Coaching

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Mehr Leichtigkeit

Ob Jobwechsel, Probleme in der Partnerschaft, Selbstfindung oder Ernährungsumstellung:

Coaching ist für all jene geeignet, die etwas verändern möchten.

Coaching boomt. Besonders in Management-Kreisen gilt es als fast schon selbstverständlich, um seine Ziele so effektiv wie möglich zu erreichen. Karriere ist aber nur ein Bereich, in dem es um Selbstbestimmung, Selbstfindung und Selbstkompetenz geht. Auch in Sachen Gesundheit, Ernährung, Partnerschaft oder soziales Miteinander nehmen immer mehr Menschen die Hilfe eines professionellen Coachings an. Dabei geht es aber um viel mehr als bloß um Selbst-optimierung: Eine Coachin, ein Coach hilft dabei, die individuellen Stärken und Schwächen zu erkennen und das Leben so gut als möglich nach den eigenen Bedürf- nissen zu gestalten. Trotz der steigenden Popularität gibt es dazu immer noch viele Missverständnisse, Mythen und Vorurteile. GESUND & LEBEN hat die wichtigsten Fragen rund um das Thema Coaching einer Person gestellt, die weiß, wovon sie spricht: Mag. Christa Simmet-Jäger ist Psychologin und bietet Coaching an.


1. Was versteht man unter Coaching?

„Coaching ist ein interaktiver und personenzentrierter Begleitprozess, der berufliche und pri- vate Inhalte umfassen kann. Es geht darum, das Potenzial der Kundinnen und Kunden zu akti- vieren. Die Coaches sind Expertinnen und Experten für den Prozess, die Kundinnen und Kun- den sind Spezialisten für ihr Thema bzw. für das Ergebnis. Die Coaches maßen sich nicht an, es besser zu wissen. Allerdings können sie Konsequenzen aufzeigen und die Rolle des Spie- gels übernehmen, in dem sich jemand selbst erkennen kann. Im Coaching eröffnen sich neue Sichtweisen und die Handlungsmöglichkeiten werden erweitert. Das stärkt wiederum die Selbstwirksamkeit. Der Coach bzw. die Coachin übernimmt dabei die Funktion eines Katalysa-

tors. Auf der Reise lernt jemand mit Hindernissen umzugehen. Die Erfahrungen, das erweiter- te Wissen um die Stärken und Ressourcen und jede Menge interessante Tools werden sie oder ihn zum Ziel bringen und nachträglich stärken.“


2. Worin besteht der Unterschied zur Psychotherapie?

„Stehen psychische und psychosomatische Erkrankungen im Vordergrund, ist eine psycho- therapeutische oder eine klinisch-psychologische Behandlung indiziert. Eine Zusammenarbeit von Coaches mit Psychotherapeutinnen und -therapeuten ist allerdings in beide Richtungen überaus sinnvoll: Coaches können die Psychotherapie verstärken und unterstützen.“


3. Gibt es verschiedene Coaching-Methoden?

„Es gibt ein ganzes Universum an verschiedenen interessanten Coaching-Methoden und Tools. Die größte Kunst im Coaching ist es, passende und kreative Fragen zu stellen, die Res- sourcen erschließen und zu neuen Perspektiven führen. Diese können irritieren, anregen und sollen zu einem Austausch führen, der sich von unseren gewohnten zwischenmenschlichen Gesprächen abhebt. Visualisierungen und Aufstellungen helfen, Beziehungsstrukturen sowie bestimmte Sachverhalte klarer zu sehen und die Dinge nach außen zu lenken. Das erzeugt eine gewisse Distanz und ermöglicht es, eine neue Perspektive einzunehmen.“


