: „Es gibt spastische Patienten, die 24 Stunden am Tag betreut werden müssen.“ Für den Mann ist klar: Er lässt sich nicht hängen und macht immer wei- ter, auch wenn es manchmal schwerfällt. Denn dank seines Lebensmottos hat es Günther Falkensteiner geschafft, trotz einer schweren Behinderung ein eigenstän- diges Leben zu

führen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2020