Diabetes

FotoS: Wild-und-Team-Salzburg, istockphoto/ Andrey Popov

Diabetes richtig messen

Sensorische Glukosemessungen machen den Fingerstich (beinahe) überflüssig und erleichtern

Menschen mit Diabetes den Alltag.

Für Menschen mit Diabetes mellitus ist es von entscheidender Bedeutung, ständig einen guten Überblick über die eigenen Blut- zuckerwerte zu haben. Zu hohe (Hyperglykämie) oder zu niedrige (Hypoglykämie) Werte manifestieren sich mit schwerwiegen- den oder zumindest äußerst unangenehmen Symptomen, die nicht nur den Alltag des Betroffenen beeinträchtigen, sondern im schlimmsten Fall auch dessen Leben gefährden können. „Schwere Hypoglykämien können nicht nur kurzfristig zu neurologi- schen Ausfällen bis hin zur Bewusstlosigkeit führen, sondern auch potenziell lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen auslö- sen und sogar mittelfristig das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erhöhen“, gibt Prof. Dr. Susanne Kaser, Präsidentin der Ös- terreichischen Diabetes Gesellschaft, zu bedenken.

„Hohe Blutzuckerwerte hingegen können neben den langfristigen Schädigungen in verschiedenen Organen auch kurzfristig zu einem Volumensmangel mit Bewusstseinsänderungen und Nierenversagen führen und bei Menschen mit Typ-1-Diabetes eine lebensgefährliche Ketoazidose, also eine schwerwiegende Stoffwechselentgleisung bei Insulinmangel, auslösen.“


Alternativen zum Fingerstich

Die klassische und nach wie vor weit verbreitete Art, den eigenen Blutzuckerwert im Auge zu behalten, ist die kapillare (oder „blutige“) Messung. Verwendet werden dafür ein Messgerät und eine Stechhilfe: Der Patient sticht sich mehrmals täglich – circa zwischen vier und sieben Mal – in die Fingerkuppe. Der kleine Tropfen Blut wird auf einen Teststrei- fen aufgetragen, der den aktuellen Blutzuckerwert innerhalb weniger Sekunden anzeigt. Auch wenn sich die meisten an diese Prozedur mit der Zeit gewöhnen, stellt sie eine täg- liche Belastung dar. Die Medizin sucht schon seit Langem nach alternativen alltagstaugli- chen und vor allem sicheren Lösungen für die Glukosemessung. „In den vergangenen Jahrzehnten wurden in der Diabetes-Technik große Fortschritte erzielt“, zeigt sich Kaser zufrieden.


CGM-System

Ist von „sensorischer Glukosemessung“ die Rede, unterscheidet man zwischen zwei Sys- temen: das kontinuierliche Glukose-Monitoring (CGM) sowie das Flash-Glukose-Monto- ring (FGM). „Unter kontinuierlichem Glukosemonitoring versteht man eine durchgehende

Messung der Gewebsglukosekonzentration“, erklärt die Expertin. Das bedeutet, dass – im Gegensatz zur konventionellen kapillaren Messung – hier nicht der Zucker im Blut, sondern im Unterhautfettgewebe ge- messen wird. „Es ist wichtig zu wissen, dass die Ge- websglukose nicht dem Blutzucker  gleichzusetzen ist. Eine Veränderung des Blutzuckers macht sich erst zeitverzögert – wir reden hier von wenigen Minu- ten – durch eine Änderung des Gewebeglukosewer- tes bemerkbar.“ Ein runder Sensor mit einem Um- fang von etwa 35 Millimetern wird mit Hilfe eines Ap- plikators (Patch) je nach System entweder auf der Rückseite des Oberarms oder am Bauch ange- bracht; der Großteil der Patienten empfindet diesen Vorgang als schmerzlos. Via Transmitter sendet die- ser Sensor an ein entsprechendes Anzeigegerät – dies kann entweder das firmeneigene Lesegerät oder auch das eigene Smartphone sein. Die dort an- gezeigte Grafik gibt einen guten Überblick über den

individuellen Verlauf der Glukosewerte. Expertin Kaser sagt: „Das bedeutet für die Pati- enten, dass nicht so sehr der Absolutwert relevant ist, sondern vielmehr der Trend. Das heißt: Sinkt der Blutzucker gerade oder steigt er? Wie stark sinkt oder steigt er?“ Ein „we- sentlicher Vorteil“ eines CGM-Systems ist, betont die Fachärztin, „dass Alarme abgege- ben werden, wenn der Glukosewert im Begriff ist, gefährlich zu fallen oder zu steigen. Dies ist vor allem bei Patienten mit schlechter oder fehlender Hypoglykämiewahrneh- mung wichtig.“ Auch bei starken Blutzucker-Schwankungen oder einer generellen Ge- fährdung von Unterzuckerungen ist ein CGM-System empfehlenswert – immerhin misst dieses System bis zu 1.400 Mal täglich.