4. Wann merkt man, dass es Zeit für ein Coaching ist?

„Ein Coaching ist in Bezug auf viele Herausforderungen hilfreich, vor allem aber in Zeiten, in denen sich jemand verunsichert, belastet, gestresst oder einfach nicht gut genug fühlt. Genauso kann es unterstützen, wenn jemand das Gefühl hat, an sich vorbei zu leben oder wenn Sorgen einen belasten und den Schlaf rauben. Gerade in der momentanen Corona-Krise kann es zu Mehrfachbelastungen kommen. Weil alte Gewohnheiten fehlen, die früher Sicherheit gegeben haben, ist eine Unterstützung sinnvoll. Auch der Wunsch, dem inneren Saboteur auf die Spur zu kommen, lässt viele Menschen einen Coach aufsuchen.“


5. Für wen ist Coaching geeignet?

„Für all jene, die etwas in ihrem Leben verändern möchten und sich Unterstützung, Orientierung und Stärkung wünschen. Aber es geht nicht nur um Veränderung, es geht auch ums Beibehalten der eigenen Gesundheit, Arbeitsfähigkeit, Freude an der Arbeit und um private Beziehungen. Coaching ist aber auch für Personen geeignet, die ihr Wachstum in Richtung Potenzi- alentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung fördern möchten. Außerdem bringt ein Coaching eine Stärkung des Selbstwertes mit sich. Coaching ist auch geeignet, wenn man effizient mit seiner Zeit umgehen lernen möchte. So können etwa gezielt die aktuellen beruflichen und privaten Fragen sortiert, reflektiert und der nächste Schritt skizziert werden. Das bringt nicht nur eine Leichtigkeit ins Leben, sondern spart auch Zeit und erleichtert die Trennung von Beruf und Freizeit. Weiters ist Coaching für Führungskräfte oder Unternehmerinnen und Unternehmer hilfreich, die etwas für ihre Mitarbeitenden tun möchten. Sie können so deren Arbeitsfähigkeit, Motivation und Resilienz stärken.“


6. Wie kann man sich Coaching in der Praxis vorstellen?

„In den meisten Fällen findet ein Coaching in zweiwöchigen Abständen statt. In der Zeit dazwischen können die Kundinnen und Kunden ihre neuen Erfahrungen verarbeiten und integrieren – manchmal gibt es auch Aufgaben für diese Phase. Eine Ein- heit dauert 50 Minuten, vereinzelt gibt es auch längere Sitzungen. Um diese bequem von zuhause durchführen zu können, gibt es die Möglichkeit des Online-Coachings.“


7. Was sind die Grenzen eines Coachings?

„Ein Coaching kann nur dann greifen, wenn sich die Kundin bzw. der Kunde aktiv auf den Prozess einlässt. Ohne aktive Mitarbeit gibt es keine Veränderungen und auch keine Erfolge. Und manchmal braucht es das Gespräch mit einer Psychologin oder einem Psy- chologen, gerade wenn es um Begleitung, Verständnis und Mitgefühl in schwierigen Le- bensphasen und Situationen geht, wie beispielsweise nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Übrigens: Ein Coaching muss nicht zwingend zu einer kompletten Persön- lichkeitsentwicklung führen! Manchmal reicht es auch, eine neue Sichtweise auf ein The- ma zu gewinnen, eine schwere Entscheidung treffen zu können oder die Phase der Job- suche zuversichtlich zu überstehen.“


8. Kann man sich selbst coachen?

„Selbstcoaching gelingt nicht durch eine einzige Methode, die man in Kürze erlernen kann – es gibt zahlreiche nützliche Methoden, die im Internet angeboten werden. Online- kurse, Bücher und Podcasts können einem bis zu einem gewissen Punkt – wenn es um einfachere Sachverhalte und um die bloße Selbstreflexion geht – durchaus helfen. Meine Erfahrung spiegeln diesbezüglich aber die Ergebnisse einer Studie wider, dass dabei die Gefahr der Selbsttäuschung besteht. Immerhin fehlt das richtungsweisende Feed-

back. Ängste oder ‚Aufschieberitis‘ führen oft zu einem Scheitern, was mitunter mit weiteren Frustrationen einhergeht, weil das Gefühl, es nicht geschafft zu haben beziehungsweise sein Ziel nicht erreicht zu haben, erneut auftaucht.“


Manuel Simbürger

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2021