Alternative: FGM-System

Auch beim Flash-Glukose-Monitoring (FGM) wird unblutig die Gewebsglukosekonzentra- tion bestimmt. „Aufgrund der Messung im Gewebe gilt auch beim FGM-System, dass der angezeigte Wert in der Regel nicht ident mit dem Blutzuckerwert ist“, betont Kaser. „Im Gegensatz zum klassischen CGM-System wird allerdings der gemessene Wert nicht automatisch angezeigt, sondern muss nach dem Scannen abgelesen werden. Dabei fährt der Patient einfach mit einem entsprechenden Lesegerät über den Sensor.“ Das Endgerät liest dabei nicht nur den aktuellen Glukosewert ab, sondern anhand eines ein- gebauten Algorithmus werden auch die Daten der letzten acht Stunden gespeichert und angezeigt. Wie beim CGM-System ergibt sich so eine leicht verständliche Trendanalyse. „Ein FGM-System ist für all jene Patienten geeignet, die häufig ihre Glukosewerte aus

therapeutischen Gründen kontrollieren müssen.“


Den Lebensstil anpassen

Immer wieder ist auch von anderen, zum Teil gänzlich nicht-invasiven Blutzucker-Messgeräten zu lesen: So gibt es Versuche mit einem Hand- schuh mit elektromagnetischen Wellen; Wissen- schafter aus Beirut wollen eine „smarte“ Kontakt- linse, die den Zuckerwert in der Tränenflüssigkeit misst, erfunden haben. Angeblich soll bald eine Smartwatch mit Blutzuckermessung auf den Markt kommen – und ein deutsches Start-up-Unterneh- men wirbt mit Laser-Blutzuckermessgeräten.

„All diese Methoden sind noch nicht im klinischen Alltag angekommen und benötigen noch entspre- chende Evaluierung in Studien“, findet Expertin

Kaser dazu klare Worte. Die Vorteile einer sensorischen Glukosemessung liegen dafür umso deutlicher auf der Hand, betont sie: Im Gegensatz zur Momentaufnahme einer klassischen Blutzuckermessung gibt die Grafik eines FGM- und CGM-Systems sowohl dem Patienten als auch dem Arzt einen guten Überblick darüber, wie sich die Glukose im Laufe des Tages, aber auch während der Nachtruhe, verhält und ob eventuell Schwankungen vorliegen. „Für viele Patienten bringen diese modernen Tech- nologien eine enorme Erleichterung im Alltag – vor allem, weil das häufige blutige Messen wegfällt“, weiß Kaser und ergänzt: „Mittels kontinuierlichem Glukosemonitoring ist es möglich, nicht nur den Einfluss von Ernährung, sondern auch von körperli- cher Bewegung und Sport auf den Glukoseverlauf detailliert nachzuverfolgen. Das kann sehr stark zur Motivation beitragen, den eigenen Lebensstil entsprechend anzupassen und die Diabetestherapie zu optimieren.“ Für den Alltag praktisch sei zu- dem, dass „die Glukosedaten auch an Dritte übermittelt werden können, was vor allem für Eltern von Kindern mit Diabetes ein großer Vorteil ist“, so die Ärztin.


Gemeinsam entscheiden

Die Handhabung solcher Systeme ist einfach – auch deshalb, weil im Verlauf der Jahre die sensorischen Messgeräte immer be- nutzerfreundlicher (und kleiner) geworden sind. Zwar muss man als Patient nicht technikaffin sein, um mit einem CGM- oder FGM-System im Alltag zurechtzukommen, allerdings sollte man – zumindest im Vergleich zu blutigen Messungen – mit großen Datenmengen umgehen und diese lesen können. Entsprechende Einschulungen sind aus diesem Grund für CGM- und FGM- Patienten von großer Bedeutung.

Ob solche Systeme für den Patienten überhaupt sinnvoll sind, entscheidet dieser gemeinsam mit dem behandelnden Arzt. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur dann, wenn die Notwendigkeit von speziellen Insulintherapien besteht.


Manuel Simbürger

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021